Was haben christliche Hardliner gegen Serien wie „Good Omens“?

Dana sagt: „Wenn du den Teufel einlädst, dann kommt er auch.“
Von Victor Redman

Illustration: Federico Delfrati

„Eigentlich ist es ganz einfach“, sagt Dana. „Gott ist mein Vater; ich liebe ihn. Deshalb finde ich natürlich nicht gut, wenn irgendwelche Serienmacher um die Ecke kommen und Mist über ihn erzählen.“ Dana hält kurz inne, als der Kellner ihren Kaffee an den Tisch bringt. Kaum ist er außer Hörweite, spricht sie weiter. „Ich meine, stell' dir mal vor, irgendjemand macht 'ne Serie über deine Familie – und dann schaltest du die erste Folge ein und außer den Namen stimmt gar nichts! Das würdest du doch auch nicht gut finden, oder?“

Dana, die eigentlich anders heißt, besucht eine evangelikale christliche Freikirche in Berlin und glaubt an die wörtliche Wahrheit der Bibel. Sie ist überzeugt, dass die Welt in sieben Tagen erschaffen wurde, dass Jesus am Kreuz starb und nach drei Tagen von den Toten auferstand und dass jeder einzelne von uns eines Tages vor dem jüngsten Gericht stehen wird. Deswegen hat sie wenig übrig für Serien wie „Good Omens“, wo ein Engel und ein Dämon sich verbünden, um den Weltuntergang zu verhindern. Mit der biblischen Lehre hat diese Interpretation christlicher Motive schließlich nur noch wenig zu tun.

Mit ihrer Meinung ist sie nicht alleine. In den USA haben christliche Hardliner sogar eine Petition gestartet, in der sie die Absetzung der Serie forderten. Dummerweise richteten sie die an Netflix statt an Serienmacher Amazon. Große Erfolgschancen hätte die Petition aber vermutlich auch dort nicht gehabt.

Solange das Fantastische sich der biblischen Lehre unterordnet, ist alles in Ordnung

Dana sagt, sie wisse, dass ihre Sichtweise gerade für Nichtgläubige „ziemlich strange“ klingen müsse. Unter anderem deshalb will sie in diesem Text nicht mit ihrem echten Namen erscheinen. Dabei würde sie eine Petition wie die gegen „Good Omens“ gar nicht unterschreiben. „Die Leute sollen gucken, was sie wollen“, findet sie. „Ich verstehe trotzdem nicht, warum man etwas nehmen muss, was anderen Menschen heilig ist, und das dann gezielt lächerlich macht.“

Fantastisches ist auch unter streng gläubigen Christen nicht immer unwillkommen. J.R.R. Tolkiens „Der Herr der Ringe“ steht in vielen christlichen Haushalten im Bücherregal. Der Fantasy-Klassiker wird hier gern als christliche Allegorie verstanden. Noch beliebter sind „Die Chroniken von Narnia“, deren Allegorie noch offensichtlicher ist: Kaum ein Literaturexperte zweifelt daran, dass der tapfere Löwe Aslan der Jesus des Fantasiereichs ist. Solange das Fantastische sich der biblischen Lehre unterordnen lässt, ist alles in Ordnung.

Bei „Harry Potter“ ist das nicht der Fall. Als der Hype um die Geschichte Anfang der 2000er seinen Zenit erreichte, war Harry Potter Thema in zahlreichen Gottesdiensten und Jugendtreffs. Dabei kam er selten gut weg, denn Zauberei wird in der Bibel ausdrücklich verboten. Mit derselben Begründung wurden bereits „Bibi Blocksberg“, „Die kleine Hexe“ oder auch die Anime-Serie „Yu-Gi-Oh!“ aus christlichen Kinderzimmern verbannt. „Benjamin Blümchen“ durfte bleiben – sprechende Tiere gibt es schließlich auch in der Bibel.

Für Dana ist all das ganz logisch. „Ich finde das generell kritisch, wenn aus was Schlechtem was Gutes gemacht wird“, sagt sie. „Ich finde es auch echt schwierig, wenn irgendwelche Serien Drogenbosse oder Auftragsmörder als Helden haben. Ich will nicht in der Situation sein, mit einem Schwerverbrecher mitzufiebern! Das schafft einfach ein schiefes Bild. So, als wäre es okay, kriminell zu sein.“ Besonders skeptisch sieht Dana aber Serien, die okkulte Themen wie Zauberei aufgreifen. Sie ist überzeugt, dass Zauberei ebenso real wie gefährlich ist: „Die Bibel sagt ganz klar, dass es Zauberei gibt. Sie sagt aber auch, dass Zauberei immer was Dämonisches ist. In dem Moment, wo ich als Mensch sage, ich will zaubern, ich will quasi Wunder tun, da will ich mich über Gott erheben. Ich öffne mich einer unsichtbaren Welt, in der es auch Kräfte gibt, die es nicht gut mir meinen. Und das ist brandgefährlich – wenn du den Teufel einlädst, dann kommt er auch.“

Mit Sorgen wie Danas ist Tino Dross vertraut. Er hat über mehrere Jahre das ICF Friedrichshain in Berlin geleitet, eine überkonfessionelle Freikirche also. Obwohl es dort liberaler zuging als in vielen Gemeinden, bestätigt er: Danas Sichtweise ist in der Szene keine ungewöhnliche. „Wenn Dämonen oder Zauberei als etwas Positives dargestellt werden, sehen die Leute das als Verharmlosung. Sie haben Angst, durch die Annäherung an diese dämonische Welt selber quasi dämonisch besetzt zu werden.“

So eine dämonische Besetzung dürfe man sich aber nicht vorstellen wie im Horrorfilm, meint Dana. Das sei zwar möglich; Dämonen könnten aber genauso gut veranwortlich sein für körperliche Gebrechen, für Depressionen oder negative Emotionen. Dämonischen Kräften wird im evangelikalen Denken also ein riesiger Handlungsspielraum zugeschrieben.

Als Homer Simpson den sonntäglichen Kirchgang schwänzte, war das ein Skandal

Die evangelikale Szene in Deutschland wächst. Ihr Einfluss hält sich allerdings in Grenzen, Ansichten wie Danas bleiben die Ausnahme. Ganz anders sieht das in den USA aus: Hier zählt rund ein Viertel der Bevölkerung zu den Evangelikalen. Dementsprechend groß ist auch der gesellschaftliche Einfluss dieser Gruppe.

Noch in den späten Neunzigern taten die meisten Serien deshalb genau das, was Dana sich auch heute wünscht: Sie sparten Themen mit religiösen Anklängen konsequent aus. Zu groß war die Gefahr, Gefühle zu verletzen. Tat eine Serie es doch, ließ das Echo nie lange auf sich warten: Die Evangelikalen demonstrierten, drohten mit Boykott, schrieben eimerweise Brandbriefe an Sender und Werbepartner. Als Homer Simpson in einer frühen Folge der „Simpsons“ den sonntäglichen Kirchgang schwänzte, war das ein Skandal. Sogar US-Präsident George Bush verurteilte die gelbe Fernsehfamilie in einer seiner Reden.

Eine erfolgreiche Grenzüberschreitung gelang 2006 in „Supernatural“. Nachdem die Brüder Sam und Dean in der ersten Staffel vor allem diverse Monster bekämpft hatten, enthüllte die Serie nach und nach ihr biblisches Ausmaß. Neben Dämonen aus der Hölle traten bald auch Engel auf – und die konnten ziemliche Arschlöcher sein. Die Menschheit betrachteten sie nur als Bauern in ihrem Krieg gegen die höllischen Heerscharen. Gott selbst ließ sich gar nicht blicken – die Serie spekulierte, er habe das Interesse an seiner Schöpfung verloren. Die christliche Mythologie derart umzudichten, war ein echter Tabubruch; den Siegeszug des Serienhits konnte er aber nicht mehr bremsen. 2019 geht „Supernatural“ in die 15. und finale Staffel.

In der evangelikalen Szene wurde „Supernatural“ berühmt-berüchtigt. Dana hat keine einzige Folge gesehen, aber trotzdem eine klare Meinung: „Diesen Krieg zwischen Gut und Böse, der da gezeigt wird, den gibt es nun mal wirklich“, sagt sie. „Der findet statt, überall um uns herum. Diese Wahrheit zu nehmen und die so zu verdrehen – das finde ich ganz schlimm. Da wird ein komplett falsches Bild von Gott verkauft und das ist es, was dann am Ende hängen bleibt.“

Für viele moderne Genre-Serien war „Supernatural“ ein Wegbereiter: „Lucifer“ ging 2016 noch einen Schritt weiter und machte kurzerhand den leibhaftigen Teufel zum Serienhelden. In der Amazon-Serie „Preacher“ macht eine Reihe kaputter Charaktere sich auf die Suche nach Gott, um herauszufinden, warum er seine Schöpfung im Stich gelassen hat. Und in „The Chilling Adventures of Sabrina“ wird ganz unumwunden der Teufel angebetet.

 

Für junge Leute ist der Glaube heute immer weniger relevant

Was vor einigen Jahren undenkbar im US-Fernsehen war, findet nun also häufig Platz auf den Bildschirmen. Sicherlich hat das auch damit zu tun, dass für junge Leute, die einen wesentlichen Teil des Serien-Publikums stellen, der Glaube immer weniger relevant ist. Über 30 Prozent der US-amerikanschen Millennials bezeichnen sich inzwischen als Atheistinnen und Atheisten. Die Evangelikalen bleiben eine relevante Größe in den USA; ihre Deutungshoheit aber bröckelt.

Hierfür macht Dana auch die aufgezählten Serien ein Stück weit mitverantwortlich. „Letztendlich ist das Werbung für die andere Seite, also für den Teufel“, findet sie. „Es ist sicherlich nicht immer so gemeint, aber darauf läuft es raus. Viele Leute, vor allem viele junge Leute, wissen eh nicht, was die Bibel eigentlich sagt. Und dann kommen Netflix und Amazon und wie sie alle heißen und verfälschen das auch noch komplett. Da ist es kein Wunder, dass immer mehr Leute sich abwenden von Gott. Man kann das unterhaltsam finden, klar. Ich finde es ehrlich gesagt nur traurig.“

Wer sich die Mühe macht, Danas Überzeugungen verstehen zu wollen, kann ihr Fazit vermutlich nachvollziehen. In ihrem Glaubenskonstrukt sind Engel und Dämonen real und kämpfen täglich um Menschenseelen. Eine beängstigende Vorstellung. Für alle, die diesen Glauben nicht teilen, bleibt das Ganze, wie Dana selbst eingesteht, aber wohl doch einfach nur „ziemlich strange“.

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