Wie Schwangere während Corona im Netz Hilfe finden

Online-Sprechstunden, Facebookgruppen, Instagram-Tagebücher unterstützen unsichere schwangere Frauen in diesen Zeiten.
Von Maike Frye

Foto: davidpereiras / photocase.de; Bearbeitung: jetzt

Die Schwangerschaft soll man genießen, denn sie ist eine magische Zeit der Veränderung, heißt es. Doch für viele werdende Mütter ist die Situation aktuell besonders schwierig: Wie sollen sie ihre Schwangerschaft genießen, wenn sie Angst haben müssen, sich und ihr Kind mit dem Coronavirus zu infizieren? Wann wird es gesicherte Informationen darüber geben, ob und wie sich die Krankheit auf Neugeborene auswirkt? Und wird ihre Partner*in zur Geburt noch mit in den Kreißsaal dürfen?

In immer mehr Foren im Netz stellen Schwangere aktuell genau diese Fragen. Die Unsicherheit ist groß. Zwar soll sich das Virus laut Informationen des Robert-Koch-Instituts nicht auf ungeborene Kinder übertragen, doch da die Situation neu ist und es somit wenig Informationen über Auswirkungen auf Schwangere gibt, ist die Verunsicherung groß. Eine dieser verunsicherten Frauen ist Pola Westphal, 37, Arzthelferin aus Hamburg, die in der 31. Woche mit ihrem dritten Kind schwanger ist. „Auch, wenn ich schon zwei Geburten erlebt habe, macht mich die aktuelle Situation nervös. Ich plane eine Hausgeburt, doch was, wenn eine unserer Hebammen erkrankt? Dann müssen plötzlich alle in Quarantäne und wir stehen allein da.“ Hausgeburten werden wegen der fehlenden Betreuung durch Mediziner*innen von vielen Gynäkolog*innen kritisch gesehen. 2017 wurden schätzungsweise 1,28 Prozent aller Kinder nicht im Krankenhaus geboren. 

Pola würde zwar auch ins Krankenhaus fahren, doch wie sich die Situation in den Kreißsälen bis zu ihrem Termin verändern wird, kann niemand genau sagen. Erst vor kurzem war sie  wegen vorzeitiger Wehen in der Klinik. „Das Personal war unterbesetzt, die Stimmung gereizt ­– und man hat mich auch prompt mal vergessen.“

„Es soll eine Plattform sein, wo wir uns alle austauschen und gegenseitig unterstützen können. Denn auch ich bin nicht allwissend“, sagt Pola

Pola, 37, ist derzeit schwanger mit ihrem dritten Kind.

Foto: Pola Westphal

Viele Frauen teilen die Sorgen von Pola – und haben dabei weitaus weniger Erfahrung. Besonders für Erstgebärende ist die Situation extrem belastend. Ihnen wollte die bald Dreifach-Mama helfen und gründete deshalb anlässlich des Coronavirus die Facebook-Gruppe „Deine sichere Geburt“. Bereits nach dem ersten Tag hatte diese rund 40 Mitglieder ­– Tendenz steigend. Dort postet Pola nun aktuelle Informationen des Robert-Koch-Instituts und der Krankenhäuser. „Es soll eine Plattform sein, wo wir uns alle austauschen und gegenseitig unterstützen können. Denn auch ich bin nicht allwissend. Von den Hebammen, die mittlerweile auch in der Gruppe sind, können wir alle noch etwas lernen.“

Die Geburt von Polas Kind rückt von Tag zu Tag näher. Wie viele Frauen hat sie Angst, die Geburt ohne ihren Partner durchstehen zu müssen. „Er hat mich bei den letzten Geburten enorm entlastet.“ Ihre zweite Geburt sei ebenfalls eine Hausgeburt gewesen, dort kam das Kind letztlich so schnell, dass die Hebamme nur noch die letzten Minuten der Entbindung begleiten konnte. „Ich weiß, es klingt verrückt, aber im allergrößten Notfall würde ich mein Kind aufgrund der aktuellen Lage auch ohne Hebamme zu Hause bekommen und den Rettungsdienst rufen“, sagt Pola.

Um den vielen Fragen der Schwangeren gerecht zu werden, bieten zwei Hebammen neuerdings ein Online-Coaching an

Die Hebammen Julia, 42, und Jasmin, 26, beraten derzeit primär über Video.

Foto: Magic9Months

Wie wichtig eine professionelle Beratung zurzeit ist, um den Frauen die Ängste zu nehmen, merken auch die Hebammen Julia Brömsen, 42, und Jasmin Czech, 26, aus Göttingen. Auf ihrer Instagram-Seite „magic9months“ informieren sie schon länger rund ums Thema Schwangerschaft und Geburt. Die Corona-Krise bedeutet für sie eine massive Umstellung ihrer Arbeit. „Wir machen vieles nur noch über Videoanrufe. Nur wenn es zum Beispiel darum geht, das Gewicht des Kindes zu überprüfen, dann fahren wir noch raus. Mit dabei sind jetzt aber immer ein Mundschutz und Handschuhe und wir halten natürlich Abstand von den Frauen.“

Um den vielen Fragen der Schwangeren gerecht zu werden, bieten die beiden neuerdings ein Online-Coaching über die App Zoom an. Dort kann man mit mehreren Leuten ein Video-Meeting abhalten. Das Ganze läuft ab wie ein regulärer Geburtsvorbereitungskurs, nur eben ohne praktische Übungen. Themen sind beispielsweise Schwangerschaft, Geburt, Wehen, Unterstützung durch den Partner sowie Wochenbett, Stillen und Informationen rund ums Kind. „Wir wollen den Frauen die Angst nehmen, denn Stress kann man zur Geburt nicht brauchen“, sagt Julia am Telefon. Das Angebot der Hebammen kommt sehr gut an. Zwanzig Teilnehmerinnen umfasst der erste Kurs, ein weiterer ist aufgrund der großen Nachfrage bereits in Planung. „Viele Geburtsvorbereitungskurse werden zurzeit wegen des Virus abgesagt. Online-Coachings sind eine neue Möglichkeit, den Schwangeren trotzdem zu helfen.“

Kostenlos ist der Kurs jedoch nicht: „Wir finden es nicht professionell, solche Kurse kostenlos anzubieten. Wir erbringen hier schließlich auch eine professionelle Leistung. Würden wir das Ganze kostenlos machen, würden wir vielen Kolleginnen die Arbeit wegnehmen. Das war eh schon eine unserer Sorgen, als wir das Online-Angebot entwickelt haben. Letztlich haben wir uns aber dafür entschieden, die Kurse anzubieten, da viele Frauen diese Hilfe aktuell dringend brauchen.“

Wie erklärt man einer Zweijährigen, dass sie ihre Mama nur noch durch die geöffnete Tür sehen, aber nicht zu ihr gehen darf?

Martina, 30, hat ihre Erfahrungen unter Corona-Verdacht auf Instagram verarbeitet.

Foto: Martina Krebs

Aber was tun, wenn man nun wirklich Kontakt mit einer mit Covid-19 infizierten Person hatte? Mit solch einer Situation sah sich auch Martina Krebs, 30, konfrontiert. Die Beamtin im öffentlichen Dienst erwartet derzeit ihr zweites Kind und hatte in einem Meeting Kontakt mit einer positiv auf Corona getesteten Person. Für sie bedeutete dies zwei Wochen Quarantäne zu Hause – und das in einer 90 Quadratmeter-Wohnung mit ihrem Mann und ihrer zweijährigen Tochter Lotti. Nach dem ersten Schock machten sie und ihr Mann einen Plan für die Quarantäne. „Wir haben dann die Wohnung aufgeteilt: Ich bekam das Wohnzimmer, Lottis Spielsachen wurden in den Rest der Wohnung geräumt.“ Doch wie erklärt man einer Zweijährigen, dass sie ihre Mama nur noch durch die geöffnete Tür sehen, aber nicht zu ihr gehen darf?

„Der Vorteil war, dass die Kleine es eh gewöhnt war, tagsüber mit dem Papa alleine zu sein. Wir haben ihr dann gesagt, dass die Mama ein bisschen krank ist. Um die beiden nicht anzustecken, müssten wir daher erstmal Abstand halten. Lotti hat es akzeptiert, auch wenn man in ihrem Alter sicherlich nicht von Verstehen sprechen kann“, so Martina. Für alle Seiten sei es eine Umstellung gewesen. Ihr Mann kümmerte sich in dieser Zeit komplett um Kind und Haushalt. Martina vermisste ihre Tochter schrecklich und teilte ihre Gedanken und Erfahrungen auf ihrem Instagram-Kanal „lotti.bloggt“. Dort beantwortete sie auch die Fragen schwangerer Frauen und bekam wiederum viel positiven Zuspruch und ermutigende Worte von diesen. Nach drei Tagen, in denen sie ihre Familie nur durch die geöffnete Tür sehen konnte, kam der erlösende Anruf ihres Chefs: „Ich saß wohl viel zu weit weg von der infizierten Person, sodass die Quarantäne aufgelöst werden konnte. Da bin ich gleich ins Zimmer meiner Tochter gelaufen, habe sie auf den Arm genommen und erstmal ganz fest gedrückt.“ Über ihren Alltag als Schwangere in Corona-Zeiten berichtet sie jedoch weiterhin und macht so anderen Mut. „Ich beantworte nach wie vor so gut es geht alle Fragen und möchte den Schwangeren einfach zeigen: Ihr seid nicht alleine mit euren Sorgen. Wir schaffen das zusammen!“

Informationen für Schwangere, die sich wegen des Coronavirus sorgen, gibt es unter anderem bei den Frauenärzten im Netz, herausgegeben vom Berufsverband der Frauenärzte. Diese beziehen sich wiederum auf Informationen des Bundesgesundheitsministeriums bzw. des Robert-Koch-Instituts.

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