Wieso Wellness für Menschen mit Rassismuserfahrungen so wichtig ist

Critical Wellness verbindet Selfcare mit der Fürsorge für die eigene Community.
Foto: Adobe Stock

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Wenn ich an Wellness denke, geht mein Kopfkino an. Ich sehe schwarze, heiße Steine auf dem Rücken einer Frau liegen. Ich stelle mir Frauen mit Gesichtsmasken vor, die in kuscheligen Bademänteln Richtung Sauna laufen. Frauen, die im modernen Yogastudio den herabschauenden Hund üben. Eins haben diese Frauen gemeinsam: Sie sind alle weiß. Auch Google spuckt genau diese Bilder aus, wenn man den Begriff Wellness eingibt. Schwarze Frauen fühlen sich in diesen Räumen oft isoliert und werden in der Wellnessbranche weder sichtbar noch als relevante Zielgruppe wahrgenommen. Auch das Stereotyp der Angry Black Woman oder der starken Superwoman, die für alle da ist und alles gewuppt kriegt, steht Schwarzen Frauen oft im Weg, wenn es um ihr eigenes Wohlbefinden geht.

Das Wellness-Verständnis in Deutschland ist eurozentrisch geprägt und lässt kaum Raum für andere Perspektiven. Wellness wird in unserer immer schneller werdenden Leistungsgesellschaft als Luxusgut betrachtet, anstatt als essenzieller Baustein im Alltag. Aber welche Bedeutung hat Wellness für Schwarze Frauen, die in dieser mit Welt mit Rassismus- und Sexismuserfahrungen kämpfen und wie steht es um ihre Teilhabe daran? Mittlerweile gibt es Studien, die belegen, welche Auswirkungen Rassismuserfahrungen auf die Psyche haben. Sie machen auch deutlich, wie wichtig die individuelle Gesundheitsförderung für Menschen mit Rassismuserfahrungen ist.

Wellness und Erholung stand Schwarzen Menschen nie zu

Welches Verständnis ergibt sich aber aus dem Wellness-Begriff, wenn er intersektional gedacht wird? Man stößt recht schnell auf den Begriff „Critical Wellness“, den ich zuvor noch nie gehört hatte. Was hinter Critical Wellness genau steckt, erzählt mir Mariela Georg, die in Wiesbaden lebt. Die 33-Jährige ist eine Pionierin auf dem Gebiet. Als Psychologin widmet sich Mariela hauptberuflich der Antidiskriminierungsarbeit. Sie ließ sich zudem zur Mediatorin, Fitness-Trainerin und zum Stress-Coach ausbilden. Critical Wellness definiert sie folgendermaßen: „Critical Wellness ist ein Ansatz, in dem die psychische und physische Gesundheit von Schwarzen Menschen, Indigenen und People of Color mit Berücksichtigung der selbstkritischen und gesellschaftskritischen Reflexion gefördert wird. Damit soll eine gesunde Balance zwischen Self Care und Community Care geschaffen werden.“ Ihr fiel auf, dass es zwar schon viele Antirassismus-Angebote in Form von Büchern oder Workshops gibt, allerdings die Stärkung der inneren Ressourcen von Menschen mit Rassismuserfahrungen oft in den Hintergrund rückt.

Den Critical Wellness-Ansatz dachte sich Mariela selbst aus. Dabei ließ sie sich in den USA inspirieren. Die Initialzündung war ein Wortwitz auf einer Konferenz zum Thema Schule und Rassismus, die sie 2017 besuchte: „Auf der Konferenz wurden Workshop-Ideen für den nächsten Tag vorgeschlagen. Jemand schlug Critical Whiteness vor, doch niemand interessierte sich dafür. Eine Teilnehmerin fragte sogar: Was für ein Quatsch ist denn Critical Whiteness? Nach so einer langen Konferenz brauche ich eher Critical Wellness“, erzählt Mariela. Im ersten Moment war sie empört über diese Aussage, aber die Wortkombination ließ sie nicht mehr los. Mariela wollte etwas Neues für Schwarze Menschen, Indigene und People of Color entstehen lassen. Ihre größte Inspirationsquelle dabei war die Aktivistin und Autorin Bell Hooks. In ihrem Buch „Sisters of the Yam“ schaffte sie eine Vorlage für das Wohlbefinden Schwarzer Frauen und betont, dass die Heilung Schwarzer Frauen Ausdruck einer befreienden politischen Praxis ist. Denn der Blick in die Geschichte zeigt deutlich, dass Wellness und Erholung Schwarzen Menschen nie zustand. Diese Gedanken wollte Mariela mit ihrem ganzheitlichen Ansatz kultivieren und tauschte sich mit unterschiedlichen Frauen darüber aus, auch mit Glenda Obermuller aus Köln. Die 41-Jährige stammt ursprünglich aus Guyana und bezeichnet sich selbst als Schwarze Indigene Frau. Mit 23 kam sie nach Deutschland. Als alleinerziehende Mutter eines Sohnes mit Autismus gründete sie nicht nur den Verein Sonnenblumen Community Development Group e. V. (SCDG) mit, sie studiert nebenbei auch Sonderpädagogik.

In ihrer aktivistischen Arbeit merkte Glenda schnell, dass Wellness eine elementare Rolle in ihrem Leben spielen muss, wenn sie weiterhin ihrer aktivistischen Arbeit nachgehen möchte. „Für mich bedeutet Wellness vor allem, etwas für mich zu tun, das ich mit anderen teilen kann. Ich habe Wellness-Events wie regelmäßige Saunabesuche für Schwarze Frauen organisiert. Wir haben auch miteinander Zitate Schwarzer Frauen gelesen und uns darüber ausgetauscht. Ich habe gemerkt, wie heilsam diese gemeinsamen Erfahrungen sind und wie viel Energie mir das gibt.“ Für Glenda ist die Verknüpfung von Selfcare und Community Care unabdingbar und eine notwendige Symbiose, um auch einen Wertewandel im Wellness-Verständnis voranzutreiben. Weg vom individualistischen Gedanken hin zum Gemeinschaftsgedanken – vielleicht sogar eine Art Dekolonialisierung des Wellness-Begriffs. „Wir brauchen unsere eigenen Räume und müssen den Begriff Wellness auch für uns claimen“, sagt Glenda. Sie möchte mit anderen Frauen eine Immobilie kaufen, um dort Wellness-Retreats für Schwarze Frauen anzubieten.

Aber wie sieht Critical Wellness in der Praxis aus? Mariela gründete 2019 die Empower Mental Schule und bietet Workshops zur Bewältigung von Rassismus- und Sexismuserfahrungen an. Dabei kombiniert sie in ihren Workshops Sporteinheiten mit der bewussten Reflexion der eigenen Glaubenssätze und internalisiertem Rassismus. Sie bestärkt ihre Teilnehmer*innen mit kollektiven Bewältigungsstrategien, Solidarität und Erfahrungsaustausch.

Um mehr über die verschiedenen Auffassungen von Wellness unter Schwarzen Menschen zu erfahren, befragte ich auch Doris, 35 Jahre alt, aus Stuttgart. „Für mich als introvertierter Mensch ist Wellness die Möglichkeit, mich in Ruhe mit meinen Gedanken zu beschäftigen und meine eigenen Bedürfnisse an die erste Stelle stellen zu dürfen“, erzählt mir Doris. Sie hat ghanaische Wurzeln und ist Mutter einer fünfjährigen Tochter – für ihre persönliche Selfcare vergräbt sie sich am liebsten in guten Büchern. Neben ihrem Studium des nachhaltigen Produktmanagements und der Arbeit bei einem Forschungsinstitut bleibt oft nicht viel Zeit für die bewusste Selbstfürsorge. Aber Doris ist überzeugt, dass sie ein Muss ist, um für andere da zu sein und um ihre Tochter aktiv bestärken zu können. Für Doris kann Wellness schon bedeuten, einen Aha-Moment aus der Lektüre zu ziehen oder sich in einem guten Gespräch verstanden zu fühlen. 

Auch die Entscheidung, die Haare bewusst nicht zu glätten, ist Selbstfürsorge 

Gestartet hat alles anders: „Mein Schlüsselmoment in meiner Wellness-Reise war vor elf Jahren, als ich natural wurde und meine Haare das erste Mal offen getragen habe. Ich habe damit die Entscheidung getroffen, mich gegen vermeintliche Schönheitsideale zu richten. Es war einfach ein befreiendes Gefühl und der Moment, der den Stein ins Rollen brachte. Ich habe gemerkt, dass ich für meine Seele eine Selbstwirksamkeit in Gang setzen kann. Ich habe da noch nicht von Wellness gesprochen, aber wenn man zurückblickt, war es genau das.“ Auch für die 23-jährige Soraya war der Schritt, ihre Haare offen zu tragen, eine Schlüsselmoment in ihrem Wohlbefinden. Ein Gefühl, das sie auch mit dem Thema Wellness verknüpft. Neben ihrem Modedesign-Studium in Mannheim widmet sie sich in ihrer Freizeit vor allem dem Aktivismus auf der Straße und im Netz. 

Energie schöpft sie vor allem aus der Community: „Mir tut es super gut, wenn ich was für die Community mache. Wenn ich eine Schwester unterstützen kann und ihre Freude im Gesicht sehe, gibt mir das Energie und fühlt sich für mich wie ein Wellnessmoment an.“ Zudem widmet sie sich genüsslich der eigenen Skincare-Routine oder hört Musik, um sich selbst was Gutes zu tun. Wie gelingt ihr aber die Balance zwischen Self Care und Community Care, die Critical Wellness ausmacht? Soraya, die als Kind schon viel mit ihrem marokkanischen Vater über Rassismus sprach, weiß: „Du kannst für deine Community eher da sein, wenn du dir auch die Zeit für dich selbst nimmst. Das ist mir bewusst und gleichzeitig habe ich gemerkt, dass es mir durch den Aktivismus viel besser geht, da ich Probleme erkenne und benennen kann. Dadurch fühle ich mich auch empowert. Ich setze auch bewusst Grenzen, wenn es mir mal zu viel wird.“ 

Durch die Gespräche mit Mariela, Glenda, Doris und Soraya wurde mir vor allem eins bewusst: Wir müssen aufhören, Wellness nur mit teuren Behandlungen in Verbindung zu bringen. Wellness ist etwas ganz Individuelles. Es ist okay, wenn du nicht um 6:30 Uhr für eine Yoga-Einheit aufstehen, den Grünkohl-Smoothie schlürfen willst oder dich der Gedanke an Meditation eher stresst. Was dir gut tut, ist das Richtige für dich. 

*Dieser Text ist zuerst bei RosaMag erschienen, mit dem die jetzt-Redaktion kooperiert. RosaMag ist das erste Online-Lifestylemagazin für Schwarze Frauen und Freund*innen. Und das ist wichtig, denn: Es gibt drei Magazine über Weihnachtsbäume, zwei über UFOS und ZERO über das Leben, die Gedanken und Perspektiven von Schwarzen Frauen im deutschsprachigen Raum. Bis jetzt. Das afrodeutsche Journalistinnen-Kollektiv informiert, inspiriert und empowert.

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