„Wer ist dieser neue Typ?“

Wie meine Kinder mit meiner offenen Beziehung umgehen.
Von Katja Lewina

Illustration: Julia Schubert

Ich weiß nicht mehr, welches meiner Kinder die Frage zuerst stellte, aber gefragt haben sie sie inzwischen schon alle drei: „Wenn es Papa nicht gäbe, würdest du dann L. heiraten?“ Meine Antwort ist immer die gleiche: „Ich kann mir keine Welt vorstellen, in der es Papa nicht gibt.“ Papa, das ist mein Mann, und L., das ist mein Freund. Meine drei Kinder wissen nicht nur, dass es noch einen weiteren Mann in meinem Leben gibt, sie haben im letzten Jahr auch dafür gesorgt, dass er zu einem selbstverständlichen Teil unserer Familie wurde. Fragen haben sie natürlich trotzdem. Und wir beantworten sie gern.

Das war nicht immer so. Gerade in den ersten Jahren unserer offenen Beziehung wollten wir unbedingt vermeiden, dass die Kinder etwas davon mitbekommen. Schließlich ging unser Sexleben sie nichts an, und wer weiß, nachher würde es sie noch irgendwie traumatisieren. Bis Kind Nr. 1, damals acht, durch einen Zufall mitbekam, dass ich einen Bekannten datete. Und sofort alles darüber wissen wollte, was das denn nun bedeuten könnte, inklusive „Trennt ihr euch jetzt?“. Aus unserem trennungsgeplagten Umfeld kannte es bisher eben nur diese eine Version von außerehelicher Verliebtheit: Mutti und Vati leben glücklich zusammen, bis jemand Neues kommt. Dann kommt der große Krach und irgendwer zieht aus. Die Frage, warum andere Menschen nichts an der Liebe ihrer Eltern zueinander änderten, dominierte unsere Gespräche über Monate. Am Ende verschwand die Verunsicherung unseres Kindes, seine Neugierde blieb.

Spätestens nach einem halben Jahr fühlte es sich unnatürlich an, L. aus unserem Leben rauszuhalten

„Wer ist dieser neue Typ?“, fragte es immer, „Ich will den kennenlernen!“ Vor L. tat ich ihm den Gefallen nur ein einziges Mal und das bereute ich. Da lud ich, besoffen vor Verliebtheit, einen Mann zu uns nach Hause ein, damit die Kinder ihn kennenlernen, nicht explizit als neuen Partner, sondern als eine Art Freund. Merkwürdigerweise fing er aber sofort an, sie zu maßregeln, sie hingegen versuchten, ihm zu schmeicheln – die Dynamik war derart schräg, dass ich mir danach schwor, so etwas nie wieder zu tun.

Bis vor anderthalb Jahren L. kam. Ziemlich schnell war allen klar, dass er nicht so bald wieder gehen würde. Spätestens nach einem halben Jahr fühlte es sich unnatürlich an, ihn aus unserem Leben rauszuhalten. Also fanden wir beide uns eines Tages, nachdem mein Mann uns seinen Segen gegeben hatte, zusammen mit den Kindern in der Eisdiele wieder. Natürlich hatte ich gehofft, dass es gut gehen würde. Aber mit der Zuneigung, die sich seitdem von allen Seiten entwickelt hat, hatte ich wirklich nicht gerechnet.

Kind Nr. 1, inzwischen elf, will L. beim Spazierengehen ganz für sich allein haben, um sich in Ruhe über den heißesten Scheiß in Sachen Popmusik unterhalten zu können. Kind Nr. 2, sieben Jahre alt, sitzt mit ihm am Liebsten am Küchentisch und übt Tiere malen. Kind Nr. 3, fünf Jahre, ruft als allererstes L. an, wenn es eine neu erworbene Nerf-Gun auszuprobieren gilt. Und wenn ich Deadline-Stress habe und keinen Babysitter organisieren konnte, sitzt er stundenlang mit ihnen auf dem Sofa und liest Comics vor.

„L. ist unser Freund“, sagen sie, aber er ist viel mehr als das

„L. ist unser Freund“, sagen sie, aber er ist viel mehr als das. Er ist zu einer echten Bezugsperson geworden. Dass wir alle es so gut miteinander haben, macht mich wahnsinnig glücklich. Aber es macht mir auch ein wenig Angst. Denn auch wenn wir versuchen, uns nicht so viele Gedanken darüber zu machen: Unsere Konstellation ist nicht auf die Ewigkeit ausgerichtet. Irgendwann wird L. vermutlich eine eigene Familie haben wollen oder es wird aus anderen Gründen nicht mehr passen. Ich habe keine Erfahrung mit Langzeit-Parallelbeziehungen, und ich kenne auch niemanden, der sie hat. Deshalb weiß nicht, was auf uns zukommt. Was ich aber weiß: Sollten wir uns jemals trennen, sind wir nicht die einzigen beiden, die darunter leiden werden — wie halt in jeder anderen Beziehung mit Kindern auch.

Das könnte natürlich ein guter Grund sein, die Kinder eben nicht zu involvieren. Aber dann müsste man konsequenterweise wirklich jede Beziehung, angefangen vom Au-Pair bis hin zum potentiellen Lebenspartner, auf „für immer“ festnageln. Doch das Leben funktioniert eben anders. Menschen kommen und Menschen gehen. Alles, was wir tun können, ist dafür zu sorgen, dass sie möglichst lange bleiben. Und dass wir diese Zeit, die wir zusammen haben, maximal genießen.

Letztens haben L. und ich zusammen neue Kinderzimmermöbel aufgebaut, während die Kids um uns herumturnten. Als mein Mann von der Arbeit nach Hause kam, freute er sich, dass alles schon fertig war und lud L. ein, zusammen mit uns Abendbrot zu essen. Ich saß nur da und grinste blöd. Weil ich mich so freute, dass wir so selbstverständlich so frei sein können in unseren Beziehungen. Und dass unsere Kinder genau das lernen.

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