„Ich war die Außerirdische auf dem Schulhof“

Laura war 17, als sie schwanger wurde. Ernst genommen wurde sie als Teenie-Mutter nicht.
Protokoll von Maike Frye

Illustration: Julia Schubert

Vater + Mutter = Kind – das war einmal. Heute ist die Frage nach der Familienplanung hochpolitisch. Will man überhaupt welche? Was bedeutet das für die Beziehung? Und wenn man sich dafür entscheidet – geht das dann so einfach? In dieser Kolumne erzählen Menschen von ihrer Entscheidung für und gegen Kinder. 

Laura* (35) war 17 als sie ungeplant schwanger wurde – als einzige Schülerin in einer oberbayerischen Kleinstadt. Wirklich ernst genommen gefühlt hat sie sich als Teenie-Mutter nie.

Ich war erst 17 und ging zur Schule, als sich meinen Leben schlagartig änderte. Dass ich schwanger wurde, war natürlich nicht geplant und zunächst ein großer Schock, sowohl für mich, den Kindsvater, als auch für unsere Familien. Ich hatte zunächst gedacht, mich bei meiner Mutter mit einem Magen-Darm-Infekt angesteckt zu haben, doch als meine Übelkeit nicht aufhörte, habe ich mir einige Schwangerschaftstests aus der Drogerie besorgt. Alle waren positiv. Meine Mutter ist daraufhin mit mir zur Frauenärztin gefahren, wo dann auch offiziell festgestellt wurde, dass ich schwanger bin. Auf dem Ultraschallbild konnte man zu dem Zeitpunkt bereits ein etwa gummibärchengroßes Menschlein erkennen und da war für mich klar: Es gibt nur eine Option. Ich bekomme dieses Kind.

Meine Mutter wollte eh jung Oma werden

Nachdem ich diese Entscheidung getroffen hatte, musste ich es natürlich einigen Leuten erzählen. Meine Eltern haben relativ positiv reagiert, meine Mutter wollte eh jung Oma werden und mein Vater hat nur einen flapsigen Spruch gebracht. Dieses Gespräch war dennoch bereits unangenehm für mich. Schlimmer war es dann noch als ich meinen Schulleiter informiert habe. In diesem 40-Sekunden-Gespräch habe ich ihm mitgeteilt, dass ich schwanger bin und das Kind auch bekommen werde. Er war wohl etwas überfordert und hat dazu quasi nur „Okay, verstanden.“ gesagt. Später waren der Kindsvater und ich noch beim Oberstufenleiter, der uns Unterstützung zugesichert hat. Das war eine große Erleichterung.

Vor den Sommerferien habe ich es dann meiner Klasse gesagt. Damals war ich in der elften Klasse. Das Ganze war echt seltsam. Allerdings haben die Leute positiv reagiert, sie haben sogar geklatscht. Nach den Ferien bin ich dann zunächst weiter ganz normal zur Schule gegangen und dabei mit jeder Woche runder geworden. Zu der Zeit hatte ich das Gefühl, dass ich ein bisschen wie eine Außerirdische auf dem Schulhof war. Mit Hilfe von Büchern habe ich mich damals bereits auf alles vorbereitet, was möglicherweise kommen würde. Mich haben Themen wie Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Stillen beschäftigt. Dadurch habe ich quasi in einer Art Parallelwelt gelebt, schließlich sah die Lebenswelt meiner Mitschüler ganz anders aus.

Plötzlich war ich nicht mehr nur Teenie, sondern auch Mutter

Trotz der Schwangerschaft habe ich versucht, alles so gut wie möglich zu meistern. Meine Fahrprüfung habe ich im siebten Monat gemacht und bestanden. Der Fahrprüfer meinte dabei nur: „Müssen wir jetzt immer um das Krankenhaus herumfahren?“

Als die Geburt immer näher rückte, habe ich mich letztendlich für eine sehr sympathische Hebamme entschieden, die allerdings nur Hausgeburten durchführte. Da ich mein Kind aber eh nicht im Krankenhaus bekommen wollte, habe ich relativ schnell entschieden, dass ich meine Tochter zuhause bekommen werde. Das war eine der wenigen Entscheidungen, die ich ganz alleine getroffen und auch durchgezogen habe. In den Weihnachtsferien der zwölften Klasse kam dann meine kleine Tochter zur Welt.

Ich musste später immer lachen, wenn sie erzählt hat, dass sie bei „Oma auf dem Dachboden“ geboren wurde – dort hatte ich mein Zimmer. Und damit begann die wirklich turbulente Zeit. Ich musste meinen Alltag ganz neu ordnen. Plötzlich war ich nicht mehr nur Teenie, sondern auch selber Mutter. Ich hatte Verantwortung für ein anderes Leben. Dennoch wollte ich auch meine Ziele verfolgen. Ein schwieriger Spagat. Zum einen hatte sich mein Körper durch die Schwangerschaft angefühlt, als wäre er durch die Waschmaschine gedreht worden, dazu kam das Hormonchaos und der Schulalltag, der immer weniger zum Alltag wurde. Während ich in der Schule saß, habe ich mich schlecht gefühlt, dass ich nicht bei meiner Tochter war. Sie war in der Zeit bei ihren Großeltern. In den Pausen bin ich jedes Mal nach Hause gefahren und habe Milch für die Kleine abgepumpt. Das war jedoch auf Dauer alles so stressig, dass ich das Stillen nach ein paar Monaten aufgegeben habe.

Ich musste oft an die „Gilmore Girls“ denken

Als Teenie-Mutter hatte ich es nicht leicht, von der Gesellschaft ernst genommen zu werden. Bei mir hat nie wirklich diese Abnabelung von meinen Eltern stattgefunden, während andere hinaus in die Welt gezogen sind. Selbst als mein damaliger Freund und ich nach München zum Studieren gezogen sind, war der Kontakt zu unseren Eltern sehr eng. Wir waren nie wie eine normale Familie, das habe ich auch im Umgang mit den anderen Müttern und Väter aus dem Kindergarten meiner Tochter gemerkt. Dort gehörte ich nie so ganz dazu. Viele waren wohl skeptisch, ob ich das in meinem jungen Alter alles so schaffe. Und auch den Kindergartenkindern ist das wohl aufgefallen.

Eines Tages, als ich meine Tochter dort abgeholt habe, meinte sie zu mir: „Mama, die anderen Kinder haben gesagt, du bist jugendlich.“ Dabei war ich da schon Anfang 20. Später hat sie gesagt, dass ich cooler wäre als andere Mütter. Wir stehen uns auch heute sehr nahe, sie hat nie etwas Negatives darüber gesagt, dass ich sie so früh bekommen habe. Als ich noch etwas jünger war und sie schon in der Pubertät sind wir auch schon mal für Schwestern gehalten worden. Manchmal musste ich dabei an die „Gilmore Girls“ denken.

In unserer bayerischen Kleinstadt wurde ich jedoch stets kritisch beäugt. Es wurde auch angezweifelt, ob das wirklich meine Tochter wäre. Zudem wurde einfach sehr viel getratscht, die Leute haben mich auf der Straße angesprochen und mir erzählt, dass sie von mir gehört haben. Ich kannte diese Menschen aber wiederum nicht, ich hatte sie nie gesehen. In einer Großstadt hätte meine Schwangerschaft niemanden interessiert, doch dort war das natürlich ordentlich Stoff für Gossip.

Ich war so unsicher, dass ich zur Helikopter-Mutter wurde

Nach acht Jahren haben der Kindsvater und ich uns getrennt. Somit war ich plötzlich nicht nur eine junge Mutter, sondern auch noch alleinerziehend. Das war natürlich nicht immer leicht, auch wenn ich von Seiten meiner Familie Unterstützung hatte. Dennoch habe ich das Gefühl, durch das Kinderkriegen einen Teil meiner Jugend verpasst zu haben. Der Aufgabe als Mutter habe ich mich mit Haut und Haar gestellt. Aufgrund meines Alters war ich sehr unsicher und wollte alles immer super perfekt machen, um zu beweisen, dass ich das kann. Scherzhaft sagt meine Tochter heute deshalb manchmal, dass ich eine Helikopter-Mutter bin. Es gibt noch einiges, was auf meiner Wunschliste steht, was ich noch nachholen möchte. Dazu zählen beispielsweise eine längere Reise und ein Festivalbesuch. Aber alles zu seiner Zeit. Meine Tochter wird bald 17 und braucht mich nach wie vor. Sie ist damit bald so alt wie ich war als ich mit ihr schwanger wurde. Das ist schon verrückt. Sie ist nun schon die meiste Zeit meines Lebens bei mir. Ich kann mich eigentlich gar nicht mehr daran erinnern, wie es war, bevor sie kam.

 

Wenn meine Tochter schwanger wäre, würde ich einen Schreikrampf bekommen

Wenn sie mir allerdings in einem Jahr gestehen würde, dass sie schwanger ist, dann würde ich einen Schreikrampf bekommen. Natürlich würde ich sie auch unterstützen, aber mit 36 möchte ich nun doch wirklich noch nicht Oma werden! Ich selbst habe keine weiteren Kinder mehr bekommen, auch wenn das lange Jahre ein Wunsch von mir war. Mittlerweile bin ich aber verheiratet, doch das ist eine andere Geschichte.

Rückblickend kann ich nun sagen, dass ich es nicht bereue, meine Tochter bekommen zu haben. Mir tat es nur manchmal leid, wenn ich den Eindruck hatte, ihr nicht so viel bieten zu können wie andere Eltern, die vielleicht zum Zeitpunkt der Geburt ein geordnetes Leben führten und selbst schon einiges erlebt hatten, von dem sie ihren Kindern berichten konnten. Bei uns war es eher so, dass meine Tochter meine und ich nun ihre Pubertät mitgemacht habe – und wir in Teilen so zusammen erwachsen geworden sind.  

*Auf Wunsch der Protagonistin wurde ihr Name geändert.

  • teilen
  • schließen