In „The Boys“ kämpfen Superhelden für Ruhm und Geld

Sie zeigen uns so, wie verdorben unsere Gesellschaft ist.
Von Victor Redman

Screenshot / Youtube

Zwei Jungs werden Zeugen eines Raubüberfalls, fast werden sie selbst zu Opfern. Doch in letzter Sekunde kommt die Rettung in Form zweier kostümierter Helden. Sie stoppen erst den Überfall – mit brachialer, potenziell tödlicher Gewalt – und posieren dann für Selfies mit den begeisterten Jungs. Die erste Folge der Serie „The Boys“ läuft gerade mal zwei Minuten, und schon ist klar: Diese Serie ist etwas Besonderes. Hier spielen die Superhelden nämlich nach ihren eigenen Regeln. Sie stehen im Dienst des Mega-Konzerns „Vought“ und interessieren sich mehr für Ruhm, Erfolg und Geld als fürs Retten der Welt. Dass Normalsterbliche dabei auch mal zu Schaden kommen können – passiert halt.

Schon jetzt ist „The Boys“ laut Aussage von Amazon eine der meistgesehen Serien des Streaminganbieters und Online-Versandhändlers. „The Boys“ basiert auf der gleichnamigen Comic-Vorlage von Kult-Autor Garth Ennis und Zeichner Darick Robertson. Als 2006 die erste Ausgabe des Comics erschien, war die Frage, „Was, wenn Superhelden böse wären?“ noch relativ neu. Heute ist sie das nicht mehr. Düstere, kaputte Helden haben wir schon in Netflix-Serien wie „Daredevil“, „Jessica Jones“ oder „The Punisher“ gesehen.

„Die firmeneigenen Helden sind Popstars, Meinungsmacher und Polizei in einem“

Die bösen guten Jungs aus „The Boys“ sind aber noch interessanter. Die Serie spielt zwar in einer Welt voller Superhelden, sie präsentiert sich aber auch als Momentaufnahme unserer Gesellschaft. Als die junge Starlight (Erin Moriarty) in das weltberühmte Superhelden-Team der Sieben berufen wird, ist sie außer sich vor Freude – bis Team-Kollege Deep (Chace Crawford) zum Einstand einen Blowjob von ihr fordert. Was in der Comic-Vorlage lediglich dazu diente, die Leserschaft zu schockieren, bekommt im Kontext der #metoo-Debatte eine ganz neue Dimension.

Der Großkonzern Vought, der die Helden managt und kontrolliert, ist mehr Staat als Unternehmen; die firmeneigenen Helden sind Popstars, Meinungsmacher und Polizei in einem. Alle wissen das, aber es ist zu spät, um noch etwas dagegen zu unternehmen. Vought ist aus der Welt von „The Boys“ ebenso wenig wegzudenken wie Google, Facebook und Co. aus unserer. Dieses Bild ergänzt der übermächtige Homelander (Antony Starr). Er ist einer der eingangs erwähnten Helden, die mit übertriebener Gewalt einen Überfall vereiteln. Durch seine schier unermesslichen Kräfte steht Homelander nahezu unangreifbar an der Spitze der Helden-Hierarchie, ist aber auch von allen anderen isoliert. In Stresssituationen reagiert er oft unberechenbar und aggressiv. Letztendlich möchte Homelander nur geliebt werden – stattdessen wird er gefürchtet. 

„Die Serienhelden sind mehr als nur Psychos mit Superkräften; sie sind Zerrbilder unserer selbst“

Die düstere Herangehensweise von „The Boys“ funktioniert, weil die Serienhelden mehr sind als nur Psychos mit Superkräften; sie sind Zerrbilder unserer selbst. Schnell bekommt man das Gefühl, sie zu kennen. Und genau das macht sie so spannend. Superhelden funktionieren immer dann am besten, wenn sie neben fantastischen Kräften und Geschichten auch eine Anbindung an die reale Welt aufweisen könnten. Marvels „X-Men“ etwa gelten seit ihrem ersten Auftreten in den 1960ern als Sinnbild für unterdrückte Minderheiten: Obwohl sie die Menschheit verteidigen, werden sie aufgrund ihrer Andersartigkeit verfolgt und gefürchtet.

Autor Laurence Maslon, der das Buch „Superheroes! Capes, Cowls, and the Creation of Comic Book Culture“ geschrieben hat, erklärte das auch im Gespräch mit dem Guardian: „Superhelden sind unsere Mythen. Es gibt Menschen, die mit mit ihnen aufgewachsen sind; Siebenjährige, die jetzt 57 sind. Sie wollen ihre Helden nicht wegwerfen. Sie interpretieren sie durch die Linse ihrer eigenen Zeit.“ 

Genau das passiert in „The Boys“. Die Serie hält unserer Gesellschaft den Spiegel vor und ist dabei auch noch unglaublich unterhaltsam. Die Superkräfte der Helden wirken als erzählerischer Brandbeschleuniger. Ihre Probleme sind vertraut, aber überzeichnet; ihre Möglichkeiten sind vielfältiger, die Eskalationen dramatischer. Dabei nimmt die Serie mit bitterbösem Augenzwinkern ein Superhelden-Klischee nach dem anderen auseinander. Wer sich schon mal gefragt hat, was wohl passieren würde, wenn ein Held mit Super-Tempo mal kurz nicht auf den Weg achtet oder wie man einen unverwundbaren Helden tötet, findet hier Antworten – Antworten, die ebenso direkt wie schockierend sind.

Die düstere Welt der Serie hat vieles zu bieten. Nur Hoffnung gehört nicht dazu. Siege für die wirklich guten Jungs sind selten. Noch seltener sind sie von Dauer. Auf den finalen Endkampf, in dem die Bösen besiegt werden und das Gute triumphiert, warten wir bei „The Boys“ vergeblich. Aber das macht die Serie, die unsere eigene Realität so effektiv überzeichnet, nur spannender. Schließlich ist für uns auch noch lange kein Happy End in Sicht. Aber: Der Kampf geht weiter. Eine zweite Staffel von „The Boys“ ist bereits bestellt.

  • teilen
  • schließen