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Vergewaltiger kommen oft aus dunklen Ecken. Auch metaphorisch gesprochen. Aber muss man sie wegen ihrer teils schlimmen Vergangenheit auch selbst als Opfer sehen?

Foto: Bernd Vonau / photocase

Vergewaltiger tun Unverzeihliches. Sie quälen ihr Opfer, tun ihm psychische und physische Gewalt an, demütigen es, missbrauchen es. Viele Opfer erholen sich psychisch nicht von der Tat und erkranken.

Dennoch wird derzeit häufiger der Versuch gewagt, Vergewaltiger zu verstehen. Vor allem auch solche, die besonders brutal vorgehen. Die nicht einmal versuchen können, ihr Verbrechen mit einem angeblich überhörten „Nein“ zu relativieren. Man will ihnen trotz der Abscheulichkeit ihrer Tat ein Gesicht geben, Menschlichkeit zusprechen.

So unter anderem Winnie M Li, die die Vergewaltigung an ihr im Roman „Nein“ verarbeitete. Sie erzählt darin aus eigener Perspektive, aber auch aus der des Täters. Das Hörbuch Tinnitus funktioniert ähnlich, es beschreibt das Leben eines Vergewaltigers nach der Tat. Leser und Hörer sympathisieren so zwangsläufig irgendwann mit dem Täter.

Aber ist das angemessen? Das haben wir den Psychotherapeuten Christian Lüdke gefragt. Er ist spezialisiert darauf, Täterverhalten zu analysieren, arbeitet aber auch und vor allem mit Opfern zusammen.

jetzt: Herr Lüdke, wie wird ein Mensch zum Vergewaltiger?

Christian Lüdke: Keiner wird als Vergewaltiger geboren. Man wird dazu gemacht, in einem langen Prozess. Da spielen persönliche Faktoren wie Herkunft, Umwelt, Erfahrungen eine Rolle. Vergewaltiger sind oft ängstliche Menschen, die sich als hilflos und ohnmächtig erleben. Sie vergewaltigen also, um sich in einer Situation mächtig oder gar allmächtig fühlen zu können. Während sie einen anderen verletzen und demütigen, haben sie das Gefühl, so endlich die Kontrolle zu haben.

Ist ein Täter also oft auch Opfer?

Nein. Täter sind grundsätzlich etwas anderes als Opfer. Es gibt aber viele Täter, die zuvor Opfer waren. Gerade bei Vergewaltigern gibt es einige, die über Jahre hinweg von ihren Vätern anal vergewaltigt wurden. So kann man sich den Hass erklären, weil viele sich von ihren Müttern im Stich gelassen fühlten. Aber nicht aus all diesen Opfern werden später zwangsläufig Täter. Bei einer Tat wie einer Vergewaltigung ist der Täter also immer nur Täter. Nichts anderes.

Vergewaltiger sind demnach aber oft Menschen, die erst durch eigenes Leid zum Täter werden. Muss ich deshalb Verständnis für sie aufbringen?

Nein, gar nicht, null. Man muss und darf kein Verständnis haben. Denn Verstehen heißt immer auch, Empathie und Sympathie zu haben – und so verbinden sie sich automatisch mit dem Täter. Sie machen sich so quasi zur Mittäterin.

„Eine Mitschuld bei den Opfern zu suchen, verharmlost die Tat“

Empfinden Sie es demnach als unmenschlich dem Opfer gegenüber, wenn man dem Täter Verständnis einräumen will?

Unmenschlich nicht. Wir leben in einer Demokratie. Wenn sie auf Gerichtsprozesse gucken, dann geht es darin auch darum, Täterverhalten zu erklären. Das Motiv und der Hintergrund des Täters ist ja nicht unerheblich für das Strafmaß. Und das kann man verwechseln; eigentlich ist erklären aber das Gegenteil von verstehen. Man muss beim Erklären nicht mit dem Täter mitfühlen und mit ihm sympathisieren. Ich analysiere ja selbst Täterverhalten. Aber nur mit dem Ziel, präventive Ansätze daraus zu ziehen, potenzielle Opfer schützen zu können.  

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Christian Lüdke ist Psychotherapeut, Klinischer Hypnotherapeut, Traumaexperte. Er hilft nicht nur Opfern in akuten psychischen Notlagen, sondern analysiert auch Täterverhalten.

Foto: privat

Viele wollen aber richtig verstehen. Gerade Opfer fragen sich immer wieder: „Warum hat er gerade mich ausgesucht? Warum hat er mir das angetan?“

Es liegt in der Natur des Menschen, verstehen zu wollen, warum Gewalttaten geschehen. Plakate von Demonstrierenden oder Trauernden fragen danach ja auch immer: „Warum?“ Aber man kann nicht verstehen, warum. Und das macht die Leute so fertig: die Sinnlosigkeit der Tat.

Das sieht man gut, wenn man die Folgen einer Gewalttat mit denen von Naturkatastrophen vergleicht. Bei Letzeren können Menschen das gleiche Leid erleben wie durch Gewalttaten – und doch entwickeln nur zwei Prozent der Betroffenen psychische Belastungsstörungen. Nach Gewalttaten passiert das im Großteil der Fälle. Und das liegt daran, dass man nicht nachvollziehen kann, warum Menschen so etwas anrichten.

Das führt dann oft dazu, dass eine Mitschuld bei den Opfern gesucht wird. Gerade von den Opfern selbst. Wie kann das sein?

Schuldgefühle gehören bei Opfern immer dazu. Sie glauben, sie hätten sich besser schützen müssen. Manchmal geht es dann eben soweit, dass sie sich denken, sie hätten es nicht besser verdient oder dem Täter mit ihrem Verhalten Anreiz gegeben. „Der konnte ja nicht anders, als mich zu vergewaltigen.“ Ich halte das für extrem kritisch. Das man muss den Opfern sagen. Denn es verharmlost immer die Tat und macht die Opfer zu Mittätern.

Winnie M Li ging bis in die Kindheit des Täters zurück und suchte dort Gründe für seine Entwicklung zum Vergewaltiger. Wie kommt ein Opfer dazu?

Es gibt ein Phänomen, das nennt sich paradoxe Dankbarkeit. Das Opfer denkt dabei: „Es hätte ja auch schlimmer kommen können. Er hätte mich umbringen können.“ Das Opfer ist dankbar dafür, dass der Täter ihm das erspart hat. Und setzt sich mehr und mehr mit ihm auseinander, verbindet sich innerlich mit ihm. Es ist ein psychischer Schutzmechanismus.

Kann es denn gar nicht hilfreich sein, sich als Opfer mit seinem Vergewaltiger auseinanderzusetzen?

Ich kenne nur drei Fälle, in denen die Opfer den Wunsch hatten, dem Vergewaltiger gegenüberzutreten. Die Frauen haben die Täter im Knast besucht und darauf eingewirkt, dass die eine Therapie machen. So haben sie sich die Kontrolle wieder zurückgeholt. In seltenen Fällen kann das für die Verarbeitung wichtig sein. Ich würde aber immer davon abraten. Die Auseinandersetzung richtet meiner Meinung nach eher Schaden an.

„Raum in den Medien macht Täter zu Siegern“

Inwiefern?

Es verhindert, die eigenen Gefühle von Wut und Trauer loszuwerden, die Verarbeitung kommt so nicht voran. Gesund werden Opfer eher, wenn sie vergeben und verzeihen und lernen, auf Rache zu verzichten. Wenn das Opfer in der Lage dazu ist, dann kann es das Geschehene oft rückstandslos verarbeiten.

Aber muss man denn nicht Verständnis für jemanden haben, um ihm vergeben zu können?

Nein. Opfer müssen sich dafür nicht von ihrer eigenen Geschichte und ihren Gefühlen entfernen. Es ist vielmehr so: Jedes Mal, wenn sie sich mit dem Thema beschäftigen und versuchen, sich das zu erklären, blockieren sie ihre eigenen Gefühle. Setzen sie sich mit dem Täter auseinander, entwickeln sie ja Empathie für ihn und übernehmen so letztlich selbst Täteranteile, bewusst oder unterbewusst. Dadurch ist es nicht möglich, das Ganze zu verarbeiten.

Was halten Sie dann von medialen Versuchen, die Täterperspektive einzunehmen?

Ich halte gar nichts davon. Ich habe viele Jahre bei der Polizei gearbeitet, Spezialeinheiten wie die SEK ausgebildet, war bei Einsätzen dabei, habe schreckliche Dinge gesehen. Von daher stehe ich auf der Opferseite. Mich ärgert deshalb seit 30 Jahren, wenn Tätern immer wieder diese Stimme gegeben wird. Egal ob von den Opfern selbst oder von Medien. Denn der Raum in den Medien macht Täter zu Siegern. Sie bekommen Aufmerksamkeit, von ihnen geht die Faszination des Abscheulichen aus. So macht man die Opfer zum zweiten Mal zu Opfern.

Nicht jeder Vergewaltiger musste oder muss mit Konsequenzen rechnen: