„Kein Mensch braucht Fat Shaming“

Das Projekt „Wenigstens ein hübsches Gesicht“ macht die Diskriminierung dicker Menschen sichtbar.
Von Sophie Aschenbrenner
insta fatshaming

Anna ist 32 und Sozialpädagogin. Sie setzt sich schon lange gegen Fat Shaming ein.

Foto: privat

„Wenigstens hast du ein hübsches Gesicht“ – was als nettes Kompliment gemeint sein kann, ist in den meisten Situationen eher: verletzend. Viele dicke Menschen hören den Satz regelmäßig. Sie hören darin eine versteckte Aussage: „Dein Körper ist zu groß und zu schwer, aber immerhin ist dein Gesicht okay.“ 

„Wenigstens ein hübsches Gesicht“, so heißt deshalb ein Instagram-Projekt, das auf Fat Shaming aufmerksam macht, also auf die Beleidigung und Diskriminierung übergewichtiger Menschen. Betrieben wird es von der 32-jährigen Anna, Sozialarbeiterin aus Leipzig. Sie sei selbst betroffen von Fat Shaming, erzählt sie gegenüber jetzt am Telefon.

Seit 2013 gibt sie regelmäßig Workshops, um Menschen für das Thema zu sensibilisieren. „Es stört mich, dass über Fat Shaming so wenig geredet wird“, sagt Anna. Wann immer sie das Thema anspreche, sei das Interesse allerdings riesig. Deswegen entschloss sie sich, Instagram als Plattform zu nutzen. Den letzten Anstoß gab das Projekt „Was ihr nicht seht“. Der gleichnamige Instagram-Account von Dominik Lucha macht Rassismus sichtbar, indem Betroffene ihre Erfahrungen teilen. „Wenigstens ein hübsches Gesicht“ funktioniert ähnlich. Über Instagram fragte Anna andere Nutzer*innen nach eigenen Erlebnissen – und wurde mit Einsendungen überschüttet. 

Darin erzählen Menschen von Kommentaren wie: „Schön sieht das aber nicht aus!“ auf offener Straße. Von Müttern, die beim Klamotten kaufen verzweifelt wiederholen, dass die eigene Tochter „zu fett“ sei. Von Fremden, die jemandem im Vorbeigehen sagen, dass er dieses Eis besser nicht essen solle. Und von Kolleg*innen, die durch den Besprechungsraum rufen: „Du wirst auch immer fetter.“ Sie erzählen von Demütigung, von Unsicherheiten, von schwindendem Selbstbewusstsein. Davon, wie leicht ein solcher Satz gesagt ist – und wie tief er nachwirkt.

„Viele bauen sich dann einen Panzer und denken: Ich muss das aushalten, ich bin ja fett“

 

Anna bezeichnet das, was sie zeigt, als „grausamen Alltag“, und sagt weiter: „Das Projekt zeigt, dass es die kleinen Sachen sind, die so verletzend sein können. Viele Menschen, die fett sind, erfahren Gewalt, weil sie fett sind.“ Diese Gewalt sei oft verbal, könne aber auch körperlich sein. Fat Shaming gehe außerdem häufig mit anderen Diskriminierungsformen wie Rassismus oder Sexismus einher. 

Fat Shaming trifft nicht nur eine kleine Gruppe. Nach Informationen des Robert Koch-Instituts sind zwei Drittel der erwachsenen Männer und die Hälfte der Frauen in Deutschland übergewichtig. Ein knappes Viertel der Erwachsenen ist stark übergewichtig.

Die Diskriminierung und Stigmatisierung übergewichtiger Menschen ist gesellschaftlich zu großen Teilen akzeptiert, das zeigen verschiedene Studien. Viele Menschen finden es offenbar okay, jemanden zu beleidigen, weil er*sie dick ist. Dabei zieht die Stigmatisierung Übergewichtiger negative gesundheitliche Folgen nach sich – und zwar auf verschiedenen Ebenen. Fat Shaming kann zu verringertem Selbstwertgefühl führen, zu einem erhöhten Risiko für psychische Erkrankungen wie Depressionen. Aber auch dazu, dass dicke Menschen aus Angst vor Stigmatisierung weniger oft zu Ärzt*innen gehen. Auch von dieser Angst vor Behandlungszimmern erzählen einige Textstellen auf „Wenigstens ein hübsches Gesicht“.

Liest man die Zitate, die Anna gesammelt hat, fällt auf: Nicht immer sind es Fremde, viel öfter sind es Nahestehende, die jemanden wegen eines dicken Körpers beleidigen oder diskriminieren: Eltern, Lehrer*innen, Geschwister, Freund*innen. „Für viele ist es total normal, dass man über dicke Menschen Witze machen kann. Und wenn man sich beschwert, dann heißt es, man solle halt einfach abnehmen. Ich will aber nicht abnehmen, um Menschen zu gefallen, denen ich gar nicht gefallen will – die das aber wohl von mir erwarten“, sagt Anna. Besonders häufig sind die Betroffenen Frauen. Mütter hätten oft eigene Traumata, die sie dann an ihre Töchter weitergeben: „Sie wollen auf keinen Fall, dass ihre Tochter dick wird.“ 

Die meisten Nachrichten, die Anna bekommt, beginnen mit den Worten: „Danke für diesen Account.“ Sie vermutet, dass viele dicke Menschen sich so sehr für ihre Erlebnisse schämen, dass sie mit niemandem sonst darüber sprechen könnten. Sie würden diskriminiert und fühlten sich gleichzeitig alleingelassen. „Wenn man sagt, dass einem das weh tut, dann sagen viele entweder: Du bist doch selbst schuld, dass du so dick bist. Oder: War doch nett gemeint, wäre doch besser, wenn du abnehmen würdest.“ 

Anna wünscht sich, dass Menschen sensibler und empathischer werden, wenn es um das Thema geht. „Viele schreiben mir, dass sie auf meinem Account gelandet sind und vorher noch nie über Fat Shaming und die Konsequenzen davon nachgedacht haben“, erzählt sie. Den Betroffenen bietet das Projekt eine Community und das Wissen, nicht alleine zu sein. „Das ist so eine große Masse von Menschen, denen das täglich passiert. Es ist viel grausamer, als viele denken. Viele bauen sich dann einen Panzer und denken: Ich muss das aushalten, ich bin ja fett. Aber das ist nicht normal. Kein Mensch braucht Fat Shaming.“

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