„Cybermobbing ist endlos!“

Instagram will mit einem neuen Tool Cybermobbing bekämpfen. Aber löst das die wahren Probleme?
Interview von Tami Holderried

Illustration: Federico Delfrati

Mobbing online, auf Social Media, betrifft vor allem junge Menschen. Laut Studien des Bündnisses gegen Cybermobbing waren mindestens 13 Prozent aller Schülerinnen und Schüler in Deutschland und mehr als neun Prozent aller über 18-Jährigen schon mal von Cybermobbing betroffen. Instagram hat reagiert und im vergangenen Herbst neue Tools vorgestellt, die helfen sollen, Cybermobbing auf der Plattform zu bekämpfen.

Catarina Katzer ist Sozialpsychologin und leitet das Institut für Cyberpsychologie & Medienethik, Köln. Sie beschäftigt sich mit dem Einfluss des Internets auf unser Denken und Fühlen und gilt als eine der führenden Expertinnen im Bereich Cyber-Kriminologie. Wir haben mit ihr über Mobbing auf Social Media, die neuen Tools von Instagram und neue Ideen im Kampf gegen Cybermobbing gesprochen.

jetzt: Frau Katzer, was sind die Unterschiede zwischen Cybermobbing und Mobbing im „echten“ Leben?

Catarina Katzer: Traditionell bedeutet Mobbing: gezieltes psychisches, aber auch physisches Fertigmachen. Das können Beleidigungen oder physische Gewalt sein, oft wird aber auch Druck ausgeübt oder Gewalt angedroht. Das verlagert sich jetzt ins Netz. Und dort gibt es noch viel mehr Möglichkeiten. Man kann gemeine Dinge über Whatsapp schreiben, auf Facebook falsche Profile anlegen, peinliche Fotos auf Instagram posten und, und, und. Das Problem im Netz ist: Das ist alles extrem öffentlich! Hunderttausende Menschen können das mitbekommen, früher waren es immerhin nur ein paar.

Was bedeutet das für die Opfer von Cybermobbing?

Mobbing im traditionellen Sinn hat immer ein Ende gefunden — Cybermobbing ist endlos. Die Opfer können auch nach Jahren wieder retraumatisiert werden, zum Beispiel weil irgendwas wieder im Netz auftaucht. Egal, wo man ist: Das, was andere mit mir machen, verfolgt mich. Als Opfer ist man quasi rund um die Uhr betroffen.

Catarina Katzer ist Sozialpsychologin und leitet das Institut für Cyberpsychologie & Medienethik, Köln.

Foto: privat

Instagram hat im Herbst neue Tools gegen Cybermobbing vorgestellt. Die Plattform will jetzt mithilfe von künstlicher Intelligenz Wörter schneller erkennen und löschen und Beiträge schneller sperren. Was halten Sie davon?

Algorithmen, und das ist es ja, was Instagram mit künstlicher Intelligenz meint, halte ich im Kampf gegen Cybermobbing für sehr wichtig. Wir müssen Mobbing filtern und möglichst früh erkennen. Das ist nur mit Algorithmen zu schaffen, weil es einfach zu viele Inhalte sind, als dass Menschen jeden Kommentar und jede Bildunterschrift lesen könnten. Die Algorithmen treffen also eine Vorentscheidung und dann schaut sich ein Mensch nochmal genauer an, was da los ist.

Das reicht aber nicht. Wir müssen Täter davor bewahren, Täter zu werden. Deshalb brauchen wir einen Mechanismus, der die Täter im Moment der Veröffentlichung darauf aufmerksam macht, was sie da tun. Dazu müsste der Algorithmus also schon greifen, bevor etwas gepostet wird. Damit könnte man den Tätern sozusagen virtuell den Spiegel vorhalten.

Und wie kann man den Opfern helfen?

Ihnen muss schneller und direkter Hilfe angeboten werden. Zum Beispiel mit einem einheitlichen SOS-Button auf allen sozialen Netzwerken. Damit könnte man gemeine Beiträge direkt und unkompliziert melden.

Außerdem würde dadurch gesellschaftliche Öffentlichkeit geschaffen werden, sodass alle Nutzer sehen: Das Thema ist wichtig.

Warum gibt es sowas noch nicht?

Der Opferschutz im Netz ist bislang vergleichsweise gering. Da gibt es keine Lobby und nur wenige Hilfsangebote. Auf Freiwilligkeit der Netzwerke zu setzen, hat bislang wenig Erfolg gebracht. Wir brauchen also politischen Druck und entsprechende Regeln. Denn die Plattformen müssten diese Hilfeleistungen auch finanzieren. Sie betreiben schließlich das Geschäft und stehen in der Verantwortung, ihre Nutzer zu schützen.

Was ist das Problem speziell auf Instagram?

Die Menschen haben schon immer versucht, sich darzustellen, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Aber die Technologie heute gibt uns neue Möglichkeiten sehr schnell und unkompliziert eine immense Öffentlichkeit zu erschaffen. Und man gewöhnt sich daran, sein eigenes Selbstwertgefühl über Likes zu definieren.

Das weitreichende Publikum auf Instagram kann aber auch dazu genutzt werden, ein Image zu zerstören. Wie funktioniert Mobbing online?

Das kann ganz viele verschiedene Formen annehmen. Meist fängt es mit Beleidigungen über Chats oder andere Plattformen an. Die Opfer werden psychisch fertig gemacht, bekommen Nachrichten wie „Geh doch sterben!“.

Oft werden gefälschte Fotos des Opfers gepostet oder sehr private, vielleicht peinliche Situationen mithilfe von Fotos öffentlich gemacht. Fotos, die vielleicht nur für eine bestimmte Person gedacht waren, werden dann plötzlich an alle verschickt. Oder die Profile der Opfer werden gehackt und gefälscht.

Und dann gibt es häufig sogenannte Hass-Gruppen, zum Beispiel auf Whatsapp, die nur dazu gedacht sind, andere fertig zu machen. Die Opfer werden nicht eingeladen, aber wissen meistens, dass es diese Gruppen gibt. Oder sie werden irgendwann doch hinzugefügt und müssen dann mitlesen, wie über sie gehetzt wird.

„Die Trennung von Handlung und physischem Körper verändert die Wahrnehmung des Opfers“

Wer sind die Opfer?

Cybermobbing betrifft hauptsächlich Jugendliche und junge Erwachsene. Frauen und Mädchen sind häufiger die Opfer als Männer und Jungs. Jungs werden eher in die homosexuelle Ecke gestellt, Mädchen als Schlampen und Bitch bezeichnet. Cybermobbing findet meist in Lebensphasen statt, in denen Veränderungen passieren. Zum Beispiel in der Pubertät, oder zu Beginn des Studiums. Oder auch, wenn jemand einen neuen Job oder eine Ausbildung beginnt. Laut einer Studie werden 14 bis 20 Prozent aller Studenten Opfer von Cybermobbing. Mittlerweile gibt es Cybermobbing aber sogar schon im Grundschulalter, Täter und Opfer werden immer jünger.

Warum kommt Cybermobbing so häufig vor?

Die Trennung von Handlung und physischem Körper verändert die Wahrnehmung des Opfers – eine Distanz entsteht. Man sieht ja die Person nicht direkt leiden. Dadurch wird die Empathie geringer, die Hemmschwelle sinkt. Außerdem wird die soziale Identität, in der ich mich normalerweise befinde, online viel schneller ausgeblendet. Ich kann also im echten Leben ein höflicher, zurückhaltender Typ sein und online eine ganz andere Persönlichkeit zeigen. Deshalb muss man versuchen, diese Distanz zwischen Handlung und dem Täter selbst aufzuheben.

Was kann ich denn tun, wenn ich Opfer von Mobbing auf Social Media werde?

Zuerst mal den eigenen Namen googeln und nachschauen: Was für Fotos gibt es von mir, woher kommen die? Das sollte man überprüfen. Wenn ich dann merke, dass da was falsch läuft, muss ich das sofort den entsprechenden Plattformen melden. Und, ganz wichtig: Alles dokumentieren, aufschreiben und Screenshots machen. Ich rate immer dazu, sich Ansprechpartner zu suchen, zum Beispiel Eltern, Vertrauenslehrer oder Freunde. Wenn das keine Option ist, sollte man trotzdem versuchen, das Problem irgendwo loszuwerden. Dafür gibt es auch Hilfstelefonnummern oder Plattformen, die man anrufen oder anschreiben kann.

Und wie kann ich helfen, wenn ich merke, dass jemand anderes Opfer wird?

Unbedingt die Leute direkt ansprechen: „Hier wird was veröffentlicht, ist das von dir?“ Das Wichtigste für Opfer von Cybermobbing ist das Gefühl, nicht alleine zu sein. Dafür reicht es schon, wenn man sagt: „Ich bin für dich da!“

Das klingt, als wäre Mobbing auf Social Media ein großes Problem für Jugendliche und junge Menschen. Was macht das mit einer Generation, die damit aufwächst?

Die permanente Möglichkeit, Opfer zu werden, hängt wie ein Damokles-Schwert über den Jugendlichen. Das Gefühl von „Wenn ich mich unkontrolliert verhalte, könnte das irgendwo auftauchen, andere könnten das online gegen mich verwenden“, das ist immer da. Eine permanente Angst davor, dass ein einziger Fehler auf ewig im Netz zu finden sein kann

Andererseits leben die meisten heute ein extrem öffentliches Leben. Jeder ist online, zeigt sein Leben online. Das klingt wie ein Widerspruch.

Paradox ist das schon. Wir brauchen heute die Online-Öffentlichkeit, um überhaupt eine Person sein zu können. Gleichzeitig leben wir mit der Gefahr, dass die Dinge die öffentlich sind, uns zerstören könnten.

Hilfe für Betroffene gibt es zum Beispiel auf folgenden Websites: www.buendnis-gegen-cybermobbing.de, www.juuuport.de, www.save-me-online.de

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