„Wir können nicht an jeder Ecke Security positionieren“

Wie ein Veranstalter großer Festivals gegen sexuelle Belästigung vorgeht.
Interview von Niko Kappel
Foto: Edward Paterson / Unsplash / Collage: jetzt.de

Wir haben Ende Juni Geschichten von Menschen gesammelt, die auf Festivals sexuell belästigt wurden. Einige der Geschichten sind auf dem Southside-Festival passiert, wo die Veranstalter-Agentur FPK-Scorpio schon 2017 die Kampagne „Wo geht’s nach Panama?“  eingeführt hatte. Das Konzept: Jede Person, die auf einem Festival die Frage „Wo geht’s nach Panama?“ an einen Mitarbeiter stellt, bekommt Hilfe. Sofort und ohne Gründe angeben zu müssen. Und trotzdem - das zeigten die Erlebnisse von Southside-Besuchern, kam es dort zu sexueller Belästigung.

Die Hamburger Agentur ist unter anderem Ausrichter des Zwillingsfestivals Southside/Hurricane, des Chiemsee Summer und des Deichbrand Festivals. Das Unternehmen gehört zu den führenden Konzertveranstaltern in Deutschland und erwirtschaftet mit seinen Events einen Jahresumsatz von 100 Millionen Euro.

Wir wollten von den Veranstaltern wissen, wie sie den Erfolg ihrer Panama-Kampagne einschätzen. Und was sie sonst noch gegen sexuelle Belästigung tun können und wollen. Laut einer britischen Studie werden lediglich zwei Prozent der Fälle sexueller Belästigung überhaupt gemeldet. Wir haben bei FKP Scorpio angerufen und mit PR- und Marketingcoordinator Jonas Rohde darüber gesprochen. 

jetzt: Jonas, warum kommt es auf Festivals zu sexueller Belästigung?

Jonas Rohde: Ich glaube nicht, dass Festivals einen besonderen Wirkmechanismus für sexuelle Belästigung bieten. Festivals sind immer ein Abbild der Gesellschaft. Wie überall sonst können Alkohol und eine ausgelassene Stimmung, die manche als Ausnahmezustand fehlinterpretieren, unerwünschte Handlungen provozieren. 

Wie definiert ihr bei euch in der Agentur sexuelle Belästigung?

Wir definieren das bewusst gar nicht, der Spaß hört immer dann auf, wenn sich eine Person in der Situation unwohl fühlt. Wir wollen, dass jeder, der sich auf unseren Veranstaltungen unwohl fühlt, sofort Hilfe bekommt. Deshalb ist unser „Panama“-Programm sehr offen gehalten: Wer die Frage „Wo geht’s nach Panama?“ stellt, bekommt schnell und unkompliziert Hilfe – dabei geht es in den meisten Fällen auch gar nicht um sexuelle Belästigung. Darauf bezogen verläuft die Grenze sehr individuell: Manche Menschen sehen das als Flirt, was andere schon als Beleidigung oder Eindringen in die Privatsphäre begreifen.

Habt ihr dieses Jahr nach euren Festivals viele Beschwerden von Zuschauern bekommen?

Nein, das haben wir nicht. Wir führen eine repräsentative Besucherumfrage durch, bei der rund 2000 Leute von 65.000 Besuchern mitgemacht haben. Beim Southside haben davon zwölf Menschen angegeben, dass sie die „Panama“-Frage benutzt haben. Davon hat allerdings niemand spezifiziert, dass es um sexuelle Belästigung ging.

Was für Fälle waren das dann? 

Fälle, in denen es Menschen in einer Situation nicht mehr gut ging. Zum Beispiel wegen der großen Menschenmengen, wegen der Lichtshow oder anderen äußeren Reizen. Wenn du zum ersten Mal auf einem Festival bist, kann dir das alles schnell zu viel werden.

Trotzdem gab es Beschwerden über sexuelle Belästigung nach dem Southside. Zum Beispiel den Facebook-Kommentar von Ricky, mit der wir für unseren letzten Artikel zu dem Thema gesprochen haben. Wie reagiert ihr als Veranstalter auf solche Beschwerden?

Zum Beispiel mit dem „Panama"-Programm, das wir ja nicht grundlos entwickelt haben. Wir nehmen solche Kommentare sehr ernst. Wir sind darauf angewiesen, dass unsere Besucher mit uns sprechen. Sonst erfahren wir nicht, was auf dem Campingplatz los ist. Das Gelände ist etliche Hektar groß, und wir können leider nicht an jeder Ecke Security positionieren.

Was macht ihr konkret, wenn sich jemand wie Ricky über sexuelle Belästigung beschwert?

Was wir konkret tun, ist vom Einzelfall abhängig. Dass uns Leute auf dem Festival ansprechen, ist leider eine Seltenheit. Im Nachhinein ist es dann sehr schwer, noch was zu unternehmen. Wir können vor Ort dafür sorgen, dass das Festival so sicher ist wie möglich. Ich muss aber auch sagen, dass wir Veranstalter sind und keine Polizei. Wir können neben der Zusammenarbeit mit den Behörden und dem Vorhalten von Sicherheitskräften Angebote schaffen, die es für Betroffene leichter machen, sich zu melden. Genau das machen wir mit dem „Panama“-Programm.

„Viele gehen nicht zur Polizei, weil sie so ein Verhalten ein Stück weit normal finden“

Die wenigsten Fälle von sexueller Belästigung werden gemeldet. Ich verweise da auf eine britische Studie, die sagt, dass nur zwei Prozent der Fälle von sexueller Belästigung auf Festivals angezeigt werden. Macht dann eine Kampagne überhaupt Sinn, bei der die Leute etwas melden müssen?

Ja, auf jeden Fall. Panama definiert sich ja gerade nicht über die Zahl der Anzeigen. Die Kampagne schafft Awareness für das Thema. Wenn wir über diese Studie sprechen: Nur zwei Prozent der Betroffenen gehen zur Polizei. Deshalb wollen wir eine Brücke schlagen mit „Panama“, sodass die Leute direkt Hilfe bekommen, ohne sagen zu müssen, was genau passiert ist.

Woran liegt es, dass so wenig Leute zur Polizei gehen?

Viele Leute gehen nicht zur Polizei, weil sie so ein Verhalten ein Stück weit normal finden. Wenn da Leute Schilder mit „Titten raus“ oder „Eier raus“ hochhalten, ist das geschmacklos, aber leider oft Gewohnheit, wie ja auch aus eurem Artikel hervorgeht. Wenn Betroffene in einer Umfrage nach so etwas gefragt werden, definieren sie das zu Recht als sexuelle Belästigung. Aber in so einer Situation gehen Betroffene selten zur Polizei, weil sie sich vor Ort nicht sofort bedroht gefühlt haben.

Wir haben schon über den Facebook-Post von Ricky gesprochen. Sie hat in unserem letzten Artikel zu dem Thema erzählt, dass sich viele Männer auf dem Southside über eure „Panama“-Kampagne lustig gemacht hätten.

Das macht uns natürlich wütend, auch wenn es sich dabei um Einzelfälle handelt. Wir sind einer der wenigen Veranstalter, die das Thema so offensiv angehen. Wir haben da eine Menge Zeit und Geld reingesteckt, um dieses Projekt zu schaffen. Es gibt offensichtlich ein paar Idioten, die sich darüber lustig machen. Das macht aber das Programm an sich nicht schlechter. Diejenigen die Hilfe brauchen, nutzen es ja trotzdem.

Was würdest du tun, wenn du auf einem eurer Festivals mitbekommst, dass jemand einer Frau einen Sticker auf den Hintern klebt auf dem #Panama steht?

Wenn wir davon nur erfahren, dann sind diese Personen nicht mehr lange unsere Besucher. Das führt natürlich zum Platzverweis. Und in einer solchen Situation müssen die Besucher uns bitte sofort ansprechen, dann begleiten wir diejenigen sehr gerne vom Gelände.

Was plant ihr in Zukunft, um die Lage auf euren Festivals zu verbessern?

Wir wollen zum Beispiel die Sichtbarkeit der „Panama“-Kampagne vor Ort verbessern. Unsere Umfragen haben ergeben, dass 96 Prozent der Leute „Panama“ kennen. Das ist ein sehr guter Wert, aber es könnten auch 100 Prozent sein. Denn trotz der Einzelfälle kann ich sagen: Das Programm funktioniert sehr gut.

Aber du sagtest, „Panama“ wurde auf dem Southside nur zwölf Mal angewendet, und das bei 65.000 Besuchern. Kann man dann echt sagen, dass das gut funktioniert?

Es geht nicht darum, wie viele die Frage gestellt haben, zumal diese Zahl ja auf der Umfrage basiert und nicht die tatsächliche ist. Davon abgesehen wirkt „Panama“ vor allem durch die PR, die es generiert. „Panama“ trägt dazu bei, dass das Thema Gehör findet. Die Menschen werden bei Themen wie sexueller Belästigung sensibler. Sie achten mehr auf ihr eigenes Verhalten und auf das der Menschen um sie herum.

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