Warum haben wir irrationale Ängste?

Und was können wir gegen sie tun? Wir haben eine Expertin gefragt.
Interview von Katja Neitemeier
Illustration: Daniela Rudolf / Fotos: Petar Petkovski, Unsplash / andysterchi, photocase

Eigentlich weiß man ganz genau, dass man in einem Schwimmbad nicht von einem Hai angegriffen werden kann. Trotzdem erwische ich mich immer wieder dabei, wie ich im Schwimmbecken unruhig meine Bahnen ziehe. Was, wenn es doch ein Hai irgendwie in das Wasser geschafft hat?

Das war nur eine der irrationalen Ängste, die wir vor kurzem in der Redaktion gesammelt haben. Und obwohl wir uns dadurch sehr intensiv mit ihnen auseinandergesetzt haben, wissen wir immer noch nicht, woher sie kommen. Deswegen haben wir Sabine Masser-Fröschl gefragt. Sie ist Therapeutin und auf Angstpatienten spezialisiert.  

 jetzt: Warum habe ich Angst davor, dass ich in einem Schwimmbad Opfer einer Haiattacke werde, obwohl ich eigentlich weiß, dass ein Hai nicht in ein Schwimmbecken kommen kann?

Sabine Masser-Fröschl:  Hier kommen wahrscheinlich unterschiedliche Faktoren zusammen. Vielleicht haben Sie Angst vor Haien, weil Sie eine Dokumentation über Haiangriffe gesehen hast. Oder Sie haben erlebt, wie eine Spinne oder ein anderes Tier, das Sie nicht mögen, aus einem Abfluss gekrabbelt ist. Zusammen mit einer starken Vorstellungskraft kann unser Gehirn verschiedene Ereignisse und Gefühle, die unabhängig voneinander entstanden sind, miteinander verknüpfen  — so dass  uns harmlose Dinge plötzlich ängstigen. 

Aber kann man in diesem Fall wirklich von Angst sprechen?

Grundsätzlich sollte man zwischen Furcht und Angst unterscheiden. Furcht bezieht sich immer auf eine potentiell reale gefährliche Situation. Wenn ich also vor einem aggressiven Tiger stehe, dann fürchte ich mich aus gutem Grund. Wenn ich aber Angst vor dem Supermarktbesuch habe, dann gibt es hierfür keinen Grund. Angst ist auch dadurch definiert, dass Sie unser Leben wirklich einschränkt. Wenn ich keinen Supermarkt mehr betreten kann, dann schränkt mich das in meinem Leben wirklich massiv ein. Große Ängste leiten sich zudem von schlechten Erfahrungen und "falschen" Verknüpfungen im Gehirn ab.

Können Sie ein Beispiel für eine ungute Verknüpfung im Gehirn nennen?

Ob eine schlechte Erfahrung selbst gemacht wurde oder ob wir ein Erlebnis nur gehört oder im Fernsehen gesehen haben, kann zweitrangig sein. Wenn mir eine Freundin sehr detailreich und intensiv von ihrem Schlangenbiss erzählt und wenn ich sogar während ihrer Erzählung noch die Angst und ihre Gänsehaut spüre —  dann kann dies für mich eine negative Erfahrung sein, die mein Gehirn als solche speichert und die von da an mit Schlangen verbunden ist: Obwohl mir noch nie im Leben eine Schlange begegnet ist, habe ich große Angst vor Schlangen.

Unser Gehirn kann diese „Schlangenerfahrung“ im Laufe der Zeit auch verallgemeinern: Aus der erzählten Angst vor einem Schlangenbiss kann die Angst vor Schlangen im Allgemeinen werden, daraus könnte sich eine Angst vor Regenwürmern oder vor langen gebogenen Zweigen, die Schlangenkörpern oder Regenwürmern ähneln, entwickeln.

Therapeutin Sabine Masser-Fröschl aus München-Aschheim

Foto: privat

Und wie ist das bei irrationalen Ängsten?

Das kann bei irrationalen Ängsten genauso funktionieren. Diese kommen uns oft nur deshalb sehr irrational und willkürlich vor, weil wir nicht mehr wissen, auf welchen  früheren Erfahrungen sie basieren. Die können sogar aus dem Baby-, Kinder- und Jugendalter stammen

Okay, noch ein Beispiel: Warum habe ich Angst, dass sich mein Schnürsenkel in der Rolltreppe verheddert, ich hinfalle und mir etwas breche?

Es kann sein, dass in Ihrer Gegenwart über diese Art von „Verhedder-Unfall“ einmal gesprochen wurde. Oder dass Sie selbst Situationen erlebt haben, in denen sich Kleidungsstücke irgendwo verfangen haben. Viele Kleinigkeiten können im Sinne von selbst gemachten oder gehörten Erfahrungen zu dieser Angst führen.

Jedes Erlebnis, das mit einem spezifischen Gefühl verbunden ist, kann man sich als einen eigenen Weg in unserem Gehirn vorstellen.  Je öfter ich eine bestimmte Sache erlebe und auf eine gewisse Art fühle, desto häufiger wird im Gehirn dieser Weg beschritten - bis der Weg eines Tages eine gut ausgebaute Straße geworden ist  und deshalb viel schneller, viel automatischer beschritten wird. Das nennt man eine automatische Angstreaktion.

Viele Wege, die jeweils für ein bestimmtes Ereignis und dazugehörige gefühlsmäßige Reaktionen stehen, sind im Gehirn miteinander verknüpft. Gibt es beispielsweise bei einer Person den Weg „Angst vor Haien“, dann kann dieser auf einen „Fisch-im-Wasser-Weg" treffen. Wenn sich beide Wege im Gehirn kreuzen oder verknüpfen, kann die Person unter Umständen künftig auch Angst vor Fischen entwickeln. 

Entscheidet sich also in der Kindheit, vor welchen Dingen wir in unserem Leben Angst haben?

Gerade wenn wir Kinder sind,  nehmen wir sehr viel auf und sehr viel wahr. Da das  Gehirn von Kindern aber noch nicht ausgereift ist, können Sie gewisse Dinge auch  emotional noch nicht ausreichend verarbeiten — Ängste, die ins spätere Erwachsenenleben mitgenommen werden, können hierin ihren Ursprung haben. Mittlerweile weiß man auch, dass selbst Babys im Mutterleib schon gefühlsmäßige Reaktionen zeigen. Allerdings kann man fast alle Ängste mit unterschiedlichen Therapien behandeln. Es ist also nicht so, dass wir unsere Ängsten unser ganzes Leben aushalten müssen. 

„Menschen, die eine starke Vorstellungskraft haben, können sich negative Bilder auch ‚groß denken‘“

Ein Kollege erzählte, dass er manchmal Angst hat,  ein Atomkrieg könnte beginnen, während er in der U-Bahn sitzt, und er mit den einzigen Überlebenden, nämlich den Leuten im Waggon, für den Fortbestand der Menschheit sorgen muss. Auf was für Erfahrungen kann diese Angst basieren? 

Ich würde sagen, dass er ganz schön viel Fernsehen geguckt hat(lacht). Auch bei diesem Beispiel sind wahrscheinlich unterschiedliche Dinge für die Angst verantwortlich. Es gibt Menschen, die sehr stark auf audiovisuelle Reize reagieren und sich gefühlsmäßig stark in andere Menschen hineinversetzen können. In einem entsprechenden Film könnte ihr Freund seinerzeit sehr stark „mitgelitten“ haben. Seine Gefühlskurve lief während des Filmschauens wahrscheinlich parallel zu denen der Schauspieler, inklusive aller Ängste und Panikgefühle. Bei ihrem Freund ist dann augenscheinlich eine neue Angsterfahrung entstanden." 

Auch die Berichterstattung über das derzeitige Weltgeschehen und die damit einhergehenden Gedanken–„Das kann in unserem Land auch passieren“ – können mit in die Angstentstehung Ihres Freundes hineinspielen. 

Menschen, die eine starke Vorstellungskraft haben, können sich negative Bilder auch „groß denken“. Gerade Kinder und Jugendliche haben noch eine lebendige Fantasie. Sie  können oft nicht zwischen Fiktion und Realität unterscheiden. Werden sie mit entsprechenden negativen Bildern in den Medien konfrontiert, können bei sensiblen oder noch kleinen Kindern Ängste daraus erwachsen. 

Als Erwachsener entwickelt man also keine irrationalen Ängste mehr?

Als Erwachsener können bei ihnen irrationale Ängste plötzlich ausbrechen, wenn sie als Kind negative Erfahrungen gemacht haben und diese noch in ihnen schlummern, jedoch nie verarbeitet wurden. Gerade in der Lebensmitte treten solche Ängste manchmal wie aus dem Nichts auf — beruhen aber auf frühkindlichen schlechten Erlebnissen.

Beim Erwachsenen oder jungen Menschen können auch Ängste entstehen, die auf Erlebnissen aus einem Drogenrausch oder aus einer sehr belastenden Lebenssituation entstanden sind.  Sehr schmerzhafte Trennungs- oder Konflikterlebnisse, privat oder beruflich, können in diesem Zusammenhang eine Rolle spielen.  

Was kann man gegen „irrationale Ängste“ tun?

Es gibt bestimmte therapeutische Verfahren, die auch bei diesen Ängsten eine Befreiung oder Lösung bewirken können.

Als Freundin oder Freund kann man helfen, wenn man zusammen mit dem Betroffenen immer wieder genau diese ängstlichen Situationen bewusst aufsucht oder herbei führt.

Und sie oder ihn in kleinen Schritten selbst die Erfahrung machen lässt, dass eine gewisse – vorher befürchtete – Situation harmlos ist.

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