Theresa will das generische Maskulinum bei Wikipedia abschaffen

Denn das ist bislang Pflicht. Auch LGBTQI soll ihre Petition sichtbarer machen.
Interview von Maximilian Senff

Theresa Hannig.

Foto: Theresa Hannig

Rund 50 Millionen Artikel sind bei Wikipedia abrufbar, knapp 2,3 Millionen davon sind deutschsprachig. Wer bei Wikipedia veröffentlichen will, muss allerdings das generische Maskulinum verwenden, so sehen es die Richtlinien vor. Die 34-jährige Romanautorin Theresa Hannig findet das nicht gut. Mit ihrer Petition #Wikifueralle will sie erreichen, dass die Pflicht zum generischen Maskulinum in den Artikeln abgeschafft und LGBTQI sichtbarer wird. Aber: Nicht alle Nutzer und Administratoren der kollektiv erstellten Online-Enzyklopädie sind von ihrem Vorschlag begeistert.

jetzt: Hast du schon mal einen Wikipedia-Eintrag selbst geschrieben?

Theresa Hannig: Nein, ich bin keine Wikipedia-Autorin. Ich habe höchstens mal etwas korrigiert, wenn mir ein Fehler aufgefallen ist. Aber wenn ich etwas wissen will, gehe ich auf Wikipedia. Ich habe sogar die App auf dem Handy. Vor ein paar Wochen hat sich meine Einstellung dazu allerdings geändert. Ich sehe die Inhalte jetzt etwas kritischer.

Warum bist dann jetzt ausgerechnet du eine Vorkämpferin für Frauenrechte auf Wikipedia?

Am 12. März habe ich eine „Liste deutschsprachiger Science-Fiction-Autorinnen“ auf Wikipedia erstellt. Die gab es vorher noch nicht. Es gab nur ein Verzeichnis der „Autoren“, da waren Männer und Frauen gemischt. Gemeinsam mit einigen Leuten von Twitter habe ich die Liste dann gefüllt. Als Schwarm, wie das früher bei Wikipedia eben gedacht war. Schon abends gab es von einem Nutzer einen Antrag auf Löschung, weil die Liste angeblich keinen erkennbaren Mehrwert biete. Wir wollten aber, dass Frauen nicht nur mitgemeint werden, sondern suchbar, auffindbar und deshalb auch sichtbar sind. Es folgte eine zwei Wochen dauernde Diskussion, ein Admin löschte die Seite – und schließlich wurde sie doch wieder hochgeladen.

„Die Wikipedianer*innen haben einen ziemlich einzigartigen Way of Life“

War das für dich ein Erfolg oder Misserfolg?

Mich haben viele Leute in meinem Anliegen bekräftigt. Das war wichtig. Wer diese Unterstützung und den nötigen Biss nicht hat, der gibt irgendwann klein bei und verzichtet darauf, seinen Wikipedia-Artikel oder seine Liste zu veröffentlichen. Das war aber nur der Anstoß. Worum es eigentlich geht, ist, die Regeln und Richtlinien der Wikipedia-Community zu ändern. Die Wikipedianer*innen haben einen ziemlich einzigartigen Way of Life.

Wie sieht der aus?

Die Community ist nicht so offen, wie man denkt. Viele Mitglieder versuchen, das sehr exklusiv zu halten. Um respektiert zu werden, musst du dir erst deine Sporen verdienen und etliche Artikel verfasst haben. Wir wollen aber, dass auch die Leute da draußen, die zwar keine Artikel editiert haben, die Wikipedia aber täglich nutzen, Gehör finden. Geschlechtergerechte Sprache und die Ansprache von nicht-binären Menschen sind uns wichtig. Unser Ziel ist es, möglichst viele Leute zu motivieren, sich einzubringen. Auch vor dem Hintergrund, dass der Verein Deutsche Sprache einen Aufruf gegen das Gendern gestartet hat. Die VDS-Mitglieder sind genau die klischeehafte Zielgruppe, die sich für das generische Maskulinum einsetzt. Salopp gesagt: alte weiße Männer und nur ganz wenige Frauen.

Wie wollt ihr die Forderungen aus eurer Petition umsetzen?

Parallel zur Petition wurden auf Wikipedia zwei interne Abstimmungen, sogenannte Meinungsbilder, initiiert, die sich an die Wikipedia-Autor*innen richten. Sie sind das wichtigste Mittel, um generelle Fragen zur Arbeit an der Enzyklopädie zu klären. Beim ersten Meinungsbild geht es um die Darstellung der Listen. Wenn es keine geschlechtsspezifischen Listen gibt, sollen sie zumindest standardmäßig nach Geschlecht sortierbar sein. Für den Erfolg dieser Initiative sieht es bis jetzt nicht schlecht aus. Ich denke, das könnte klappen. Zu diesem Meinungsbild gehört auch noch die Forderung, dass die Lemmata, also die Titel der Artikel, geschlechtergerecht angepasst werden, damit man auch „Schriftstellerinnen“ und „Schauspielerinnen“ findet, wenn man explizit nach ihnen sucht. 

Worum geht es beim zweiten Meinungsbild?

Um die generelle Sprache auf Wikipedia. Bis jetzt ist es Pflicht, Titel in der maskulinen Form zu formulieren und im Artikel die Tradition des generischen Maskulinums zu pflegen. Wir schlagen verschiedene Varianten geschlechtergerechter Sprache vor.

Bei Wikipedia muss man zwischen den Betreibern der Seite und der Community, die relativ frei und nach eigenen Vorgaben agieren darf, unterscheiden. Wie hast du die Community bis jetzt erlebt?

Als eine Art Meritokratie. Wer mit Orden behängt ist, hat das Sagen. Für alles gibt es tausend Regeln. Wer sich in diesem Regelwerk am besten auskennt, kann andere ausschließen. Eine Regel des Netzwerks ist aber auch: Sei mutig! Und daran halte ich mich. Es gibt aber auch Wikipedianer*innen, die uns unterstützen und uns in den Diskussionen und bei der Erstellung der Meinungsbilder helfen. Ich will nicht nur schimpfen. Es gibt da auch ganz tolle Leute!

„Ich will etwas an der Struktur ändern und nicht die Leute persönlich angreifen“

Sollten mehr Leute mutiger sein?

90 Prozent der Autor*innen auf Wikipedia sind Männer. Ich habe dafür keine Erklärung und müsste auf Klischees zurückgreifen, gegen die ich mich ja eigentlich wehre. Wir sollten einfach mehr Frauen und nicht-binäre Menschen dazu motivieren, sich aktiv in die Gestaltung der Enzyklopädie einzubringen und die Autor*innen-Statistik der Realität anzugleichen.

Gibt es in der Wikipedia-Community eine Art Kampf „Innen versus Außen“ zwischen etablierten Mitgliedern und Nutzern, die neu dazukommen?

Ich habe schon den Eindruck. Von den Gegner*innen meiner Aktion wurde mir vorgeworfen, ich hätte da eine von langer Hand geplante und mit viel Geld unterstützte Kampagne begonnen. Schön wär‘s! Hätte ich ein ganzes PR-Team hinter mir, hätte ich in den letzten Wochen wesentlich mehr geschlafen und Zeit gehabt, mein nächstes Buch weiterzuschreiben. Manche Leute haben eine komische Selbstverteidigungshaltung. Ich will etwas an der Struktur ändern und nicht die Leute persönlich angreifen. Ich betone nochmal: Ich bin selbst ein totaler Wikipedia-Fan und sehe in erster Linie den positiven Aspekt. Aber ich möchte auch mehr Diversität auf der Seite.

Hattest du auch schon Kontakt zu direkten Mitarbeitern von Wikipedia?

Lukas Mezger, der Vorsitzende von Wikimedia Deutschland, hat sich bei mir gemeldet, kurz nachdem die Diskussion losging. Er hat über Twitter eine Diskussionsrunde vorgeschlagen und mich auch zu einem Gesprächspanel eingeladen. Das fand ich super. Ob und wann das wirklich klappt, darüber müssen wir uns aber noch abstimmen.

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