„Sarah Hegazis Geschichte ist die Hunderter anderer Ägypter*innen“

Der Tod der queeren Feministin Sarah Hegazi schlug weltweit hohe Wellen. Rasha Younes von Human Rights Watch über den Umgang Ägyptens mit LGBTQ.
Interview von Agnes Striegan

Triggerwarnung: Dieser Text thematisiert Suizid. Solltest du selbst Depressionen oder Suizidgedanken haben, findest du am Ende des Textes Hilfsangebote.

Rasha Younes forscht für Human Rights Watch über den Umgang mit LGBT-Personen im Mittleren Osten und Nordafrika.

Vor drei Jahren wurde in Ägypten die queere Feministin Sarah Hegazi verhaftet, weil sie auf einem Konzert der gesellschaftskritischen Band „Mashrou‘ Leila“ in Kairo eine Regenbogenflagge geschwenkt hatte. Zuvor hatte sie Artikel über soziale Ungleichheit und die Rechte queerer Menschen geschrieben. Drei Monate wurde sie festgehalten, stundenlang befragt, gefoltert. Nach ihrer Entlassung floh sie nach Kanada. Dort hat sie sich vergangenen Sonntag mit dreißig Jahren das Leben genommen. Das Foto, auf dem sie die Regenbogenflagge in die Höhe reißt, schlug ebenso Wellen wie die Nachricht ihres Todes. Über Sarah Hegazis Geschichte und die Situation von LGBTQ+ in Ägypten haben wir mit Rasha Younes gesprochen. Sie untersucht bei Human Rights Watch Gewalt gegen queere Menschen in Nordafrika und im Nahen Osten.

jetzt: Beginnen wir 2017. Warum hatte eine vermeintlich harmlose Tat – das Schwenken einer Regenbogenflagge – in Ägypten so dramatische Konsequenzen?

Rasha Younes: Die LGBT-Community in Ägypten ist schon lange aktiv. Nachdem Präsident Abdel Fatah al-Sisi im Jahr 2014 an die Macht gekommen war, fuhr er eine Kampagne gegen alle, die seiner Meinung nach gegen die öffentliche Ordnung oder seine eigene Agenda verstießen. Homosexuelle erklärte er zum Inbegriff von Ausschweifung und Verkommenheit. Die Sicherheitskräfte fingen an, wahllos LGBT von der Straße aufzusammeln, sie zu jagen, sie in Untersuchungshaft zu stecken. Die Band „Mashrou‘ Leila“ war in Saudi-Arabien und Jordanien verboten worden, zuletzt auch im Libanon. Sie standen für alles, wogegen die ägyptische Regierung vorging. Sie zeigten genau wie Sarah Hegazi: Wir sind hier, wir sind queer, wir sind Teil dieser Gesellschaft. Sie forderten die ägyptische Regierung heraus. Die Regierung wiederum nutzte das als Vorwand, LGBT öffentlicher anzugreifen und die homophobe Öffentlichkeit zu mobilisieren. Seit dem Hissen der Flagge beim „Mashrou‘ Leila“-Konzert gab es eine Reihe systematischer Angriffe auf LGBT.

„Die Stimmung gegen LGBT wird von der Regierung instrumentalisiert, um den Staat aufrechterhalten“

Es gibt in Ägypten aber kein Gesetz, das Homosexualität verbietet.

Das stimmt, aber es werden andere Gesetze genutzt, um LGBT ins Visier zu nehmen: ein Gesetz gegen Ausschweifung oder Verkommenheit, Moralgesetze und Prostitutionsgesetze. Die Regierung behauptet, dass LGBT allein durch ihre Existenz zu Ausschweifungen in der Gesellschaft anstacheln. Sobald Menschen offenbar nicht der binären, heteronormativen Geschlechterordnung entsprechen, fühlen sich die Sicherheitskräfte berechtigt, sie aufzugreifen, festzuhalten und zu foltern, um sie zu dem Geständnis zu zwingen, dass sie queer sind.

Und die ägyptische Gesellschaft steht hinter den Aktionen der Regierung und der Sicherheitskräfte?

Ja. Wie Sarah in ihren Artikeln schrieb, ist ein großer Teil der ägyptischen Mittelschicht – der größten Gesellschaftsschicht – homophob und uninformiert. Aufgrund des Regierungskurses fühlen sie sich berechtigt, gegen LGBT zu hetzen. Gleichzeitig betrachten sie den Staat als Hüter der Moral und bekräftigen die Regierung in ihren Ansichten.

Woher kommt diese Feindseligkeit gegen LGBT?

Die Stimmung gegen LGBT wird von der Regierung instrumentalisiert, um den Staat aufrechterhalten. Anstatt die Öffentlichkeit aufzuklären, wird ihr Angst gemacht vor dieser verletzlichen Gruppe. Al-Sisi behauptet, die Gesellschaft zu schützen; LGBT werden als Bedrohung der traditionellen Familie und des sozialen Gefüges bezeichnet, als westlicher Import, als Menschen mit einer imperialistischen Agenda.

Wie reagiert die LGBT-Community auf diese Vorwürfe?

Sie versuchen, den Mythos zu entlarven, dass ihre Ideen westliche Importe seien. Dazu schaffen sie eigenständige Bewegungen, die besser zu ihrem Leben passen als westliche Bewegungen. Sie sprechen sich gegen die Notwendigkeit aus, sich zu outen, und dagegen, dass queer pride mit der Bekanntmachung der eigenen Identität verbunden ist. Stattdessen konzentrieren sie sich darauf, wie wichtig Schutz und die Akzeptanz der Familie sind. Außerdem passen sie die westliche Sprache an die arabische Sprache an und korrigieren arabische Begriffe, die LGBT abwerten. Über die Jahre haben sie hier wirklich eine Veränderung erreicht, selbst homophobe Medien verwenden jetzt die richtigen Begriffe.

„Die Aktivist*innen sind wirklich in Gefahr“

Wie genau sieht denn LGBT-Aktivismus in Ägypten aus?

Ein sehr wirksames Framing ist, dass LGBT-Rechte Menschenrechte sind: freie Meinungsäußerung, Versammlungsfreiheit, Vereinigungsfreiheit. Ein Land, das eine düstere Menschenrechtsbilanz hat, das aber sein Image gegenüber der internationalen Gemeinschaft aufrechterhalten muss, muss die Menschenrechte zumindest zu einem gewissen Grad achten. Außerdem versuchen Aktivist*innen, Lücken zu füllen, wo eigentlich die Regierung Dienstleistungen erbringen sollte, zum Beispiel für Menschen, die mit HIV leben, oder Menschen mit Vorerkrankungen, die die Regierung aufgrund ihrer Homophobie ignoriert. Die Aktivist*innen selbst sind wirklich in Gefahr, wie wir im Fall von Sarah und Ahmed Alaa (der bei dem Mashrou‘ Leila-Konzert ebenfalls eine Regenbogenflagge gehisst hat und verhaftet wurde, Anm. d. Red.) und in Hunderten von anderen Fällen gesehen haben: in Gefahr, gefoltert und getötet zu werden, ins Exil gehen zu müssen und so viele schreckliche Dinge zu erleben.

Inwiefern ist das Internet für LGBT in Ägypten ein sicherer Ort?

Am Anfang waren Internet-Plattformen und soziale Medien für viele in der Region ermächtigend. Aber die ägyptische Regierung hat sehr stark in diesen sicheren Raum eingegriffen. Wir sehen in der gesamten Region Verleumdungsklagen und Zensur. Die ägyptische Regierung ist sehr präsent auf gleichgeschlechtlichen Dating-Apps und jagt Menschen, die diese Apps nutzen. Außerdem wird die Verwundbarkeit von LGBT während der Corona-Pandemie genutzt: Sie sitzen mit der Familie fest und könnten nur über das Internet miteinander in Kontakt treten. Queere Ausländer*innen werden unter dem Vorwand, dass Grenzen geschlossen sind, in Untersuchungshaft festgehalten, während die Menschen mit anderen Sorgen beschäftigt sind.

Ist die Situation in Ägypten generell mit der in anderen Ländern in der Region vergleichbar?

Es ist überall trostlos, aber es hängt vom einzelnen Land ab, wie sich Homophobie äußert. In weiten Teilen des Golfs werden Menschen so zensiert, dass sie ihr Leben sehr privat leben. Wir sehen einen Mangel an Zivilgesellschaft. Die ägyptische Zivilgesellschaft hingegen war in der Vergangenheit sehr aktiv, ebenso die in Marokko und Tunesien. Auch dort geschehen immer noch Angriffe, aber das internationale Image ist wichtig und es gibt Ansätze fortschrittlicher Politik. Im Libanon ist es ähnlich, aber im Libanon sehen wir willkürlichere Gewalt, weil die Macht ebenfalls willkürlich verteilt ist. In Ägypten hingegen greift eine autoritäre Regierung mit von ihr kontrollierten Sicherheitskräften LGBT an.

„Es ist traurig, dass erst nach dem Tod einer Person ihre Arbeit und ihre Bedeutung anerkannt werden“

Wie hat man denn angesichts der momentanen Lage in Ägypten auf den Tod von Sarah Hegazi reagiert?

Es ist traurig, dass erst nach dem Tod einer Person ihre Arbeit und ihre Bedeutung anerkannt werden. Als Sarah noch mit uns war, war sie auf so vielen Ebenen aktiv, selbst nachdem sie nach Kanada ins Exil hatte gehen müssen. Sie hatte einen intersektionalen Ansatz, der verschiedene Elemente von Unterdrückung betrachtete, und eine dringend benötigte Stimme. Die Menschen in Ägypten trauern, und sie haben auch Angst, zurecht. Sie haben Angst, dass sie die Nächsten sein könnten, dass all die Aufmerksamkeit die ägyptische Regierung erst recht dazu bringt, die Gewalt gegen sie fortzusetzen.

Und außerhalb der queeren Community?

Wir haben viel Solidarität mit Sarah gesehen, sogar von Menschen, die LGBT vorher eher nicht unterstützt haben. Ihnen wird bewusst, was es bedeutet, LGBT zu sein; wenn sich jemand das Leben nimmt, merkt man, wie sehr er oder sie gelitten hat und wie ungerecht die Welt zu ihm oder ihr gewesen ist. Gleichzeitig hat es Gewalt und Mobbing gegen Einzelpersonen gegeben, die sich mit ihr solidarisiert hatten, was herzzerreißend war: Selbst nach dem Tod einer Person fühlen manche sich noch berechtigt, sie zu beleidigen, ihr und ihren Angehörigen Böses zu wünschen. Aber das hat auch gezeigt, wie viel Arbeit wir noch leisten müssen.

Was muss geschehen, damit LGBT in Ägypten frei und gleichberechtigt leben und lieben können?

Die Sicherheitskräfte und die ägyptische Regierung müssen aufhören, Menschen willkürlich zu verhaften, weil sie ihre fundamentalsten Rechte ausüben. Ägypten muss das Gesetz aufheben, das die Arbeit von Nichtregierungsorganisationen behindert, und mit der Zivilgesellschaft zusammenarbeiten. Ägypten muss auch ganz klar anerkennen, dass es in Ägypten LGBT gibt, statt sie zu unterdrücken. Ausländische Geldgeber müssen darauf achten, wohin ihre Gelder fließen, und gegebenenfalls Druck ausüben. Das würde wirklich einen Unterschied machen bei der ägyptischen Regierung. Und Ägypten muss ein Anti-Diskriminierungsgesetz einführt. Dann können sich LGBT für ihren Schutz an die Regierung wenden.

Was ich hoffe, ist, dass es nicht hier endet. Wir können nicht einfach über das Thema berichten, unsere Solidarität zum Ausdruck bringen und sagen, okay, machen wir weiter. Das wahrscheinlich einzig Gute an dieser Tragödie, oder ein unerwartetes Ergebnis, ist, dass die Menschenrechtsbilanz Ägyptens jetzt international angeprangert wird. Jeder weiß Bescheid. Und das ist gut, weil es die internationale Gemeinschaft dazu bringt, zumindest zukünftig Rechenschaft von Ägyptens Regierung zu fordern.

Anmerkung der Redaktion: Wenn Du Dich selbst von Depressionen oder Suizidgedanken betroffen fühlst, kontaktiere bitte umgehend die Telefonseelsorge oder U25. Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 gibt es Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.

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