„Werde ich meine Vulva erkennen?“

Das habe ich mich gefragt, bevor ich einen Gipsabdruck von ihr machen ließ.
Von Lisa Winter

Foto: Lisa Winter

Emmi, Mumu, Muschi: Jahrelang habe ich versucht, mit fragwürdigen Spitznamen die unaussprechliche Gegend zwischen meinen Beinen zu benennen. „Vagina“ und „Vulva“ klangen in meinen Ohren zu medizinisch. Lateinische Fremdworte, die zwar korrekt sind, in der Alltagssprache aber doch eher steril klingen.  Mich mit einem Spiegel zwischen den Beinen ganz genau anzuschauen, hatte ich bisher vermieden. Bis auf den Frontalblick in den Badezimmerspiegel war mir das Aussehen meines eigenen Geschlechtsteils fremd.

Irgendwann merkte ich: Viele Frauen wissen nicht, wie sie das „da unten“ richtig benennen sollen. Geschweige denn, wie es dort eigentlich genau aussieht. Im Gegensatz zu den meisten sexuellen Themen wird die Vulva, also das Ensemble aus Venushügel, Schamlippen und Klitoris, noch immer tabuisiert. Bis ins 18. Jahrhundert galt sie als heiliger Ort, dann wurde sie bewusst diffamiert, verleugnet und verschwand fast gänzlich aus unserer Sprache. Denn während jedes Kind einen Penis zeichnen kann, Japan jährlich im Frühjahr das männliche Genital feiert und wir Penisnudeln zum Geburtstag verschenken, wird die Vulva  mit Scham verbunden. Ich merke das auch bei mir selbst: Mit meiner Kindheitsfreundin Celina spreche ich über alles. Über Menstruation, Sex, Selbstbefriedigung. Nur nicht über unseren Vulven – geschweige denn, dass wir wüssten, wie die der anderen aussieht. Höchste Zeit, das zu ändern.

Die Vorstellung ist so absurd, dass ich mich kurz frage, ob das wirklich notwendig ist

 

Denn seit einiger Zeit erlebt die Vulva ein Revival. Immer wieder rufen Feminist*innen dazu auf: „Schaut euch eure Vulven an!“ Eine bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Vulva soll zu einem positiven Körperbewusstsein und mehr sexuellem Selbstbewusstsein verhelfen. Diese Mission teilt auch die Wiener Künstlerin Gloria Dimmel, aka „g.sus.christ“. Die 26-Jährige fertigt seit etwa zwei Jahre Gipsabdrücke von Vulven an. Mittlerweile besteht ihre Sammlung aus rund 200 „Vulvis“, wie sie die Abdrücke nennt. Als ich die Fotos von Glorias Vulvis zum ersten Mal sah, wurde ich neugierig. Wie sehe ich eigentlich „da unten“ genau aus? Wie charakteristisch ist meine Vulva?

Celina nahm diese Neugier zum Anlass, mir ein außergewöhnliches Geschenk zu meinem 24. Geburtstag zu machen: Gipsabdrücke unserer Vulven. Ein paar Wochen später stehen wir vor Gloria Dimmels Wohnung im 17. Bezirk von Wien. In wenigen Minuten werden wir, mit vier anderen Frauen, halbnackt bei einer fremden Frau auf dem Sofa sitzen, um unsere Vulven in Gips zu tauchen. Die Vorstellung ist so absurd, dass ich mich kurz frage, ob das wirklich notwendig ist, bevor ich die letzten Zweifel beiseiteschiebe und doch die Klingel drücke.

Als wir Glorias Wohnzimmer betreten, sitzt dort bereits eine Frau breitbeinig auf einem Sessel und schmiert sich mit Alginat, einer Körperabformmasse, ein. Es fällt mir schwer, ihr nicht ununterbrochen auf ihre Vulva zu starren. Ein anderer Blickfang ist ein Vulva-Abdruck über der Couch, der zu einer Maria-Figur umgeformt und mit goldener Farbe angemalt wurde. Darunter sitzen die anderen Frauen, die noch nicht an der Reihe waren. Es gibt Wein, auf dem Tisch liegt feministische Literatur aus, daneben Sticker, die Glorias eigene Vulva zeigen. „Sehr gerne mitnehmen und verteilen“, sagt sie und lächelt. Die Haare hat sie kurz geschnitten, das Shirt locker in die Jeans gesteckt. Die Stimmung ist angenehm unangenehm. Vereinzelte Gespräche hier und da, während der Rest in Büchern und Zeitschriften blättert.

Es fühlt sich komisch an, mir vor fremden Menschen an meine Vulva zu fassen

Ein Abdruck dauert etwa drei bis vier Minuten. Gloria sammelt die Negative in der Küche auf dem Herd. Später wird sie diese mit Gips ausgießen, trocknen lassen und anschließend abschleifen. Etwa ein bis zwei Wochen muss man warten, bis der fertige Abdruck bei ihr abgeholt werden kann. Für Gloria ist die Kunst mittlerweile auch zum Nebenjob geworden. Mehrmals in der Woche bietet sie Sessions an. Frauen aus ganz Österreich und Deutschland wollen bei ihr einen Abdruck machen lassen. Das große Interesse freut sie, viel Aufmerksamkeit ist gut. Anstrengend ist es trotzdem manchmal.

Zwei Gläser Wein später bin ich dran. Nervös husche ich ins Bad, mache mich untenrum frei und tapse Richtung Sessel. Für einen Abdruck muss man sich vorher im Idealfall die Schamhaare auf einen Zentimeter stutzen, Rasiergegnerinnen können sich aber auch mit Vaseline behelfen. Routiniert hält Gloria mir das Alginat hin. „Von unten nach oben auftragen“, erklärt sie. Es fühlt sich komisch an, mir vor fremden Menschen an meine Vulva zu fassen. „Aber nicht so weit hoch. Den Teil brauchen wir nicht“, sagt sie lachend und meint meinen Venushügel. Gut, dass ich weiß, wo meine Vulva aufhört. Als das Alginat angetrocknet ist, löse ich es vorsichtig von meiner Haut. Dann mache ich noch einen zweiten Abdruck für Glorias Sammlung. Das war’s, ich bin fertig. Das Gefühl danach ist ein bisschen wie bei einer Prüfung. Vorher ist man fürchterlich aufgeregt, um danach zu merken, dass es gar nicht so schlimm war.

Mein Vater wirkt belustigt und besorgt zugleich

In der Zeit, in der ich auf meinen Abdruck warte, rede ich erstaunlich viel über meine Vulva, lese Artikel, schaue Dokumentationen. Mein Instagram-Feed ist voll von Kunst mit Vulven. Neben dem Penis-Sticker an unserem Küchenschrank klebt nun auch Gloria Dimmels Vulva. Das finde nicht alle aus meinem Umfeld super, manchen geht der Hype zu weit. Mein Vater wirkt belustigt und besorgt zugleich, ob seine Tochter jetzt zur Männerhasserin wird.

           

Zwei Wochen später holen wir unsere Abdrücke ab. Ich bin aufgeregt. Werde ich meine Vulva erkennen? Gloria drückt uns ein kleines, in Zeitungspapier gewickeltes Päckchen in die Hand. Kaum sind wir draußen vor der Tür, wickeln wir es hastig auf. „Ja, das bin ich“, ruft Celina und hält lächelnd ihre Vulvi in der Hand. Auch ich bin zufrieden und betrachte neugierig das Ergebnis:

Ich kann jede Pore, jede einzelne Hautfalte sehen. Meine äußere rechte Schamlippe ist etwas dicker, als meine linke. Die Klitoris ist von der Klitorisvorhaut bedeckt, die inneren Schamlippen sind nur ganz leicht zu erkennen. Zuhause mache ich ein Foto des Abdrucks und verschicke es. Die Reaktionen sind gemischt. Die einen zeigen sich zurückhaltend, fast schüchtern. Andere machen mir Komplimente für meine „schöne“ Vulva. Dass ich sie neben mein Bett hängen möchte, sehen vor allem meine zwei besten Freundinnen kritisch. Zu intim und privat, so ihre Bedenken. Doch wie soll man ein Tabu brechen, wenn man die eigene Vulva weiterhin tabuisiert? Plötzlich bin ich sehr stolz, werfe immer wieder einen zufriedenen Blick auf den Abdruck. Ich bin froh, meiner Vulva nicht nur einen Namen, sondern auch ein Abbild gegeben zu haben.

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