Das Projekt „Was ihr nicht seht“ macht Rassismus sichtbar

Der Gründer Dominik Lucha sagt: „Es ist gut zu wissen, dass man nicht alleine ist.“
Von Sophie Aschenbrenner
dominik lucha

Foto: Divimove

„Auf einem Geburtstag wurde ich von einem Opa angesprochen: ,Wenn Sie sich öfter waschen würden, dann wären Sie nicht so schwarz.‘ Vor versammelter Mannschaft – keiner hat was gesagt!“

„Sie können aber gut Deutsch.“

„Ich bin zwölf und laufe mit meiner Mutter in einen Friseursalon. Eine Friseurin blickt nur kurz von ihrer Arbeit auf, sieht mich und sagt: ,So etwas schneiden wir hier nicht.‘“

Rassismus ist in Deutschland ein Problem. Das zeigen diese Beispiele – nur eine kleine Auswahl der Sätze, die der Instagram-Account „Was ihr nicht seht“ seit einer Woche sammelt und teilt. Mittlerweile folgen dem Account 26 000 Menschen – Tendenz steigend. Die Idee dahinter stammt von dem 29-jährige Dominik Lucha. Er kommt aus Ravensburg, studiert Medienmanagement und lebt in Berlin. Rassismus ist Teil seines Alltags. Wenn er abends in eine Bar gehe und neue Menschen kennenlerne, komme schnell die Frage nach seiner Herkunft, erzählt er am Telefon. Dann bohrten viele Menschen oft lange. Bis er sie irgendwann erlöse: „Geboren wurde ich in der Karibik, in Haiti. Meine Eltern haben mich adoptiert. Aber ich habe keine Lust, das ständig fremden Menschen zu erzählen“, sagt er. Dass die Frage nach der Herkunft auch rassistisch sei, sei vielen Menschen zwar nicht klar, das mache es aber nicht besser.

Als nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd durch weiße Polizisten auch in Deutschland eine Debatte um Rassismus und Polizeigewalt entbrannte, engagierte er sich zunächst auf seinem privaten Instagram-Account, teilte Videos und Posts. Und fragte irgendwann seine Freund*innen aus der Schwarzen Community: „Wann habt ihr eigentlich in Deutschland Rassismus erlebt?“ Viele meldeten sich. Er begann, die Beispiele aufzuschreiben und gründete das Instagram-Projekt „Was ihr nicht seht“. 

Viele Betroffene fühlen sich durch das Projekt endlich gehört und verstanden

Dominik postet diese Erfahrungen anonymisiert auf Instagram. Und macht einmal mehr deutlich: Wer behauptet, in Deutschland gebe es keinen Rassismus, lügt. Dominik, der gerade seine Masterarbeit schreibt, bekommt derzeit so viele Nachrichten, dass er kaum noch zum Schlafen kommt. Viele Menschen teilen seine Beiträge auf Instagram, auch bekannte Aktivist*innen wie Tarik Tesfu. Rasend schnell wuchs die Zahl seiner Follower*innen.

„Es ist zwar schön, dass der Account so wächst und dass mir so viele schreiben. Vor allem ist es aber traurig“, sagt Dominik. „Denn es ist schlimm, dass all diese Sachen passieren und passiert sind.“ Viele dieser Erfahrungen seien bisher unsichtbar gewesen, vermutet er. „Schwarze Menschen und People of Color reden oft nicht über Rassismus. Auch wenn dein bester Freund Schwarz ist, kann es sein, dass du nichts davon erfährst. Weil er die Erfahrungen einfach in sich hineinfrisst.“

Dass es notwendig ist, diese Erfahrungen sichtbar zu machen und so zu beweisen, dass Rassismus für viele Menschen in Deutschland Alltag ist, bezeichnet Dominik als „frustrierend“. Sein Ziel: „Dass weiße Menschen sich informieren. Dass man schon Kindern beibringt, was Rassismus ist. Dass alle Menschen anerkennen, dass es Hautfarben gibt und was das bedeutet. Es bringt nichts, so zu tun, als ob man keine Hautfarben sehe. Denn die Hautfarben sind da.“ Viele Menschen schreiben ihm, dass sie dankbar für seine Arbeit sind, erzählt er. „Ihr seid einfach nur real. Jeder Post trifft zu“, hat ihm jemand geschrieben. In anderen Nachrichten steht: „Es hat gut getan, das mal zu erzählen.“ Oder „Durch deine Seite fühlt man sich nicht mehr allein.“

Der 29-Jährige hofft, dass die aktuelle Debatte nachhaltig wirkt. „Was ihr nicht seht“ will er auf jeden Fall langfristig betreiben. „Er kann auch ein Raum für Austausch sein und zwar in beide Richtungen. Viele Weiße lesen die Erfahrungen und schreiben mir, dass sie das nicht wussten, dass sie jetzt verstehen. Für Schwarze und PoC kann dieser Austausch heilend sein. Es ist gut zu wissen, dass man nicht alleine ist.“

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