„Ich bin ein ungewolltes Kind“

Wie geht es weiter mit Kindern, die fast abgetrieben worden wären? Vier Betroffene erzählen.
Protokolle von Lara Thiede

Eine Frage, die sich die Frauen aus den Protokollen häufiger stellen: „Was wäre, wenn es mich nicht gäbe?“

Foto: Photocase Bearbeitung: jetzt

Schwangerschaftsabbrüche werden seit Jahren heftig diskutiert: Die einen sind dafür, jede Schwangere selbst darüber entscheiden zu lassen, ob sie ein Kind austrägt oder nicht. Die anderen dagegen, um das Leben der ungeborenen Kinder zu schützen. Aber wie geht es weiter mit den Kindern, die dann – trotz großer Zweifel ihrer Eltern – zur Welt kommen? Wir haben mit vier von ihnen gesprochen. 

Triggerwarnung: Einige Aussagen in den Protokollen könnten verstören. Angesprochen werden unter anderem häusliche Gewalt sowie psychische und physische Krankheiten.

„Meine Mutter versuchte, mich mit Tabletten für Kühe abzutreiben“

Christiane, 25, kommt aus Berlin und hat heute ein inniges Verhältnis mit ihrer Mutter.

Meine Mutter wurde mit 19 Jahren schwanger, als sie noch in einem russischen Dorf lebte. Mein Vater und sie wollten zwar verhüten, allerdings ging das nur schwer. Es gab Kondome ausschließlich in der Dorf-Apotheke zu kaufen – und wer das tat, galt in der kleinen Gemeinde sofort als Schlampe. Als sie dann schwanger wurde, versuchte sie, mich mit Tabletten für Kühe abzutreiben. Die wurden den Tieren gegeben, damit sie nicht schwanger wurden, aber trotzdem Milch gaben. Das funktionierte bei vielen Mädchen, aber bei ihr nicht. Sie musste mich austragen.

Am Ende bekam meine Mutter mich in Deutschland. Meine Großeltern kamen ursprünglich von dort, sie nahmen meine Mutter und meinen Vater dorthin mit zurück. Alle waren furchtbar aufgeregt wegen meiner Geburt. Denn damals gab es ja noch keine besonders guten Ultraschallaufnahmen, es wusste also keiner, ob mich die Tabletten krank gemacht hatten. Ich kam zum Glück gesund zur Welt, meine Mutter war unfassbar erleichtert.

Heute ist meine Mutter froh, dass sie mich bekommen hat. Und ich bin froh, dass ich sie bekommen habe. Denn ich kenne niemanden mit einer besseren Mutter. Auch, weil unser Altersabstand so klein ist. Wir sind eher beste Freundinnen, gehen sogar zusammen feiern. Ihren Abtreibungsversuch nehme ich ihr auch nicht übel – wäre ich mit 19 in dieser Situation schwanger geworden, hätte ich mich vielleicht auch so entschieden.

Manchmal gibt es aber Tage, da rutscht meiner Mutter schon mal ein Spruch raus, der mich ein bisschen verletzt. Zum Beispiel, wenn sie genervt von ihrem Job ist. Dann sagt sie, dass sie eine bessere Karriere hätte haben können, wenn sie mich nicht so früh bekommen hätte. Da frage ich mich manchmal: Wie wäre wohl ihr Leben gewesen, hätten die Tabletten gewirkt? Das kommt aber ziemlich selten vor.“

„Meine Mutter hätte mich lieber abtreiben sollen“

Isabellas Mutter wurde von Verwandten am Schwangerschaftsabbruch gehindert. Ihre Tochter, 30, findet das unverantwortlich.

„Ich kam vor 30 Jahren in Angola zur Welt, obwohl meine Mutter mich nicht haben wollte. Sie war nämlich noch in erster Ehe schwanger mit mir geworden, kurz bevor sie ihren gewalttätigen Mann verließ. Nachdem sie sich dazu entschieden hatte, mich loszuwerden, überredeten sie ihre Verwandten, mich doch zu behalten: ‚Dein Kind ist gottgewollt‘, sagten sie ihr immer wieder. 

‚Gottgewollt‘ – Dieses Wort verwenden Abtreibungsgegner ständig, auch letztens in einem Youtube-Video, das ich gesehen habe. Das macht mich unfassbar wütend. Denn es reicht nicht, wenn ein Kind gottgewollt ist. Es muss auch irdisch gewollt sein. Wenn dich auf der Erde keiner will, spürst du das in jedem Knochen, den du hast. In jedem Schritt, den du gehst.

Abtreibungsgegner: Was „Lebensschützer“ bewegt | Wie stehe ich zu Abtreibungen? Folge 2

Heute denke ich: Meine Mutter hätte mich lieber abtreiben sollen. Denn finanzielle Nöte oder ein zu junges Alter der Mutter sind nicht die einzigen Gründe für einen Schwangerschaftsabbruch. Der beste Grund ist stattdessen, wenn sich die Frau psychisch nicht dazu bereit fühlt, das Kind zu bekommen – vielleicht auch, weil der Erzeuger der falsche war. 

Ich bin so ein ungewolltes Kind. Ich kam deshalb schon krank zur Welt: Die psychische Ablehnung einer Schwangeren gegenüber ihrem ungeborenen Kind kann nämlich auch zu einer physischen Ablehnung führen. Meine Ärzte erklären meine Blutarmut zumindest so. Sie sagen, dass ich deshalb schon im Mutterleib mit zu wenig Nährstoffen versorgt worden bin.

Der zweite Mann meiner Mutter war als Einziger nett zu mir. Ich weiß gar nicht, ob er weiß, dass ich vermutlich gar nicht seine Tochter bin. Meine Mutter dagegen wollte mich eigentlich immer nur loswerden. Sie stellte mich über Jahre bei Verwandten und Bekannten ab. Als sie mich einmal von jemandem abholte, erkannte ich sie nicht. Es fühlte sich für mich an wie eine Entführung. 

Mit zehn schickte mich meine Mutter nach Deutschland. Alle sagten, ich hätte dort Chancen auf ein besseres Leben. Aber mit zehn willst du keine Chancen. Du willst bei deiner Familie sein. Meine Geschwister, die meine Mutter allesamt freiwillig bekam, durften bleiben. Ich aber musste nach Köln zu meiner Tante. Die Zeit dort war schrecklich, denn sie misshandelte mich für Kleinigkeiten. Verlor ich zwanzig Cent, schlug sie mich zusammen. Ein anderes Mal riss sie einen Ast von einem Baum und peitschte mich damit aus. Ich lag danach heulend auf der Straße. Ich war immer ein leichtes Opfer. Denn ich hatte keine Eltern, die mich beschützen wollten. 

Mit 16 holte mich mein Vertrauenslehrer aus der Familie heraus, ich kam in ein betreutes Wohnen und dann ins Kinderheim. Als ich volljährig wurde, musste ich dort raus. Seitdem hatte ich immer Geldprobleme und nie jemanden, an den ich mich wenden konnte. Sechs Monate lang war ich sogar obdachlos. Irgendwie schaffte ich es trotzdem, eine Ausbildung zu beenden. Inzwischen habe ich mein Abi nachgemacht und studiere Jura, einen extrem teuren Studiengang. Auch hier merke ich immer wieder: Ich bin alleine, wenn es brenzlig wird. Wie schlimm das ist, versteht niemand, der das nicht erlebt hat.

Ich habe meine Mutter vor einigen Jahren wiedergesehen, sie war zu Besuch bei meiner Tante. Das waren die schlimmsten zwei Monate meines Lebens. Davor hatte ich gehofft, dass alles gut würde, ich war sehr emotional. Aber sie umarmte mich wie man eine Bekannte umarmt, sprach nicht wirklich mit mir – und machte mir wenn dann Vorwürfe. Sie sagte zum Beispiel, ich würde so mickrig aussehen. Das fände sie abstoßend. Da bin ich explodiert: ‚Denkst du, ich mach ne Diät oder was? Fragst du dich mal, ob ich genug zu essen habe?‘ Sie interessieren die Gründe nicht mal. Weder meine Krankheit, noch, dass ich teilweise wochenlang nicht essen konnte, weil mir das Geld fehlte. Seitdem haben wir keinen Kontakt mehr.

Leute, die andere dazu drängen, Kinder zu bekommen, interessieren sich angeblich für ‚das Leben‘. Aber sie vergessen, dass das Leben nicht bei der Geburt vorbei ist. Das Kind bleibt kein Baby, das alle süß finden. Es wird erwachsen. Und wo sind die Leute dann? Wo sind die Onkel heute, die meiner Mutter eingeredet haben, mich auszutragen?“

„Auf den Ultraschallbildern waren meine Fehlbildungen zu erkennen“

Valerie,19, kommt aus Torgau in Sachsen. Ärzte hatten ihrer Mutter zum Schwangerschaftsabbruch geraten, weil Valerie schon vorgeburtlich eine Behinderung diagnostiziert wurde.

„Ich hatte richtiges Glück, dass meine Mama gespürt hat, wie stark ich bin. Denn als sie im fünften Monat schwanger war, empfahlen ihr Ärzte, mich abzutreiben. Auf den Ultraschallbildern waren nämlich meine Fehlbildungen zu erkennen. Meine Mutter dachte dann auch darüber nach, entschied sich aber für mich. Ich hatte im Bauch schon so viel getreten, dass sie überzeugt war, dass ich kämpfen kann. Mein Vater war auch dafür, mich zu bekommen. 

Tatsächlich wurde ich dann mit einer seltenen Krankheit geboren, dem Klippel-Trénaunay-Weber-Syndrom. Davon sind weltweit nur 3000 Fälle bekannt. Das ist eine Gefäßerkrankung, die unter anderem zu Riesenwuchs führen kann. Ich habe aber nur eine leichte Form, sodass meine Füße und mein rechtes Bein größer sind als bei anderen Menschen. Deshalb brauche ich maßgefertigte Schuhe und Stützstrümpfe und kann nicht weit laufen. 

Die Gehbehinderung schränkt mich im Leben ein. Auch, weil sich in der Schulzeit viele lustig über mich gemacht haben. Aber grundsätzlich komme ich gut klar, meine Eltern kümmern sich richtig gut um mich. Das Verhältnis mit meinen Eltern ist sowieso super, meine Geschwister behaupten sogar immer wieder, ich sei das Lieblingskind.

Mich verletzt es nicht, dass meine Mutter zeitweise erwogen hat, mich abzutreiben. Hätte sie sich gegen mich entschieden, hätte ich das nicht mitgekriegt. Grundsätzlich finde ich es aber schon schwierig, dass ihre Ärzte ihr nicht einfach nur die Option aufgezeigt haben, sondern direkt eine Empfehlung abgegeben haben. 

Die Geschichte meiner Beinahe-Abtreibung habe ich erst mit vierzehn erfahren, als ich mit meiner Mutter auf dem Weg in die Uniklinik war. Da hat sie ein ernstes Gespräch angefangen und von der Entscheidung damals erzählt. Sie hat auch geweint und ich habe richtig gespürt, in welchem Zwiespalt sie damals gestanden hatte. Heute denke ich, jede Frau sollte auf ihr Bauchgefühl hören, wie meine Mutter es getan hat – und sich auf keinen Fall zu viel reinreden lassen.“

 

„Sie sagte: ‚Wenn es dich nicht gäbe, müsstest du nicht aufräumen‘“

Die Österreicherin Laura wird bald 20 Jahre alt. Noch heute fühlt sie sich schuldig, weil ihre Geburt ihren Eltern Chancen nahm.

„Meine Eltern haben sich erst scheiden lassen, als ich neun war. Dabei war das viel zu spät, ich wusste von Anfang an: Wäre ich nicht da, wären sie nicht mehr zusammen. Das haben sie mir auch oft genug erzählt. Ihre Ehe war keine Liebesbeziehung, sondern eine Vereinbarung, die mit meiner Geburt begann.

Als meine Mutter schwanger mit mir wurde, überlegten meine Eltern stark, mich abzutreiben. Denn sie begannen beide gerade steile Karrieren, für die ich total ungelegen kam. Noch dazu passten sie als Paar überhaupt nicht zusammen. Sie bekamen mich trotzdem, weil sie sich dachten: ‚Wir können doch kein Kinderleben zerstören, nur weil wir nicht richtig aufgepasst haben.‘ 

Meine Eltern lieben mich, da bin ich sicher. Und ich bin auch froh, dass sie sich für mich entschieden haben. Aber ich habe immer das Gefühl gehabt, dass ich kein Wunschkind bin. In Streitereien kam das Thema immer wieder auf, vor allem mit meiner Mutter. Ich sagte: ‚Ich will mein Zimmer aber nicht aufräumen!‘ Sie sagte: ‚Wenn es dich nicht gäbe, müsstest du auch nicht aufräumen.‘ Oder ein anderes Mal: ‚Wenn es dich nicht gäbe, könnte ich da noch arbeiten.‘

Solche Sprüche kamen vor allem, wenn meine Mutter betrunken war. Manchmal denke ich deshalb, ich hätte das Leben meiner Eltern zerstört. Ich gebe mir oft immer noch die Schuld daran, dass meine Mutter nicht weiter im Ausland arbeiten konnte, wie sie es früher getan hatte. Und daran, dass mein Papa in einer unglücklichen Ehe gefangen war. Auch, wenn ich eigentlich weiß, dass ich dafür nicht verantwortlich bin.

Ich glaube, ich komme deswegen auch schneller als andere dazu, meine Existenz in Frage zu stellen. Wenn ich mich mit meiner Freundin streite und es richtig heftig wird, denke ich mir schnell: ‚Wäre ich nicht geboren worden, müsste ich das jetzt nicht aushalten.‘“

(Dieser Text ist in inhaltlicher Zusammenarbeit mit Die Frage entstanden, einem Format von funk.)

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