„Mein Körper muss gleichzeitig gegen den Tumor und Viren kämpfen”

Auch junge Menschen mit Vorerkrankungen sind durch das Coronavirus besonders gefährdet. Drei von ihnen erzählen.
Protokolle von Katharina Steinhäuser

Foto: privat; Bearbeitung: jetzt

Das Coronavirus betrifft inzwischen jeden von uns: Züge fallen aus, Schulen, Unis und Büros sind geschlossen, Besuche bei den Eltern gibt es vorerst nicht mehr. Aber während viele vor allem die Sorge zu haben scheinen, dass ihnen das Klopapier oder die Nudeln ausgehen könnten oder es richtig, richtig langweilig in der Bude wird, leben andere gerade mit einem echten Risiko. Für sie bedeutet Corona nicht bloß erschwerte Freizeitplanung, sondern eine lebensbedrohliche Gefahr. Das gilt nicht nur für Ältere. Auch junge Menschen können durch eine Vorerkrankung stark gefährdet sein. Unter dem Hashtag #Risikogruppe weisen immer mehr Betroffene auf dieses Problem hin. Wir haben mit drei von ihnen darüber gesprochen, wie die Verbreitung des Coronavirus ihr Leben beeinflusst und was sie sich von ihren gesunden Mitmenschen wünschen.

Niemand nimmt Rücksicht aufeinander, obwohl wir das gerade jetzt tun sollten

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Julia, 22, Elektronikerin in Ausbildung aus Lüchow-Dannenberg

„Man sieht mir meine Krankheit nicht an, vor allem nicht derzeit. Nur im Sommer sind die großen Narben zu sehen. Ich leide unter dem sehr seltenen Alport-Syndrom. Das ist eine Nierenkrankheit, die unter anderem zu Nierenversagen führen kann. Zusätzlich habe ich noch eine Genmutation, wodurch immer wieder Tumore entstehen. Diese mussten schon mehrmals durch Operationen entfernt werden. In einem Monat ist wieder eine Operation geplant. Der Tumor wächst und macht sich bemerkbar. Ich mache mir Sorgen. Denn wenn ich krank werde, muss der OP-Termin verschoben werden. 

Zur Arbeit gehe ich schon seit zwei Wochen nicht mehr. Ich mache eine Ausbildung zur Elektronikerin und da gibt es einfach nicht ausreichend hygienische Maßnahmen, um mich zu schützen. Durch den Gendefekt bin ich anfälliger und werde leicht krank. Mein Körper ist nicht so stark wie der von anderen Menschen. Er muss gleichzeitig gegen den Tumor und Viren ankämpfen. Daher besorgt mich die Verbreitung des Coronavirus besonders. 

Ich nehme im Moment möglichst viele Vitamine zu mir und versuche, mit Meditation mein Immunsystem zu stärken. Auch wenn ich selbst zur Risikogruppe gehöre, mache ich mir vor allem Sorgen um meine Großeltern. Ich finde es wichtig, dass man sich nicht nur mit sich selbst beschäftigt, sondern auf das Umfeld achtet. Gestern war ich das letzte Mal einkaufen. Danach wird mein Freund für mich gehen oder Bekannte bringen etwas vorbei. Die Leute sind im Moment extrem unfreundlich, rempeln einen an und achten null auf Hygiene. Das macht mich sauer. Niemand nimmt Rücksicht aufeinander, obwohl wir das gerade jetzt tun sollten.“

„Ich hatte schon mal eine Lungenentzündung, die mich fast dahingerafft hätte“

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Denis, 32, Musiker aus Marburg

„Vor drei Wochen habe ich auch noch gedacht: Ach, wenn das wie die Grippe ist, habe ich keine Angst. Doch das Virus ist neu und die Informationslage ändert sich ständig. Solange ich das nicht richtig einschätzen kann, gehe ich auf Nummer sicher. Ich habe eine Querschnittlähmung im Halswirbelbereich und seit meinem Unfall ein viel kleineres Lungenvolumen als früher. Durch die fehlenden Bauchmuskeln kann ich nicht abhusten. Wenn ich krank bin, muss mir jemand für jeden Huster gleichzeitig auf Bauch- und Brustraum drücken. Eine normale Erkältung ist schon richtig mies für mich. Ich hatte auch schon mal eine Lungenentzündung, die mich fast dahingerafft hätte. Dadurch habe ich ein zusätzliches Risiko. 

Ich bleibe seit circa einer Woche zu Hause. Davor habe ich eingekauft, so dass ich in meinem Haushalt zwei Wochen davon leben kann. Ich meide soziale Kontakte außer zu meinen Assistenten. Auch sie vermeiden alle Kontakte außerhalb der Arbeit. Wenn wir alle zu Hause bleiben und jetzt an einem Strang ziehen, dann können wir das Virus vielleicht ausmerzen. Niemand soll sich später schuldig fühlen müssen und denken: Wäre ich mal daheim geblieben. Wenn wir Corona stoppen können, dann sollten wir das tun. Man hört in den Medien immer nur, dass es vor allem für Alte und Kranke gefährlich werden kann. Bei Letzteren ist vielen jedoch nicht klar, wer da alles dazu zählt. Durch die Posts unter dem Hashtag #Risikogruppe haben sogar manche Betroffene erst gemerkt, dass sie auch dazugehören. Deshalb mein Appell: Macht euch Gedanken und sucht nach Risikopersonen in eurem Umfeld.“

„Eine normale Erkältung ist für mich schon schlimm, Corona wäre mein persönlicher Supergau“

Foto: privat

Katharina, 32, Musikmanagerin aus München

„Da es bei mir auf der Arbeit einen Coronafall gab, zu dem ein Kollege über eine weitere Person Kontakt hatte, bin ich schon seit zwei Wochen zu Hause. Das Risiko war einfach zu hoch. Ich habe Spina bifida, also einen offenen Rücken. Die Wirbelsäule ist fehlgebildet, die linke Seite ist vom Bauchnabel abwärts gelähmt. Meine Lunge ist kleiner und die Muskulatur setzt woanders an. Jeder Atemzug ist Schwerstarbeit für meinen Körper. Nachts nutze ich ein Beatmungsgerät. Eine normale Erkältung ist für mich schon schlimm, Corona wäre mein persönlicher Supergau. 

Im Moment gehe ich gar nicht unter Menschen und bin auf Hilfe angewiesen. Zum Glück habe ich eine coole Familie, die zum Beispiel für mich einkauft. Wenn meine Mama Einkäufe vorbeibringt, bleibt sie im Treppenhaus stehen und wir reden kurz. Ich will einfach jede Gefahr einer Ansteckung vermeiden. Leider haben viele Menschen noch nicht verstanden, dass Corona nicht nur sie selbst betrifft. Es ist wichtig, dass man nicht nur auf sich schaut, sondern vielleicht auch auf die Oma in der Nachbarschaft. Zudem weißt du gar nicht, wen du mit rücksichtslosem Verhalten gefährdest. Der Frau in der Schlange an der Supermarktkasse sieht man nicht an, dass sie vielleicht auch für ihren kranken Mann einkauft oder selbst eine Immunschwäche hat.

Ich erwarte von meinen Mitmenschen, dass jeder ein bisschen für die Gemeinschaft denkt. Niemand sollte wegen so eines Virus sterben müssen. Ich finde es fahrlässig, dass Clubs und Bars noch so lange offen waren. Die Entwicklung war doch abzusehen. Auch so was wie Coronapartys geht aus meiner Sicht einfach gar nicht. Diesen Menschen ist nicht bewusst, wen sie alles gefährden. Deshalb ist der öffentliche Diskurs so wichtig.“

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