Wie Free Bleeding funktioniert

Die Hamburgerin Britta Wiebe (30) hat die Bildungsplattform Vulvani gegründet, in der sie über Free Bleeding aufklärt.
Foto: privat

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Irgendwann hatte sie von Tampons, Binden und Menstruationstassen die Nase voll: Die Hamburgerin Britta Wiebe (30) praktiziert Free Bleeding. Das heißt, sie verwendet während ihrer Periode keinerlei Produkte. Aus ihrer Überzeugung hat sie sogar einen Beruf gemacht und die digitale Bildungsplattform Plattform Vulvani gegründet. Dort bietet sie Onlinekurse zum Thema Free Bleeding, Lernvideos oder Yoga im Menstruationszyklus an. Außerdem teilt sie in einem Onlinemagazin Tipps und Infos zum Thema Periode und Zyklus. Im Interview erzählt sie, wieso sie mit Free Bleeding begonnen hat, was am Anfang ratsam ist und wieso die Angst vor Blutflecken auf der Hose unbegründet ist.

jetzt: Britta, ich muss mit einer plumpen Frage anfangen, aber es ist einfach die erste, an die ich – und wahrscheinlich alle anderen menstruierenden Personen auch – denke: Hast du beim Free Bleeding nicht Angst, dass man Blutspuren auf deiner Kleidung sieht?

Britta Wiebe: Per se ist ein Fleck auf der Hose ja nichts Schlimmes. Jedem ist schon mal Essen runtergefallen; meistens ärgert man sich oder lacht kurz, aber es ist gesellschaftlich akzeptiert, diese Art von Fleck auf der Kleidung zu haben. Das versuche ich, auf die Menstruation zu übertragen. Es ist aber noch nie dazu gekommen, dass ich Blutflecken hatte. Durch Free Bleeding habe ich eine entspanntere Beziehung zu meiner Menstruation und generell gelernt, die Scham um Periodenblut abzulegen.

Das heißt, du merkst immer, wenn es Zeit ist, aufs Klo zu gehen?

Es gibt verschiedene Körpersignale, wie wir das auch von anderen Körperflüssigkeiten kennen, zum Beispiel vom Druckgefühl bei voller Blase. In dem Fall haben wir gelernt, unserem Körper zuzuhören – und so geht das mit dem Periodenblut auch. Meine Vorboten sind ein Druckgefühl im Unterbauch und ein leichter Krampf. Von anderen habe ich gehört, dass es sich bei ihnen wie eine Minivibration im Uterus anfühlt, manche fühlen auch ein Kribbeln in der Vagina. Außerdem weiß ich inzwischen auch, wie viel ich blute, bei einem starken Tag gehe ich öfter auf Toilette, wenn die Blutung leichter ist, muss ich nicht bei jedem Völlegefühl gleich losrennen.

Und was machst du, wenn weit und breit keine Toilette in der Nähe ist?

Wenn ich in der Natur wandern bin, gehe ich ganz pragmatisch wie beim Pinkeln hinter einen Busch. Ich persönlich finde Free Bleeding in der Natur auch einfacher als mit invasiven Periodenprodukten unterwegs zu sein, weil man sich nicht so leicht die Hände waschen kann. Außerdem hinterlässt man keinen Müll. In anderen Situationen, in denen es keine Toilette gibt, im Bus etwa, überlege ich mir vorher, ob das machbar ist. An einem stärkeren Tag nehme ich zum Beispiel Periodenunterwäsche als Backup.

Wie kamst du darauf, keine Tampons oder Binden mehr zu benutzen?

Bei einem Austauschschuljahr in Pennsylvania habe ich mir Tampons als Geburtstagspaket hinterherschicken lassen, weil ich mit den US-Tampons nicht warmgeworden bin. Ich hatte das Gefühl, die Saugkraft sei nicht stark genug und die Verarbeitung nicht gut. Danach habe ich immer, wenn ich länger im Ausland war, meinen Rucksack mit meinen Lieblingstampons vollgemacht, so auch, als ich im Winter 2015 in Guadalajara in Mexiko studiert habe. Irgendwann habe ich mich bei einer Freundin darüber beschwert, wie nervig es war, dass ich so viele Tampons mitnehmen musste. Sie hat mir dann von Free Bleeding erzählt, wovon ich zu dem Zeitpunkt noch nie gehört hatte.

„Am Anfang habe ich als Zwischenphase noch Tampons benutzt“

Wie hast du reagiert?

Ich fand das erst komisch, ich war auch überfordert von der Info, weil es halt das komplette Gegenteil von Tampons benutzen ist. Ich hatte aber das Glück, mit ihr eine Vertrauensperson zu haben, die verständnisvoll auf meine Frage eingegangen ist, wie das alles funktionieren soll.

Die Frage, die sich wohl jeder Mensch stellt, der zum ersten Mal davon hört.

Ja, weil das null verbreitet ist. Ich hatte damals nie in Zeitschriften oder Artikeln darüber gelesen, nicht einmal den Begriff gehört, wusste nicht, was das für eine Methode ist. Ich war aber direkt fasziniert und fand es eigentlich auch cool, weil ich mit meiner Tampon-Reisesituation so unzufrieden war. Aber eine gute Portion Skepsis war auch dabei.

Wie hast du die Anfangszeit erlebt?

Ich war super neugierig und vom Mindset hat das auch gepasst: Ich war im Ausland, hatte dadurch eh jeden Tag neue Produkte, neues Essen, eine neue Sprache um mich. Als Studentin hatte ich auch verhältnismäßig viel Freizeit. Ich habe mir Tipps von meiner Freundin geholt, die meinte, ich solle nicht radikal durchstarten, weil das nur stressig sei, sondern Binden als Notfalllösung dabeihaben und regelmäßig auf die Toilette gehen. Am Anfang habe ich als Zwischenphase noch Tampons benutzt. Aber ich fand es ohne Periodenprodukte schnell viel angenehmer, weil ich dadurch weniger Schmerzen hatte und mehr mit mir in Verbindung stand. Was ich vorher nie infrage gestellt hatte: Der Gedanke, sich jeden Monat irgendwas einzuführen, von dem ich mir noch nie die Verpackungsbeilage angeguckt habe, ist komisch.

„Free Bleeding ist eine Form der Selbstfürsorge“

Welche Vorteile hat Free Bleeding für dich?

Der größte ist, dass ich mit meinem Körper verbunden und in aktivem Austausch mit meiner Periode bin. Dadurch hat sich meine Wertschätzung der Menstruation verändert, was ein krasser Erfolg ist in unserer Gesellschaft, in der sie als schlecht oder eklig gilt und verborgen werden muss. Deswegen ist Free Bleeding auch eine Form der Selbstfürsorge, man macht die Periode nicht unsichtbar, sondern setzt sich bewusst damit auseinander und nimmt sie für sich an – wir sind ein Team, wir machen das jeden Monat. Aus einer anderen Perspektive betrachtet ist das super für den Geldbeutel, wenn man mal hochrechnet, wie viel Geld man für Produkte ausgibt. Und auch für die Umwelt ist es gut, da keine Einwegprodukte benutzt werden. Ich brauche zwar mehr Klopapier und betätige öfter die Spülung, aber im Verhältnis zum Plastik ist das weniger schädlich.

Wem würdest du Free Bleeding empfehlen?

Ich würde das allen Menschen empfehlen, die Bock darauf haben, sich mehr mit dem eigenen Körper auseinanderzusetzen. Ich spreche keine prinzipielle Empfehlung für Free Bleeding aus, weil Körper, Bedürfnisse und Persönlichkeiten unterschiedlich sind. Man muss sich klarmachen, dass Free Bleeding etwas Schönes ist. Menstruation soll aber kein Stress sein, wichtig ist, dass sich das für jede gut und stimmig anfühlt. Und ein Tipp: Man kann auch kombinieren. Free Bleeding wird als radikal angesehen, aber das muss es nicht sein. Für einige kann es beispielsweise passen, zwei Tage Tampons und danach Periodenunterwäsche zu benutzen und schließlich Free Bleeding zu machen. Es geht darum, die Vielfalt der Produkte anzunehmen.

Du hast dann ab 2019 in einem Blog über das Thema geschrieben. Wieso?

Ich war enttäuscht, sauer und verwundert, dass so wenig über die Themen Menstruation und weiblicher Körper gesprochen wird. Ich habe mich im persönlichen Umfeld mehr ausgetauscht und gemerkt: Die anderen wissen genauso wenig wie ich oder sogar noch weniger. Ich habe dann meinen Job als wissenschaftliche Mitarbeiterin an einer Hamburger Hochschule gekündigt und bin mit meinem Freund Jamin länger nach Südamerika. Das war ein guter Moment, um zu gucken, welche Themen mich bewegen und wo ich beruflich hinwill. Dann habe ich das Onlinemagazin Vulvani gegründet und bin auch auf Social Media in Austausch mit anderen getreten. Ich habe über alle möglichen Themen geschrieben, über Periode am Arbeitsplatz, Regelschmerzen, Zyklusbewusstsein, oder praktische Tipps gegeben, wie man Menstruationstassen auf öffentlichen Toiletten wechseln kann.

Und das hat viele Leute interessiert?

Ja, total. Das Feedback war so positiv und das Interesse so groß, weil es an Wissen fehlte, dass ich mehr machen wollte als nur ein Onlinemagazin. Letzten Sommer war für meinen Freund und mich dann klar: Wir gründen ein Start-up. Und das haben wir im April offiziell getan.

Warum ist dir wichtig, Menschen über die Periode aufzuklären?

Am relevantesten daran finde ich, dass jede Person selbstbestimmt ist. Gute Entscheidungen über den eigenen Körper zu treffen geht am besten, wenn wir uns mit ihm auskennen.

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