„Heute gibt es mehr schöne Frauen in der Öffentlichkeit, aber sie sehen sich auch immer ähnlicher“

Foto: Emil Malmborg

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Die feministischen Comics der schwedischen Autorin und Politikwissenschaftlerin Liv Strömquist, 43, sind mittlerweile Kult. Strömquist hat schon die Kulturgeschichte der Vulva illustriert, den Ursprung der Liebe und zuletzt, in „Ich fühl’s nicht“, die Liebe im Kapitalismus. Wenig überraschend, dass sie sich in ihrer neuen Graphic Novel „Im Spiegelsaal“ mit Geschichten und Theorien rund um Schönheit beschäftigt. Ein Thema, das für die klassische Philosophie genauso wichtig ist wie für die Popkultur. Und eines, das uns alle betrifft. Strömquist erklärt ihre Analyse auch anhand von verschiedenen prominenten Figuren. In „Im Spiegelsaal“ geht es mal um Schneewittchens schönheitsbesessene Mutter, um die schönheitsbesessene Kaiserin Sissi und, natürlich, um die – auf eine etwas andere Art – schönheitsbesessenen Kardashians. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, wie Schönheitsnormen uns heute beeinflussen – und was sich im Laufe der Zeit daran maßgeblich verändert hat. 

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Die lustigen Sachcomics von Liv Strömquist gehören zu den meist verkauften Graphic Novels weltweit. In „Im Spiegelsaal“ geht es darum, wie sich unser Schönheitsempfinden  mit der Zeit verändert hat.

Credit: Liv Strömquist
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Credit: Liv Strömquist
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Credit: Liv Strömquist
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Credit: Liv Strömquist

jetzt: Deine Graphic Novel beginnt mit den Kardashian-Schwestern, und auch später beziehst du dich immer wieder auf sie, um die Schönheitsnormen unserer Zeit zu analysieren. Wer ist denn deine favorite Kardashian?

Liv Strömquist (lacht): Hm … ich denke Khloé ist mein favorite! An zweiter Stelle dann Kim und dann vielleicht noch Kourtney. Aber eigentlich mag ich sie ja alle. 

Hat deine besondere Sympathie für Khloé denn auch etwas mit dem Schönheitsempfinden zu tun, das sie repräsentiert? Also damit, dass sie immer wieder mit ihrem Aussehen gehadert hat?

In erster Linie wirkt Khloé einfach wie eine sehr liebe Person. Aber sie ist eben auch die verletzlichste von allen Kardashians. Und das hat durchaus etwas mit Schönheitsnormen zu tun. Denn Khloé musste in der Vergangenheit die Erfahrung machen, nicht so schön zu sein wie ihre Schwestern. Wie man bei deren Reality-Show Keeping up with the Kardashians gesehen hat, haderte sie früher vor allem mit ihrem Gewicht.

Das hat sie unglücklich und unsicher gemacht. Vor einigen Monaten gab es dieses eine Bikinifoto von ihr, das aus Versehen veröffentlicht wurde – und zwar unbearbeitet, ganz ohne Filter. Ihre Anwälte haben daraufhin wie verrückt versucht, das Bild komplett aus dem Internet zu verbannen. Das sagt viel über unsere Zeit aus. Dieser heftige Druck, auf einem Foto perfekt auszusehen. Den bekommt Khloe zu spüren. Aber sie kann es niemandem recht machen. Erst haben Menschen sie dafür runtergemacht, nicht schön genug zu sein. Dann dafür, zu schön sein zu wollen.

„Die Kardashians schlagen Profit daraus, dass Frauen Probleme mit ihren Körpern haben“

In „Im Spiegelsaal“ geht es aber besonders um Schönheit im Zusammenhang mit Kylie und Kim. Wer von den beiden übt denn einen negativeren Einfluss auf die Schönheitsnormen unserer Zeit aus?

Bei beiden gibt es da Positives wie Negatives. Aber eine Sache vermitteln alle Kardashians: das Ideal, immer extrem aufs oberflächliche Perfekt-Aussehen fokussiert sein zu müssen. Und das kreiert Stress. Man sieht das übrigens auch an den Produkten, die sie verkaufen: Shape Wear zum Beispiel, diese wahnsinnig unkomfortable Unterwäsche. Oder ein fragwürdiges Collagen-Pulver, das angeblich eine glatte Haut machen soll, dessen Wirkung wissenschaftlich aber überhaupt nicht belegt ist. Die Kardashians schlagen Profit daraus, dass Frauen Probleme mit ihren Körpern haben. Das ist echt nicht empowering.

Am Anfang, als Kim Kardashian immer bekannter wurde, hat man sie ja noch dafür gepriesen, dass sie mit ihrem breiteren Hintern das Schönheitsideal verändere, weg vom Schlankheitswahn. 

Dieses neue Ideal ist auch wieder normiert: Großer Hintern – ja. Aber du brauchst dann auch einen flachen Bauch und eine dünne Taille. Inklusiver ist es nicht geworden. 

„Wenn sich eine Frau gerne schminkt, ist das nicht gleich ein Zeichen von Unterdrückung“

Manchmal habe ich echt viel Spaß an Skincare und Make-up. Ab und zu fühle ich mich deshalb wie ein Konsumopfer. Aber wäre ich wirklich befreiter von den Schönheitsnormen, wenn ich ab sofort auf meine Cremes und Schminke verzichten und mich ganz „natürlich“ geben würde?

Der Genuss von allem Schönen ist ein wunderbarer Teil des Lebens. Wenn sich eine Frau gerne schminkt, ist das nicht gleich ein Zeichen von Unterdrückung. Gefallen an der eigenen Schönheit zu finden und es zu genießen, den Körper zu gestalten, kann man auch als auch als Gegensatz zu den heutigen Idealen verstehen. Wir wollen heutzutage immer super rational optimiert sein, alles muss einen klaren Nutzen haben. Sich ganz der Schönheit hinzugeben, ist im Vergleich dazu eigentlich bedeutungslos. Du solltest es also nicht ganz aufgeben, deine Schönheit auf diese Art zu genießen, nein. 

Bei der Lektüre deiner Comics hatte ich auch manchmal das Gefühl: Das mit der Schönheit ist ganz schön verschachtelt, weil es eben doch auch mit Zwängen verbunden ist. 

Ich denke, ein bestimmtes Hin- und Hergerissensein kennen viele Frauen. Auf der einen Seite fühlt man Unsicherheiten und Ängste. Man fühlt sich, als würde man sein Leben damit verschwenden, nur noch daran zu denken, unbedingt fünf Kilo abnehmen zu müssen. Man will keinen Badeanzug tragen und verzichtet darauf, im Meer zu schwimmen, weil man sich unwohl fühlt. Auf der anderen Seite haben viele Frauen Freude daran, ihre Körper zu gestalten. Vielleicht sollte man darüber insgesamt mehr sprechen.

In deiner Graphic Novel geht es hauptsächlich um die Kulturgeschichte weiblicher Schönheitsideale. Aber warum betrifft es denn vor allem Frauen, schön sein zu müssen?

In der Geschichte war das Symbolisch-Weibliche immer mit Schönheit verbunden. Die Göttinnen der Schönheit, Liebe und Sexualität sind in jeder Kultur weibliche Figuren. Schon in der Kunst der Steinzeit findet man am häufigsten den nackten weiblichen Körper. Wahrscheinlich hatten die Menschen damals also schon eine Obsession mit weiblicher Schönheit, so wie wir heute. Aus feministischer Perspektive würde ich ergänzen: Dass man Schönheit oft eher mit Weiblichkeit verbindet, hat auch damit zu tun, dass Männer die Macht haben –und den sogenannten male gaze. Männer sind die Subjekte, die Frauen durch ihre Blicke objektifizieren.

Aber Männer unterliegen ja mittlerweile auch Schönheitsidealen? 

Tatsächlich glaube ich, dass Männer verstärkt zum Ziel von Werbung der Beauty-Industrie geworden sind. Mein Vater und Großvater haben nicht so viele Kosmetikprodukte benutzt wie die Männer heutzutage, höchstens mal ein Aftershave. Und in einem Kapitel meiner Graphic Novel geht es auch darum, wie „der freie Markt der Liebe“ deutlich mehr Druck auf das Aussehen von uns allen ausübt – natürlich auch auf Männer. Die fühlen sich schließlich auch zurückgewiesen, weil sie nicht aussehen wie vermeintlich echte Kerle. Diese Zurückweisung spielt letztlich auch in der INCEL-Kultur eine große Rolle. (Anm. d. Red: Incel steht für „involuntary celibate men“, also für unfreiwillig im Zölibat lebende Männer).

Also ist das ein Effekt des Kapitalismus?

Ich denke, dass Männer heutzutage unsicherer mit ihrem eigenen Aussehen geworden sind. Das liegt aber eben nicht nur am Spätkapitalismus, sondern auch an der Technologisierung. Social Media und Smartphones verändern, worauf wir uns fokussieren. Zum Beispiel bei Tinder, wenn wir nur noch mit einem Bild und mit Zahlen – der Körpergröße zum Beispiel – überzeugen müssen und nicht mehr mit Charisma, so wie im echten Leben. 

„Heutzutage gibt es viel mehr Vergleichbarkeit. Dann ist da immer die Frage: Wie ähnlich sehe ich Kylie Jenner?“

Wie hat sich denn unser Verhältnis zu Schönheit im Vergleich zu früher noch verändert? 

Die größte Veränderung kam durch die Fotografie. Denn davor gab es noch in jedem Dorf und jeder Stadt die eine „schönste Frau“. Diese schönsten Frauen konnten sich stärker voneinander unterscheiden. Sie konnten gut riechen, hatten einen besonderen Glanz in den Augen, einen schönen Gang – all das, was in Fotos verlorengeht. Man konnte bestimmte Aspekte der Schönheit noch nicht festhalten.  

Heutzutage gibt es durch die Verbreitung von Fotos viel mehr Vergleichbarkeit. Dann ist da immer die Frage: Wie ähnlich sehe ich Kylie Jenner? Mithilfe von Schönheits-Ops kann man das auch umsetzen, sich so verändern, dass man sich tatsächlich immer ähnlicher sieht. Das merkt man ja bei Promis, wie sie alle die gleichen Hintern, Nasen und Brüste haben. Heute gibt es viel mehr schöne Frauen in der Öffentlichkeit, aber sie sehen sich auch immer ähnlicher. 

Du schreibst, dass Social Media uns alle zu Promis macht. Warum? 

Wir leben in einer Zeit, in der viel mehr Menschen berühmt werden, wir haben mehr Micro-Celebrities. Damit ist die Erfahrung, berühmt zu sein, generell üblicher geworden. Vielleicht postest du nur Fotos davon, was du am Wochenende gemacht hast. Aber dabei musst du dich eben auch fragen: Welche Aspekte des Wochenendes zeigst du? Nur das Frühstück? Oder auch, dass du mal weinen musstest? Dass dein Haus komplett chaotisch ist? Wir alle haben auf Social Media automatisch eine eigene PR-Strategie. Wir kuratieren, was wir zeigen und was wir verbergen. Das Bezeichnende des Promi-Daseins ist, dass man sich spaltet: Man kreiert eine öffentliche Persona. Und diese Spaltung muss jeder vollziehen, der einen Social Media-Account hat. 

Es gibt ja auch Bewegungen auf Social Media, die all den perfekt kuratierten Bildern entgegenwirken wollen, mehr realness zeigen. Du schreibst aber, so wirklich subversiv sei das auch nicht. 

Ich denke schon, dass das einen positiven Effekt haben kann. Vor allem das Body-Positivity-Movement kann beeinflussen, wie wohl sich Menschen in ihren eigenen Körpern fühlen. Aber wenn man sich solchen vermeintlich realen Content anschaut, muss man trotzdem bedenken: Auch der ist limitiert. Auf Instagram gibt es ein Skript der Gefühle, das sich an den möglichen Reaktionen orientiert, die man hervorrufen kann: etwa das Feuer-Emoji, ein Klatschen, einen lachenden Smiley und so weiter. Wenn du etwas postest, möchtest du Likes dafür bekommen. Etwas, das so richtig unlikeable ist, funktioniert nicht. In dieser Logik ist es fast besser, sich mal weinend und verletzlich zu zeigen. Denn dadurch bekommt man Likes. Du kannst aber nicht so einfach posten, dass du anderen gegenüber extrem neidisch, hasserfüllt oder verbittert bist. So ganz tiefe negative Gefühle kommen eben nicht gut an. Es gibt also ein ganz kleines Spektrum der Likeability. Und alles, was du postest, richtet sich danach.

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