Warum die intersexuelle Jeanne nicht „divers“ in den Pass eintragen lässt

Bei vielen Betroffenen ist die Freude über das neue Gesetz zum dritten Geschlecht gedämpft.
Von Christina Weise

Illustration: Julia Schubert

Die leicht gewellten hellbraunen Haare hängen offen über ihren Schultern, der Pony ist ein bisschen zur rechten Seite gekämmt. Jeanne Riedel guckt ernst, das Thema liegt ihr sehr am Herzen, sie ist ein bisschen angespannt. Seit Januar können intersexuelle Menschen in Deutschland „divers“ ins Geburtenregister eintragen lassen. Da müsste man meinen, dass es alle super finden und sofort zum Amt rennen. Ist aber nicht so. Die 33-jährige Jeanne ist selbst intersexuell, sie ist also nicht nur Mann oder Frau, und wird ihren Eintrag nicht ändern lassen.

Das liegt an einem Zusatz im Gesetz, der nicht von Anfang an drinstand: Intersexuelle Menschen müssen ein Attest vom Arzt vorlegen, wenn sie im Nachhinein den Geschlechtseintrag oder ihren Namen ändern wollen. Die Änderung wurde hinzugefügt, da für CDU/CSU „ein Personenstandsregister mit Beweiskraft keine subjektive Selbsteinschätzung zulasse“. Im Herbst 2017 hat das Bundesverfassungsgericht geurteilt, dass die bisherige Rechtslage mit nur zwei Geschlechtsoptionen gegen das allgemeine Persönlichkeitsrecht verstoße, also Menschen diskriminiere, die nicht klar Mann oder Frau sind. Der Bundestag hat dem Gesetz im Dezember 2018 zugestimmt – aber eben das Attest noch reingeschrieben. Laut Bundesregierung betrifft das Gesetz 160 000 Menschen in Deutschland. Wie viele den Geschlechtseintrag vornehmen, ist unklar.

„Ich hab schon einmal den Pass ändern lassen. Von Mann auf Frau, denn es gab damals keine dritte Möglichkeit“, erzählt Jeanne, die sich überwiegend als Frau fühlt und sich auch so kleidet und stylt, mit enger Jeans, Ohrringen, rosafarbener Tasche. „So eine Begutachtung wie damals möchte ich mir nicht noch einmal antun. Wenn es jetzt barrierefrei wäre, dass es ohne Arzt ginge, dann würde ich es machen.“ Jeanne ist aufgebracht, sie spricht laut und betont die für sie wichtigen Worte. Der Zusatz mit dem Attest regt sie auf. Und sich vom Arzt intensiv untersuchen lassen zu müssen, wird für viele eine große Hürde sein. Denn sie sind oft traumatisiert, weil sie schon als Babys zu einem eindeutigen Geschlecht hin operiert werden und dabei nicht immer das richtige Geschlecht gewählt wird. Nicht selten mit Folgen, wie weiteren OPs, Nebenwirkungen und Problemen mit den Organen.

Jeanne hat einen Herzfehler und wurde deswegen als Baby nicht operiert. Aber später kamen OPs, Hormonbehandlungen und Psychotherapien. „Ich hab mit 12 schon bemerkt, dass mein Körper irgendwie anders aussieht“, erzählt sie und überlegt, wie sie es am besten erklären kann. „Als hätte sich untenrum ein kleiner Teil eher wie bei einem Mädchen entwickelt.“ Und auch einen kleinen Brustansatz bekam sie. „Aber mir wurde immer gesagt: ‚Du bist ein Junge, das wird noch‘. Dabei hatte ich keine männliche Pubertät, die ist komplett ausgefallen.“ Sie lacht kurz, fast tonlos auf und zuckt mit den Schultern. Jeanne ist intersexuell geboren, wusste das aber lange nicht. Ihre Eltern haben sie als Jungen erzogen. Lange hat sie nach einer Identität gesucht und sich dann mit 27 dazu entschieden, eine Angleichung zur Frau vornehmen zu lassen. „Der Psychologin war auf den ersten Blick klar, dass ich intersexuell bin.“ Vorher hatte nie jemand mit ihr darüber gesprochen. Noch zwei Jahre hat es gedauert, bis bei einem Gentest rauskam: Jeanne hat die partielle Testosteronunempfindlichkeit ICD10 E34.50. Das ist eine von 3000 Intersexualitäten. Kurz vor ihrem 31. Geburtstag hat sie die geschlechtsangleichende OP zur Frau durchführen lassen.

Die Frage „Was ist Geschlecht?“ ist sehr komplex und nicht nur an den Genitalien abzulesen

Wer keine Diagnose wie Jeanne vorweisen kann, für den gilt das neue Gesetz nicht. Denn der Eintrag „divers“ soll ein Sammelbegriff für alle sein, die aufgrund ihrer Geschlechtsmerkmale, Chromosomen oder Hormone nicht eindeutig als Mann oder Frau identifiziert werden können. Es geht also um körperliche Merkmale, nicht darum, wie man sich fühlt. „Jeder, der den Geschlechtseintrag divers für sich braucht, sollte ihn bekommen“, findet Jeanne. Markus Ulrich, Pressesprecher vom Lesben- und Schwulenverband pflichtet ihr bei: „Die Frage ‚Was ist Geschlecht?‘ ist sehr komplex und man kann es nicht nur an den Genitalien ablesen. Wir müssen aufhören, Menschen in die Kategorien zu pressen und anfangen, die Kategorien zu hinterfragen.“

Der Lesben- und Schwulenverband fordert deswegen einen einfachen Antrag beim Standesamt. „So ein Antragsverfahren ist nicht bahnbrechend neu, das gibt es in Ländern wie Dänemark, Malta oder Argentinien, ohne, dass man da von viel Missbrauch gehört hätte und die Leute einfach hinrennen in einer Sufflaune und ihren Geschlechtseintrag ändern“, sagt Pressesprecher Markus Ulrich. Im internationalen Vergleich hat die Attestpflicht Deutschland um Jahre zurückgeworfen. Aber: „Es gibt wenig Länder, die mehr als zwei Geschlechter anerkennen. Da ist Deutschland einer der Spitzenreiter – und Vorreiter in Europa“, sagt der Pressesprecher.

Jeanne Riedel fühlt sich überwiegend als Frau.

Foto: privat

„Es passiert gerade etwas Gutes“, sagt Moritz Prasse von der Kampagne „Dritte Option“, die sich seit 2013 für den dritten Geschlechtseintrag eingesetzt hat. „Über den Eintrag können intersexuelle Menschen Recht für sich selbst einfordern. In der Gesellschaft gibt es eine zunehmende Offenheit dafür, dass wir mehr sind.“

Diese Aufmerksamkeit wird aber auch zu Diskriminierung führen, ist Jeanne sich sicher: „Bisher ist das im Stillen verlaufen und oft von Personen, die medizinisches Wissen haben. Mein Hausarzt hat mal zu mir gesagt: ‚Für mich bist du nur ein missgebildeter Mann.‘“ Sie schluckt. „Und mir wurde immer eingetrichtert, dass ich nicht darüber reden und keine Fragen stellen darf.“ Deswegen spricht sie jetzt umso mehr, um Vorurteile abzubauen und zu sensibilisieren. Sie engagiert sich ehrenamtlich bei der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V. und hält viele Vorträge. „Jetzt gerät nämlich die Vorstellung in Wanken, dass es nur Mann und Frau gibt. Dadurch muss sich die Gesellschaft neu ordnen.“ Das sei eine Chance. Auch für den Feminismus. „Frauen bekommen zum Beispiel weniger Gehalt als Männer. Wenn es jetzt noch eine dritte Option dazwischen gibt, müssen wir automatisch auch die ganzen gesellschaftlichen Dinge hinterfragen, wie auch Rentenbeiträge und Frauenquoten.“

Das hätte von Anfang an geregelt werden können, sagt Moritz Prasse: „Das Gesetz beinhaltet keine Folgeregelungen. Es ist auch nicht geklärt, was das zum Beispiel für geschlechtergetrennte Sportmannschaften, Umkleidekabinen und Toiletten heißt. Wird es jetzt Unisex-Toiletten gebe? Oder müssen die alle noch dritte Toiletten anbauen?“ Der Pressesprecher von „Dritte Option“ befürchtet, dass sich aus der rechtlichen Unsicherheit eine Wut gegenüber den Menschen entwickelt, „die für das Chaos nichts können“. So wie Jeanne.