„Lasst uns nicht die ganze Arbeit machen!“

Sheila und Lola organisieren ein Festival mit Kunst von Queers und People of Color. Sie erzählen, wie man der Community helfen kann.
Interview von Franziska Koohestani

Lola (links) und Sheila (rechts) organisieren das "Queer and Now"-Festival.

Foto: Ramona Reuter; Bearbeitung: jetzt

Bis heute kämpft die LGBTQ*-Community um Gleichberechtigung – auch im Bezug auf ihre Kunst. Denn bestimmte Künstler*innen aus dem queeren Spektrum bekommen immer noch selten eine Bühne. Das Festival „Queer and Now: From Stonewall to Queerotopia“, das an diesem Wochenende in München stattfindet, möchte das ändern. Deshalb besteht das Line-up ausschließlich aus Künstler*innen, die queer, schwarz und People of Color sind. Auf dem Programm stehen Workshops, Drag-Shows, Performancekunst und eine Party. Die Organisation ist eine Zusammenarbeit von den „KammerQueers“ der Münchner Kammerspiele und dem „Beyond Color“-Kollektiv. Lola, 30, und Sheila, 25, sind daran beteiligt. Wir haben mit ihnen über Machtstrukturen und Heidi Klum gesprochen.

jetzt: Carolin Emcke schreibt in ihrem neuen Buch: „Warum sollten sich nicht auch Weiße kritisch zu strukturellem Rassismus äußern dürfen und (...) Heterosexuelle zu Homophobie? Ich erwarte das sogar von ihnen.“ Wie findet ihr das?

Lola: Super! Feminismus ist ja auch nicht nur ‚Frauensache’. Ich denke, wir alle müssen uns gegen Diskriminierung einsetzen und fragen: Wie können wir unsere Empathie und Sympathie benutzen, um die Bedürfnisse anderer zu verstehen? Das bedeutet: Erfahrungen von unterdrückten Personen verstehen, ohne dass ich sie mir zu Eigen mache – ohne, dass ich meine eigenen Emotionen auf sie projiziere.

Wie sollte man sich denn als Außenstehende*r verhalten, wenn man eure Community unterstützen möchte?

Sheila: Eigentlich ist es gar nicht so kompliziert. Der wichtigste Punkt ist für mich Respekt. Und dann natürlich Akzeptanz und Zurückhaltung. Man sollte sich auf jeden Fall selbst informieren. Wir können den Weg weisen, aber: Lasst uns nicht die ganze Arbeit machen!

Lola: Und man sollte aufstehen und etwas sagen, wenn man mitbekommt, dass jemand anderes ungerecht behandelt wird. Das sollte man nicht nur von der betroffenen Person erwarten.

Und umgekehrt: Wie sollte man sich lieber nicht verhalten?

Lola: Ich erlebe oft, dass jemand zu mir kommt und sagt: ‚Hey, ich habe eine lesbische Freundin’ oder ‚meine Großtante war lesbisch, ihr solltet euch unbedingt kennenlernen!’

Sheila: Oder ‚Ich hab da so einen schwarzen Freund.’

Lola: Genau! Das zeigt, dass ich für manche nur auf das Queer-Sein reduziert werde. Das ist belastend, auch wenn es gut gemeint ist. Würde man sich informieren, würde das nicht passieren.

Der Identitätspolitik wird oft vorgeworfen: Identitätskategorien (wie auch Queer oder People of Color) lassen es nicht zu, über die Grenzen hinweg solidarisch miteinander zu seien. Ist da was dran?

Lola: Ich vermute, diese Kritik an Identitätsbegriffen kommt von Leuten, die ihre Privilegien nicht infrage stellen wollen. Man muss Machtstrukturen benennen, um sie zu bekämpfen. Wenn man das nicht tut, dann kann man gesellschaftlich nichts verändern..

Sheila: Für mich ist das ganz einfach: Zusammen sind wir stärker, als wenn wir uns voneinander abgrenzen. Solange wir sensibel und reflektiert handeln, funktioniert Solidarität auch dann, wenn wir unseren Identitäten Namen geben.

Ein Beispiel: ProSieben hat die neue Drag-Show „Queen of Drags“ angekündigt – mit Heidi Klum als Moderatorin. Unterstützt dieses Format die Drag-Kultur?

Sheila: Nichts gegen Heidi Klum, aber das ist wirklich exakt so, wie man es nicht machen sollte. Ich frage mich da: Wo sind eigentlich die Drag Kings? Und diejenigen, die nicht-binären Drag machen? Oder Trans*personen? Ich habe sehr viele Staffeln „Germany’s next Topmodel“ geschaut und weiß, dass dort schon öfter Drag Queens aufgetreten sind. Aber deshalb sollte Heidi Klum die Drag-Show nicht gleich selbst übernehmen. Sie hat Macht und alle anderen da draußen, die die echten Erfahrungen im Drag machen, haben keine Chance gesehen zu werden, weil sie den Platz für sich beansprucht.

Das US-amerikanische Vorbild für Klums neue Show ist „RuPaul’s Drag Race“. Aber selbst da gibt es keine Drag-Kings.

Sheila: Ja, es ist leider immer noch so: Sobald ein Mann sich in einer Drag-Show feminin inszeniert und sich darüber auch ein bisschen lustig macht, feiern das die Leute. Aber wenn das eine Frau macht, dann kommt viel mehr Kritik. Der Grund für meinen Drag-Charakter „Smoothoperator“ ist die Chance, mir die Macht der Maskulinität anzueignen und zu sagen: ‚Ihr habt mich geschlagen, weil ihr Männer seid. Und jetzt zeige ich euch: Was ein Mann machen kann, kann eine Frau auch.’

Ihr beide arbeitet im deutschen Kulturbetrieb mit Performancekunst. Wie bewertet ihr denn die Veränderungen in den vorangegangenen Jahren für Kunst von Queers, People of Color und Schwarzen?

Sheila: Wir sind noch nicht da, wo wir sein sollten, aber auf einem besseren Weg. Ich lebe seit fünf Jahren in Deutschland und seitdem ich bei „Beyond Color“ bin, habe ich noch stärker gemerkt, dass Schwarze einfach nicht gehört werden. Ganz besonders schwarze Queers. Wir haben auch in der LGBTQ-Community erst spät Aufmerksamkeit bekommen. Für mich ist es wichtig, dass man uns mehr Chancen gibt, um unsere Stimmen zu entfalten.

Lola: Die dominante Kultur ist immer noch eine weiße und heterosexuelle. Da müssen wir etwas ändern. In ‚progressiven’ Institutionen hat sich zwar feministisch ein bisschen was getan. Aber Queers und/oder People of Color und schwarzen Personen muss nicht nur ab und zu mal die Bühne, sondern auch die Leitung und Organisation – also Entscheidungsmacht – übergegeben werden.