„Ich möchte den Fokus auf die Ränder der Gesellschaft lenken“

Benjamin Wolbergs hat den Fotoband „new queer photography“ herausgebracht, der einen künstlerischen Blick auf die und aus der Community zeigt.
Interview von Nadja Schlüter
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„Je intensiver meine Recherche wurde, desto mehr tat sich mir ein Universum unglaublich talentierter Fotograf*innen auf“, sagt Benjamin Wolbergs.

Fotos: Jordan Reznick / Soraya Zaman / Dustin Thierry

Während der Transition musste sich Laurence Philomène alle zwei Wochen eine Testosteronspritze setzen und hat das fotografisch dokumentiert. Denn Philomène identifiziert sich als non-binär und möchte den eigenen Körper an diese Identität angleichen. Aber nicht nur die Behandlung hat der*die Künstler*in festgehalten – sondern auch das Schmusen mit der Katze, das Frühstück, Zeit am Handy. Alltag eben, der einen auch dann umfängt, wenn man durch eine so bedeutende und selbstermächtigende Phase des eigenen Lebens geht. 

Die Transition-Fotoserie des*der kanadischen Fotograf*in ist Teil des Bildbands „new queer photography – focus on the margins“, herausgegeben von Benjamin Wolbergs. Der 45-jährige Art Director aus Berlin hat mehr als drei Jahre lang an dem Buch gearbeitet und dafür die Werke von 52 Fotograf*innen zusammengestellt. Im Interview spricht er unter anderem darüber, wie wichtig soziale Netzwerke für queere Fotografie sind und welche Vorteile das Leben „am Rande der Gesellschaft“, wie er es ausdrückt, haben kann.

jetzt: Benjamin, dein Fotoband heißt „new queer photography“. Was ist daran queer und was ist neu?

Benjamin Wolbergs: Bei „queer photography“, so wie  ich sie in meinem Buch zeige, liegt das Hauptaugenmerk auf dem queeren Blick und natürlich auf queeren Themen. Das „neu“ im Titel bezieht sich vor allem auf den zeitgenössischen Charakter der Arbeiten. Die meisten der Bilder sind in den letzten fünf bis zehn Jahren entstanden.

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Mehr als drei Jahre hat Benjamin Wolbergs an dem Buch gearbeitet.

Foto: Manuel Moncayo
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Cover: Verlag Kettler

Wie kam das Projekt zustande?

Der Auslöser war die Arbeit am Layout eines anderen Buches. Darin ging es um „physique photography“ aus den Fünfziger und Sechziger Jahren, die sich damals eindeutig an ein schwules Publikum richteten. Während der Arbeit habe ich mich gefragt: Wie würde ein solches Buch heute aussehen? Welche Ästhetiken, Bildwelten und Themen müsste es beinhalten? Ungefähr zur selben Zeit wurde ich auf die Arbeiten des Berliner Fotografen Florian Hetz und des US-amerikanischen Filmemachers Matt Lambert aufmerksam und fing an, nach weiteren zeitgenössischen Fotograf*innen aus dem Bereich „queer photography“ zu suchen. Je intensiver meine Recherche wurde, desto mehr tat sich mir ein Universum unglaublich talentierter Fotograf*innen auf, und ich wusste: Daraus muss ein Buch entstehen. 

„Ich hatte den Anspruch, mir erst einmal einen sehr breiten Überblick über die Szene zu verschaffen“

Gibt es etwas, das alle oder viele der Bilder verbindet?

Das Leben am Rande der Gesellschaft. Wobei es dabei natürlich gravierende Unterschiede gibt: Das Leben einer queeren Person in Berlin lässt sich nur schwer mit dem Leben einer queeren Person in einem Land vergleichen, in dem ihre Art zu leben und zu lieben mit dem Tode bestraft werden kann. Trotzdem kennt wahrscheinlich jede queere Person das Gefühl, sich in einer überwiegend heteronormativen Umgebung als am Rande stehend oder als Minderheit zu erfahren.

Wie hast du die Fotograf*innen und Bilder für das Buch ausgewählt?

Die Recherchearbeit war lang und sehr intensiv. Ich hatte den Anspruch, mir erst einmal einen sehr breiten Überblick über die Szene zu verschaffen und konnte dadurch auch gut die Entwicklung einzelner Fotograf*innen beobachten. Ich habe Kunstbücher und Magazine durchforstet, die intensivste Recherche passierte allerdings online, auf unzähligen Internetseiten, Blogs und Social-Media-Kanälen. Bei der finalen Auswahl war mir dann wichtig, ein möglichst breites Spektrum an queeren Themen, Bildwelten und fotografischen Positionen abzubilden, wobei natürlich auch ein großes Augenmerk auf der künstlerischen Qualität der Arbeiten lag.

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Hoa Nguyen porträtiert junge, queere Menschen und setzt sie dabei außergewöhnlich in Szene.

Foto: Hoa Nguyen
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Foto: Hoa Nguyen
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Foto: Hoa Nguyen
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Dustin Thierry dokumentiert die Ballroom-Kultur in Amsterdam, Berlin, Mailand und Paris.

Foto: Dustin Thierry
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Kostis Fokas' Bilder zeigen männliche Körper aus ungewohnten Perspektiven und in ungewöhnlichen Posen.

Foto: Kostis Fokas
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Jordan Reznicks Porträts queerer Menschen zeigen sie gleichzeitig selbstbewusst und verletztlich, vor allem aber immer extrem präsent und den Betrachter*innen zugewandt.

Foto: Jordan Reznick
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Florian Hetz erforscht in seinen Bildern die Grenzen von Schönheit und die homosexuelle, männliche Sexualität. Dafür kommt er den Körpern seiner Modelle oft sehr nah.

Foto: Florian Hetz
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Lukas Viar dokumentierte queeres Nachtleben, vor allem in London.

Foto: Lukas Viar

Identifizieren sich die Künstler*innen im Buch selbst als queer?

Es geht dabei vor allem um die Themen, Motive und Sichtweisen. Nicht alle Fotograf*innen bezeichnen sich selber als queer, aber ihre Arbeit oder einen Teil davon.

Aus welchen Ländern kommen sie? 

Das Buch ist wie eine kleine queere Weltreise. Mir war es sehr wichtig, nicht nur Europa und Nordamerika abzubilden, sondern auch Bilder aus Gegenden und Gesellschaften, die eher nicht im westlichen Fokus stehen und oft vernachlässigt werden. 

Zum Beispiel?

Ein eindrucksvolles Beispiel sind die Aufnahmen von Robin Hammond aus seinem Projekt „where love is illegal“. Für dieses Langzeitprojekt hat er Mitglieder der LGBTQI+-Community aus Ländern porträtiert, in denen gleichgeschlechtliche Liebe kriminalisiert wird und zu Diskriminierung, physischer und psychischer Gewalt, Haft und Folter bis hin zur Todesstrafe führen kann. Er geht dabei sehr sensibel und respektvoll mit dem Thema und den Porträtierten um: Die Opferrolle wird überstrahlt vom Mut und der Stärke dieser Menschen, die zum Beispiel in Mosambik oder Malaysia, in Russland oder im Libanon leben. Durch Hammonds Bilder werden sie sichtbar und bekommen die Möglichkeit, die eigene Geschichte zu erzählen – trotz der enormen Gefahren, die damit verbunden sind.

„Die Zensur in den sozialen Netzwerken ist ein massives Problem für die Fotograf*innen“

Du hast eben gesagt, dass du viele Fotograf*innen über Social Media entdeckt hast. Welchen Einfluss haben Netzwerke wie Instagram auf die queere Fotografie?

Einen großen, da die Künstler*innen sich dort ohne Galerie oder Publikation einem sehr großen Publikum präsentieren können. Wobei die Zensur in den sozialen Netzwerken ein massives Problem für die Fotograf*innen ist. Nacktheit wird zum Beispiel oft zensiert und dadurch können viele Künstler*innen einen wichtigen Teil ihrer Arbeit nicht zeigen. Dass zum Beispiel weibliche Brustwarzen nicht gezeigt werden dürfen, ist in hohem Maße sexistisch und problematisch. 

Mich haben besonders die dokumentarischen Bilder von Maika Elan, Julia Gunther und Danielle Villasana berührt, weil sie den Alltag queerer und trans Menschen in Vietnam, Südafrika und Peru zeigen.

Ich denke, diese Bilder und Geschichten sind besonders wichtig, da sie in unseren westlich geprägten Medien fast gar nicht vorkommen. Aus diesem Grund habe ich einigen dieser Arbeiten auch längere Essays gewidmet.

Auch toll fand ich Jan Klos’ Bilder von Drag-Queens in ihrem Zuhause. Die haben so einen gewissen Humor, nehmen die Menschen aber gleichzeitig ernst.

Genau, und darum wollte ich das Projekt auch unbedingt im Buch haben! Es gibt mittlerweile so viele Fotografien von Drag-Queens, sodass ich das Konzept „Drag-Queens in Drag, aber Zuhause“, also weit entfernt von der sonst üblichen Inszenierung im Club, ausgesprochen charmant und humorvoll fand.

Was hast du durch dein Buch-Projekt gelernt?

Wie wichtig und befreiend es sein kann, ein breites und individuelles Spektrum an Schönheitskonzepten zuzulassen und abzubilden. Darum liegt auch ein besonderer Fokus auf dem Sichtbarmachen alternativer Schönheitsideale und dem Zelebrieren eines individuellen Schönheitsempfindens. Bezogen auf meine Arbeit am Buch – und das hört sich jetzt etwas pathetisch an – habe ich gelernt, nicht aufzugeben. Ich hatte immer wieder Zweifel an meiner kuratorischen Arbeit und Gestaltung, bin bei der Verlagssuche beinahe verzweifelt, habe während der Crowdfunding-Kampagne gezittert, und wegen der Pandemie wurde die Veröffentlichung mehrfach verschoben. Trotzdem war Aufgeben irgendwie keine Option für mich.

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Soraya Zamans Porträts von trans Männern in den USA zeigt sie jenseits von Opferrollen.

Foto: Soraya Zaman
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Queeres Nachtleben ist eines der Themen  des griechischen Fotografen Spyros Rennt.

Foto: Spyros Rennt
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Robin Hammond fotografiert queere Menschen in Ländern, in denen ihre Identität oder Sexualität verboten ist.

Foto: Robin Hammond
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Foto: Robin Hammond
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Ralf Obergfell hat Mitte der Nullerjahre die queere Elektroszene in Londoner Clubs fotografisch begleitet.

Foto: Ralf Obergfell
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Melody Melamed porträtiert vor allem PoC und trans Personen und zeigt sie oft stark und stolz.

Foto: Melody Melamed
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Matt Lambert zeigt queere Sexualität – oft, aber nicht immer bewusst provokant.

Foto: Matt Lambert
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Maika Elans Fotos zeigen queere Menschen in Vietnam, in Situationen, wie sie in der queeren Fotografie bisher selten zu sehen sind: beim Entspannen, lachend, kuschelnd.

Foto: Maika Elan

Was hoffst du, mit dem Buch bei den Betrachter*innen und Leser*innen auszulösen?

Ich würde mir wünschen, dass die Arbeiten der Fotograf*innen auf eine ähnliche Begeisterung stoßen wie bei mir, als ich sie entdeckt habe. Und ich möchte, um beim Untertitel des Buches „focus on the margins“ zu bleiben, den Fokus auf die Ränder der Gesellschaft lenken. Wobei ich dabei nicht nur die negativen Aspekte meine, die einem dabei sofort in den Sinn kommen, also Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Repression. 

Sondern was noch?

Ich meine explizit auch die positiven Aspekte, die man am Rande der Gesellschaft erleben kann: Das Leben „am Rande“ kann es – unter bestimmten Bedingungen und Vorzeichen – oft erst möglich machen, sich völlig frei und fern aller Normen und Konventionen zu entfalten und auszudrücken, die eigene Gender-Identität zu erkunden und das Spiel damit selbstverständlich und unbefangen zu erleben. Das sieht man zum Beispiel in den Bilder der „queer nightlife scenes“ von Spyros Rennt oder Lukas Viar, auf denen die Porträtierten nur so strotzen vor Selbstverständnis und Selbstvertrauen, fern jeglicher Opferrolle. Oder in dem individuelles Schönheitsempfinden, das zum Beispiel die Bildern von Francesco Cascavilla, Jordan Reznick und Claudia Kent zeigen. Wenn auch nur ein Bruchteil dieser Gedanken, Gefühle und Stimmungen bei den Rezipient*innen ausgelöst wird, bin ich schon sehr glücklich und dankbar.

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