Muss ich als Schwarze Person politisch sein?

Schwarze Personen sind nicht automatisch Rassismus-Expert*innen – obwohl viele Weiße das denken.
Von Ciani-Sophia Hoeder, RosaMag
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Dass Schwarze Menschen gegen Rassismus demonstrieren, bedeutet nicht, dass sie Weiße ständig und immer über das Thema aufklären müssen.

Foto: AFP

Schwarz zu sein, macht dich nicht zur Rassismus-Expertin. Wir Schwarzen Menschen wissen das. Unser Umfeld leider nicht. Nicht immer zumindest. „Was hältst du von kultureller Aneignung? Hast du das Video der rassistischen Polizeikontrolle schon gesehen? Das ist doch politisch nicht korrekt, oder?“ All diesen und vielen weiteren Fragen müssen Schwarze Menschen tagtäglich Rede und Antwort stehen. Ob sie das wollen oder nicht.

„Ich habe es satt, Aktivistin zu sein, nur weil ich fett und Schwarz bin. Ich will Aktivistin sein, weil ich intelligent bin, weil mir politische Themen wichtig sind, weil meine Musik gut ist, weil ich  die Welt  verändern will“, erklärte die Sängerin Lizzo in ihrem Talkshow-Auftritt bei David Letterman – und die 28-jährige Menna hat das total gefühlt. „Warum haben wir diesen Druck, uns ständig politisch zu äußern?“, fragt sie. Die Berufssängerin wurde – vor allem in diesem Black-Lives-Matter-Sommer – immer wieder darum gebeten, ihre Gedanken zu teilen. Auch dann, wenn ihr gar nicht danach war. „Ich saß mit ein paar Freund*innen am Rhein. Eine Bekannte schaute vorbei. Wir begrüßten uns, redeten, entspannten – und aus dem Nichts erklärte sie, dass sie gerade das Buch von Alice Hasters lese und einige Fragen an mich hätte. Es war so zusammenhanglos und passte gerade gar nicht in die Stimmung. Ich hatte einfach keine Lust darüber zu sprechen. Das sagte ich ihr.“

Schwarze Menschen sind ein Kollektiv – in guten wie in schlechten Zeiten

Diese Situation kennen wir alle. Schwarze Menschen werden nicht als Individuum gesehen, sondern als Repräsentant*innen aller Schwarzen Menschen – zu allen Situationen, Themen, Herausforderungen müssen sie Stellung beziehen, eine Verlautbarung deklarieren und ein Machtwort sprechen, das dann für alle allgemeingültig ist. Easy. Auch unter den RosaMag-Leser*innen haben wir nachgefragt, ob sie das Gefühl haben, eine politische Meinung – aufgrund ihrer Hautfarbe – haben zu müssen und wir erhielten mehr als 50 Antworten. Fast täglich werden viele dazu gedrängt, Stellung zu beziehen und einen Kampf auszufechten, in dem sie nicht direkt, aber systematisch, involviert sind. „Manchmal braucht mein Gehirn eine Pause von der Auseinandersetzung mit Rassismus. Ich brauche ab und zu The Good Life. Wir verdienen es, mal leicht zu leben“, sagt Menna.

Viele Schwarze Menschen haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie keine Lust auf ein Gespräch über Rassismus haben 

Die 23-jährige Lethicia aus Saarbrücken ist anderer Meinung: „Stell dir vor, ein 23-jähriger Schwarzer Mann fährt nachts durch die Straßen irgendwo in den USA. Wenn er von Polizisten angehalten wird, ist es denen egal, ob er eine politische Haltung hat. Er wird trotzdem ein Problem bekommen. Deshalb ist es wichtig, dafür zu kämpfen, dass beispielsweise Polizeigewalt thematisiert und bekämpft wird. Wir müssen uns dafür einsetzen, damit zukünftige Generationen vor diesen Konflikten nicht mehr stehen müssen.“ Lethicia ist überzeugt: Keine Haltung ist auch eine Haltung. Denn das ist doch genau das, was wir von weißen Menschen einfordern: Sei nicht nicht rassistisch, sei antirassitisch. Stets und ständig, nicht nur dann, wenn es dir gerade passt.

„Ich hatte mich echt schlecht gefühlt, als ich meiner weißen Bekannten gegenüber so reagiert habe, als sie mit mir über Alice Hasters Buch sprechen wollte“, erklärt Menna und erzählt: „Ich freue mich, wenn sich weiße Menschen mit rassistischen Themen auseinandersetzen, aber ich möchte mich nicht reindrängen lassen, wenn ich keine Lust habe, mich politisch zu äußern.“ Dieses schlechte Gewissen und das Bedürfnis, die anderen bloß nicht zu verprellen, ist eine Erinnerung daran, dass wir, als Schwarze Personen, eine große Verantwortung tragen. Die Last des Kollektivs. Menna fürchtet, ihre weiße Bekannte, die sich endlich diesem Thema „Rassismus“ öffnet, zu verprellen – so, dass sie keine Verbündete wird, sondern denkt: ,,Wow, da macht man mal was für Schwarze Menschen und dann reagieren sie gleich so ablehnend.“ 

Rassismus lässt uns keine Zeit zum Durchatmen, doch Ruhe ist auch eine Rebellion

Lethicia dagegen ist es wichtig, dass wir eine Haltung haben müssen, egal, wo wir uns als Schwarze Person befinden. Leider funktioniert das nicht in die andere Richtung. Es wäre schön, wenn eine Schwarze Person einfach auf irgendeine weiße Person zugehen könnte und fragen: „Wow, Horst Seehofer. Der ist schon heftig. Ist das so euer Ding, unter Weißen?“ Es würde niemand auf die Idee kommen, alle Weißen dafür verantwortlich zu machen, dass Innenminister Seehofer sich gegen eine Studie zu rassistischen Tendenzen innerhalb der Polizei sträubt. Schwarze sollen sich ständig zu etwas äußern, was eine Schwarze Person getan oder gesagt ist oder was ihr passiert ist. Rassismus ist, dass Schwarze Menschen gemeinsam in einen Topf geworfen werden. Genau das erleben viele andere BiPoCs auch. Das jüngste Beispiel ist das Attentat in Wien. Die muslimische Community war wieder dem Terrornarrativ ausgesetzt und wurde gezwungen, sich von dem Täter zu distanzieren. Wir haben keinen Raum für Ruhe. Rassismus lässt uns keine Zeit zum Durchatmen. Wir werden von der Gesellschaft immer wieder hineingedrängt. Die Augen zu verschließen, lässt dieses Problem nicht verpuffen. „Das ist unser Kampf. Keiner wird sich für uns erheben. Es liegt in unserer Verantwortung, uns für die Belange von Schwarzen Menschen einzusetzen“, davon ist Lethicia felsenfest überzeugt.

Es ist eigentlich perfide: Da haben weiße Menschen Rassismus erfunden, Schwarze Menschen müssen es ausbaden und weiße Menschen aufklären ,,Also, wie wär's, wenn wir diese Aufgabe nicht mehr übernehmen? So nach dem Motto: ,Pff! Dann nicht!’“ Lethicia schüttelt den Kopf: ,,Wir müssen es machen. Sonst macht das keiner.“ Doch um es in den Worten der US-amerikanischen Dichterin und Aktivistin Audre Lorde zu sagen: ,,Caring for myself is not self-indulgence, it is self-preservation, and that is an act of political warfare.“ Rast ist eine Form der Rebellion.

Menna betont: ,,Wir müssen uns das Recht herausnehmen, uns selbst zu schützen.“ Und auch Lethicia sagt: ,,Es gab eine Zeit, in der ich mich jeden Tag mit Rassismus auseinandergesetzt habe. Ich habe dann ziemlich schnell gemerkt, dass das zu viel wurde.“ Der Vorteil eines Kollektivs ist, dass du nicht alleine bist. Es ist essentiell, als Schwarze Person eine politische Haltung zu haben. Einfach, weil wir aufgrund der gesellschaftlichen Strukturen am Ende sowieso zu einer gedrängt werden. Also, sei lieber vorbereitet, Sis. Doch es ist und bleibt dein Recht, Grenzen zu setzen. Und zum Beispiel, so wie Menna ,zu sagen: „Hey, finde ich super, dass du dich dafür interessierst, aber das ist nicht der richtige Ort oder Moment um darüber zu sprechen.“ Menna sieht die Lösung im Kollektiv, denn es gibt schließlich auch Menschen, die Expert*innen sein wollen und für Aufklärung bezahlt werden:: „Ich bin keine Rassismus-Expertin. Deshalb kann ich auf Expert*innen verweisen, deren Beruf es ist, über Rassismus aufzuklären. Sie haben bestimmt auch Mechanismen für sich entwickelt, um mit diesen Themen – auch psyschich – umzugehen.“ Du bist nicht alleine in diesem Leben, das stets und ständig ein Politikum ist. Nutze es.

*Dieser Text ist zuerst bei RosaMag erschienen, mit dem die jetzt-Redaktion kooperiert. RosaMag ist das erste Online-Lifestylemagazin für Schwarze Frauen und Freund*innen. Und das ist wichtig, denn: Es gibt drei Magazine über Weihnachtsbäume, zwei über UFOS und ZERO über das Leben, die Gedanken und Perspektiven von Schwarzen Frauen im deutschsprachigen Raum. Bis jetzt. Das afrodeutsche Journalistinnen-Kollektiv informiert, inspiriert und empowert.

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