„Am Anfang fühlte ich mich einfach nur ohnmächtig“

Auf Festivals entstanden Spannervideos von Frauen, die Clips landeten auf Pornoseiten. Jetzt wehren sich die Betroffenen.
Interview von Eva Hoffmann

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke / Foto: adrian hoffmann / photocase.de

Anfang des Jahres deckte die Journalistin Patrizia Schlosser in einer Recherche der Plattform STRG_F auf, dass ein Mitarbeiter des links-alternativen Festivals „Monis Rache“ in Mecklenburg-Vorpommern in einem der Dixiklos auf dem Gelände eine Kamera installiert hatte. Die so entstandenen Aufnahmen verbreitete, verkaufte und tauschte er mit anderen Voyeuristen auf der Pornoseite „xhamster“. Nach eigenen Angaben hat sich der mutmaßliche Täter von Monis Rache selbst angezeigt.

Kurz darauf wurde bekannt, dass auch auf der Fusion Aufnahmen dieser Art in einer der Duschen gemacht wurden. Betroffen sind potenziell Hunderte Frauen. Das Festivalteam hat daraufhin die Löschung der Aufnahmen veranlasst, gegen den Täter wird noch ermittelt. Während die Aufarbeitung der Fälle durch die Crew von Monis Rache nur schleppend voranging, vernetzten sich die Betroffenen selbst. Für Ella, 28, die selbst Gast auf „Monis Rache“ war und in Wirklichkeit anders heißt, sind die Vorfälle Teil eines viel größeren Problems. Zusammen mit anderen organisierte sie deshalb diesen Freitag eine Demonstration unter dem Motto „My Body is not your Porn“, zu der Hunderte Frauen in Berlin erwartet werden.  

jetzt: Du hattest darum gebeten, in diesem Interview anonym zu bleiben. Warum?

Ella: In der Voyeur-Szene gilt es als besondere Trophäe, Frauen von Spannervideos im echten Leben oder auf sozialen Netzwerken zu finden und zu identifizieren. Oft erleben diese Frauen dann eine Retraumatisierung oder werden gestalkt. Ich kann nicht ausschließen, dass ich selbst auf diesen Videos bin und deshalb möchte ich lieber nicht mein Gesicht oder meinen echten Namen an dieser Stelle preisgeben.

Ella will anonym bleiben – aus Angst davor, gestalkt zu werden.

Foto: Privat

Wie hast du davon erfahren, dass Bildmaterial von dir auf Pornoseiten kursieren könnte? 

Der Schock kam aus dem Nichts. Nachdem die Reportage von STRG_F veröffentlicht wurde, war meine gesamte Timeline voll damit. Ich schaute mir den Film an und merkte, dass es mir emotional zu viel war. Dieser Plauderton der Journalistin schockierte mich. Als wäre die Suche nach dem Täter ein Abenteuerspiel. Trotzdem schaute ich die Doku bis zum Schluss. Ich fand es ziemlich daneben, dass der Täter selbst dann auch noch zu Wort kam und die Möglichkeit hatte, seine Taten zu relativieren. Das spricht für den insgesamt sehr unsensiblen Umgang mit der Situation.

Wie hast du den Umgang des Festivals mit den Vorwürfen erlebt?

Die Festivalcrew veröffentliche das Video der Reportage mit zwei Sätzen; man sei selbst tief getroffen und überfordert mit der Situation. Betroffene sollten sich gedulden und keine schnellen Antworten erwarten. Aber genau in so einer Situation braucht man das Gefühl, ernst genommen und gehört zu werden. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass acht Mitglieder der Crew, darunter enge Freunde des Täters, schon Monate von dem Vorfall wussten, es aber nicht an die Betroffenen oder die Gesamtstruktur des Festivals weiterleiteten.

Warum hat die Festival-Crew so lange gezögert, den Vorfall öffentlich zu machen?

Die Gruppe wollte das Problem mit dem Ansatz der transformative justice lösen. Damit meinten sie, dass sie als linkes Festival den Vorfall zuerst in der eigenen Gruppe aufzuarbeiten, ohne dabei mit der Polizei oder Strafbehörden zusammenzuarbeiten. Allerdings beinhaltet dieser Ansatz auch, dass man sich an den Bedürfnissen der Betroffenen orientiert und die wurden gar nicht erst eingebunden. Ich glaube, das Team hat sich an dieser Stelle massiv übernommen und, vielleicht ohne es zu wollen, den Täter lange Zeit geschützt. 

„Linke Festivals müssen aufwachen aus der Naivität, dass bei ihnen weniger Mist passiert“

Wie hast du dich gefühlt, als du von den Videos erfahren hast?

Mein Raum-Zeit-Gefühl war total durcheinander. Die ersten Tage bin ich draußen kaum aufs Klo gegangen, ohne daran zu denken, ob nicht irgendwo eine Kamera versteckt sein könnte. Man wird paranoid. Die Vorstellung, dass ich da auf einem der Videos sein könnte und irgendein fremder Mann dazu masturbiert, ist schlimm genug. Dass es dann aber auch noch in einem Umfeld passiert ist, in dem ich mich so sicher und unbeobachtet fühle wie nirgendwo sonst – das war der größere Schock. Ich hatte auch keine Möglichkeit sicher zu sein, ob ich jetzt tatsächlich auf diesen Bildern drauf bin oder nicht, weil die Videos von der Plattform gelöscht wurden. Diese Ungewissheit macht die Sache aber nicht besser. Am Anfang fühlte ich mich einfach nur ohnmächtig. 

Wie bist du aus diesem Zustand wieder herausgekommen?

In den ersten Tagen nach Veröffentlichung der Recherche traf ich mich viel mit Freundinnen. Je mehr wir darüber redeten, desto wütender wurden wir. Es tat gut, aktiv zu werden. Sofort gründete sich eine Telegram-Gruppe, die in kurzer Zeit mehr als 1000 Mitglieder hatte. Daraus entstanden tatsächliche Treffen in Berlin und Leipzig. Wir alle waren auf dem Monis Rache Festival und wir alle sind potenziell betroffen. Es tat gut, diese Belastung und die Trauer über den Vorfall auf mehreren Schultern aufzuteilen.

Hast du auch rechtliche Schritte unternommen?

Zu Strafanzeigen gibt es in der Gruppe der Betroffenen geteilte Meinungen. Manche haben schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht, zum Beispiel auf Demonstrationen, und wollen sich deshalb keiner Behörde anvertrauen. Manche schämen sich, das Erlebte einer unbekannten Person nochmals zu erzählen. Andere lehnen eine Zusammenarbeit mit der Polizei aus politischen Gründen ab. Ich habe trotzdem Strafanzeige erstattet. Das geht ganz leicht online, man muss dafür nicht extra auf eine Polizeiwache. Und vielleicht steigt der Druck auf den Täter, wenn viele Frauen das tun. Für mich hat es sich gut angefühlt, überhaupt zu handeln. Und vielleicht schreckt es weitere Täter ab.

Es klingt so, als würden sich ausgerechnet die Betreiber*innen von linken Festivals mit ihrem politischen Anspruch bei der Aufklärung selbst im Weg stehen.

Ein Festival wie Monis Rache ist eine kleine Utopie. Da gibt es politische Transparente, Typen dürfen nicht oberkörper-frei herumlaufen und ein Awareness-Team sorgt dafür, dass Betroffene von sexuellen Übergriffen jederzeit eine Anlaufstelle auf dem Gelände haben. Aber diese Awareness-Struktur muss eben auch ernst genommen werden. Sie ist genauso wichtig auf einem Festival wie Bars und Bühnen. Da reicht es nicht, einen schön dekorierten Infostand aufzustellen, an dem sich die Gäste Ohropax und Kondome abholen können. Auch linke Festivals müssen aufwachen aus dieser Naivität, dass bei ihnen weniger Mist passiert. Es ist gut, dass das Problem nun auch in alternativen Räumen wieder ernster genommen wird, aber eigentlich liegt die Ursache viel tiefer.

„Wir fordern sichere Räume, online und offline“

Wo denn?  

Wir leben in einer patriarchalen Gesellschaft. Das bedeutet, dass wir in einem bestimmten Machtverhältnis leben, in dem Frauen ungleich behandelt und ihre Bedürfnisse oft ignoriert werden. Dazu gehören auch verinnerlichte Formen von sexualisierter Gewalt, zum Beispiel, dass es schon okay sei, solche Videos aufzunehmen, zu verbreiten und anzuschauen, wenn andere das auch tun. FLINT (Frauen*, Lesben, Inter- und Transpersonen) machen diese Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt, Blicken und Bewertungen des eigenen Körpers in der Öffentlichkeit tagtäglich und auf der ganzen Welt. Die Vorfälle sind so gesehen nur ein weiterer Stich in eine alte Wunde.

Was fordert ihr mit der heutigen Demonstration?

Die Demonstration soll laut und kraftvoll werden. Sie ist nur für FLINT Personen gedacht. Wir fordern sichere Räume. Offline und online. In Südkorea ist die Regierung aktiv gegen das Phänomen der Spannervideos auf Toiletten vorgegangen, nachdem tausende Frauen dort auf die Straße gingen. Die Demonstration ist nur der Anfang. Wir werden uns immer besser vernetzen, weiter in AGs zu feministischen Themen arbeiten und bald ist ja auch der 8. März, wo es dann vielleicht weitere Aktionen gibt. Wir werden uns noch sehr lange mit diesem Problem rumschlagen. Da mache ich mir keine Illusionen. Aber die Solidarität unter Betroffenen, das ist unsere große Stärke.

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