„Es macht mich traurig, wenn ich sehe, wie Frauen übereinander reden“

Moderatorin Jeannine Michaelsen wünscht sich mehr Solidarität unter Frauen. Sie findet: Alles andere stützt das Patriarchat.
Interview von Sophie Aschenbrenner
jeannine michaelsen cover

ProSieben-Moderatorin Jeannine Michaelsen, 38, hat auf Instagram mangelnde Solidarität unter Frauen kritisiert.

Foto: ProSieben

Seit 2012 moderiert Jeannine Michaelsen die Sendung „Joko gegen Klaas – Das Duell um die Welt“ mit Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf. Sie ist es gewohnt, auf Bühnen zu stehen – und das bedeutet auch, dass sie mit Kritik und Hatespeech umgehen muss. In den vergangenen Monaten sei ihr aber eine Sache besonders aufgefallen, erzählte Michaelsen in einem Live-Video auf Instagram vergangenen Sonntag: der Hass, der ihr explizit von Frauen entgegenschlage. Wir haben mit der Moderatorin über sexistische Frauen gesprochen, sie gefragt, wieso sie sich viel mehr Solidarität wünscht – und warum sie in ihren Shows künftig auf gendersensible Sprache achten will.   

jetzt: In einem Instagram-Video vom vergangenen Sonntag rufst du Frauen dazu auf, respektvoller miteinander umzugehen. Wieso hast du es genau jetzt aufgenommen?

Jeannine: Ich lese relativ viel von dem, was über mich im Internet geschrieben wird. Und mir fällt auf, dass auch von Frauen da sehr viel sehr harsche und eben keine konstruktive Kritik kommt. Man kann einander natürlich kritisieren und man kann einander auch nicht mögen oder die Arbeit anderer Frauen schlecht finden. Aber das muss man nicht so abschätzig kommunizieren. Es wird geschrieben, ich solle leise sein und die Männer reden lassen, ich werde „Hure“ oder „Schlampe“ genannt. Und natürlich geht es immer wieder um mein Aussehen. Das schockiert mich. Ich finde es super wichtig, dass wir Frauen – gerade in der Öffentlichkeit – solidarisch miteinander sind. 

Hatespeech und sexistische Kommentare sind für viele Frauen in der Öffentlichkeit leider Alltag. Inwiefern macht es da einen Unterschied, wenn so etwas von Frauen kommt?

Bei Frauen bewegt es mich noch mehr. Es macht mich traurig, wenn ich sehe, wie Frauen übereinander reden. Mir folgen auf Instagram sehr viele sehr junge Frauen und Teenagerinnen. Die wollte ich auch mit dem Video erreichen. Wenn Frauen schlecht über Frauen reden, hat das Konsequenzen. Noch härtere, als wenn das ein Mann tut. 

„Frauen können auch sexistisch sein, sehr sogar“

Wie meinst du das?

Wenn eine Frau mich als „Schlampe“ bezeichnet, denken auch viele Männer: „Na, wenn meine Freundin die so nennt, dann kann ich das ja auch machen.“ Wir beeinflussen die Männer, aber auch Frauen in unserem Umfeld. Wir sind alle auch Mütter, Schwestern oder Freundinnen. Dass viele das Gefühl haben, sie können oder müssen andere Frauen so runtermachen, das zeigt, wie tief das Patriarchat in uns verankert ist. Frauen können auch sexistisch sein, sehr sogar.

Weil sie dadurch Männern gefallen wollen? 

Genau. So viele Jahrzehnte haben wir Frauen immer versucht, cool genug zu sein, um mit den Typen rumzuhängen. Wir wollten „cooler“ sein als die anderen Frauen, nicht so mädchenhaft. Ich dachte selbst so. Ich war stolz drauf, vor allem mit Männern und Jungs befreundet zu sein. Das war eine Auszeichnung. Das spüren wir heute immer noch in der Gesellschaft. Da lacht man dann auch mal über einen sexistischen Witz, um nicht die Einzige zu sein, die sich dann aufregt. Oder redet schlecht über andere Frauen. Und das entlarvt, dass wir selbst Frauen an eben jenen Parametern messen, von denen wir doch eigentlich wollen, dass wir alle nicht mehr an ihnen gemessen werden. 

Hast du dafür ein Beispiel? 

Zuerst das Thema Aussehen. Egal, wie eine Frau aussieht und was sie anhat, es gibt immer Kritik. Und dann wird es auch schnell inhaltlich. Ich höre ganz oft zu meiner Sendung mit Joko und Klaas: „Die soll mal nicht glauben, sie sei so witzig wie die Männer.“ Oder: „Die soll mal leise sein und die Männer reden lassen.“ Dahinter steckt das Klischee, dass die Männer eben die coolen, lustigen Sachen machen und die Frauen haben darüber zu lachen. Das macht mich traurig. Ich bin die Frau, die mit zwei Männern diese Show macht und eben nicht leise ist, sondern aneckt. Das stört viele. 

„Frauen müssen einander groß machen“

Woher kommen diese Parameter, an denen Frauen einander messen? 

Wir bewegen uns schon seit Jahrzehnten in männlichen Umfeldern. Männer haben sich Netzwerke geschaffen, in denen sie auch wirklich tolle Sachen machen, das will ich ihnen gar nicht absprechen. Wir Frauen wollen zu diesen Netzwerken dazugehören, weil wir oft noch nichts eigenes in der Größenordnung haben. Das muss sich ändern. Wir brauchen viel mehr eigene Netzwerke. 

Als Moderatorin großer Fernsehshows hast du eine Vorbildfunktion. Was tust du, um Frauen zu unterstützen? 

Ich unterstütze zum Beispiel Frauen, wenn sie zu uns in die Show kommen, immer besonders. Ich sage explizit, dass die Gästin eine Frau ist und rede über Dinge, die nichts mit ihrem Aussehen oder ihrem Outfit zu tun haben, sondern mit ihrer Arbeit. Ich pushe sie. Frauen müssen einander groß machen. 

Wie wichtig sind Netzwerke für dich im Privaten?

In meinem privaten Umfeld habe ich mittlerweile sehr viele sehr gute Frauen, und das suche ich auch explizit. Und ich freue mich, wenn mir Frauen schreiben und wir uns austauschen. Wir müssen selbst anders handeln, damit Sachen sich ändern. Dafür müssen wir noch ein paar Kämpfe ausfechten.

Viele Frauen haben es auch satt, in der Sprache immer nur „mitgemeint“ zu sein. Du willst das in deinen Shows ändern, sagst du. Wieso? 

Es ist so massiv wichtig, dass wir unsere Sprache verändern. Ich hatte neulich während einer Live-Show den Moment, in dem ich gemerkt habe: Wenn ich sage „Sehr verehrte Damen und Herren“ – dann spreche ich Menschen nicht an, die sich nicht eindeutig als Mann oder Frau identifizieren. Dabei kenne ich das selbst, über das generischen Maskulinum ständig nicht angesprochen zu werden. Das ist echt nicht cool. Deswegen suche ich jetzt andere Floskeln, die alle Menschen ansprechen. 

Wieso kam dir der Gedanke genau jetzt? 

In den vergangenen Monaten wurde in der Öffentlichkeit so viel über gendersensible Sprache diskutiert. Ich finde: Menschen, die auf Bühnen stehen oder in Medien Texte schreiben, sind da in einer Vorbildfunktion. Wir haben so viel Macht, weil uns so viele Menschen zuhören, und deswegen ist es auch unsere Pflicht, zu zeigen, dass unsere Sprache sich verändern muss. Wir sind dazu in der Lage, Sprache zu ändern. Wir müssen es nur tun. Diejenigen, die diesen Wunsch lächerlich machen, wollen uns nur klein machen. Das dürfen wir aber nicht zulassen. Denn Sprache ist die schärfste Waffe, die wir haben. 

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