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Es ist Freitag, 19 Uhr, ich sitze auf meinem Sofa: Kopf aus, Pizza auf, Laptop hoch und Film ab. Moment. Welchen Film überhaupt? Lieber ne Serie. Better Call Saul vielleicht? Ok, neue Folge schon gesehen. Schade. Dann was anderes. Aber was? Viele bunte Icons und digitale Plakate drängen sich mir auf, buhlen auf der Oberfläche von Netflix um meine Aufmerksamkeit.

Inzwischen fühle ich mich hier wie beim Discounter. Ein Überangebot an Serien sorgt dafür, dass ich vor lauter Reizen nicht mehr weiß, welchem ich nachgeben soll. Diese Auswahl! Und vielleicht passt Kimmy Schmidt ja viel besser zu mir als Dirk Gently’s? Auch wenn ich da nur 75 Prozent Profil-Übereinstimmungen habe. Um mich davor zu schützen, auch nur irgendwas zu verpassen, schaue ich lieber beides an. Aber jeweils nur ein paar Minuten.

Überhört man heute klassische WG-Konversationen à la „Ich habe das ganze Wochenende wieder nur Modern Family geschaut“ oder „Morgen kommt die neue Staffel House of Cards, da melde ich mich erstmal für ein paar Tage ab“ kommt man sich vor wie in einer Welt, wo jeder alles schon gesehen hat. Und so sehr wir wohl eine Generation sind, die das Medium auf der Hype-Welle bis nach Hollywood schießt, so sehr müssen wir uns auch vor Augen führen, dass unser Konsumverhalten langfristig vielleicht einen gegenteiligen Effekt erzielen könnte.

Wir wollen vom Hocker gehauen werden

Binge-watching ist im Übrigen eine ebenso glaubwürdige Liebeserklärung an die Serienkultur, wie ein Sparmenü bei Mc Donalds eine an die Haute Cuisine. Liebloses reinschaufeln und bewusstes konsumieren sind zwei unterschiedliche Sachen. Auch wenn man in beiden Fällen (kurzweiligen) Spaß daran hat. Wenn wir alles von Vor- bis zum Abspann einen Tag nach Release wegbingen, kann keine Kultur erhalten bleiben, die die Kunstform zu schätzen weiß. Ebenso, wenn wir Serien nach ein paar Minuten wieder wegklicken, auf der Suche nach etwas, das noch viel genauer unserem Geschmack entspricht.

Wenn ich eine neue Serie schaue, ertappe ich mich immer öfter dabei, schon nach ein paar Minuten mit den Gedanken woanders zu sein. Bei Bewertungen auf IMDB, alternativen Vorschlägen oder kaum im Zusammenhang stehenden Artikeln auf Wikipedia. Aus Erschöpfung durch den Entscheidungs-Wahnsinn zieht es mich dann oft zu Altbekanntem. Scrubs zum siebten Mal vielleicht. Da weiß ich wenigstens, was ich habe. Kann natürlich nur mir so gehen, glaube ich aber nicht. Wir vergessen, dass Serien ein Medium sind, das einer gewissen Hingabe bedarf. So sehr sie in ihrer gestückelten Form auch auf unseren hastigen, modernen Lifestyle zugeschnitten wirken mögen. Der seriellen Erzählform muss man sich länger als ein paar Minuten der ersten Folge widmen. Mitunter auch länger als ein paar Folgen.

Ich erinnere mich da zurück an Grey’s Anatomy, Breaking Bad oder auch Game of Thrones. Allesamt glorreiche Serien. Bei jeder brauchte ich aber auch meine paar Folgen bis hin zu einer Staffel, um mich wirklich in die Charaktere, die Story, das Drumherum und alles Überhaupt zu verlieben. Diese Chance geben wir Serien heute eher selten. Ich habe das Gefühl, dass einen die erste Folge inzwischen (im Glücksfall schon die ersten Minuten) so derbe vom Hocker hauen muss, dass man keine andere Wahl hat, als gleich zwei Tage vorm Bildschirm dahinzuvegetieren.

Wettrennen um originellen Content

Es wird uns aber auch viel zu einfach (oder schwer, je nach Auslegung) gemacht: Netflix, Amazon und Co. überfluten seit Jahren unsere Bildschirme mit bald zahllosen Eigenproduktionen. Bis zum Jahresende will Netflix laut Content-Chef Ted Sarandos das ehrgeizige Ziel von 1000 Eigenproduktionen erreicht haben. Eintausend! Das hat er auf einer Konferenz im Mai in New York gesagt. Ein Großteil des Content-Etats, der Netflix 2018 zur Verfügung steht, satte acht Milliarden Dollar, werde für eigene Inhalte verwendet.

Es ist nichts falsch daran, den Markt divers, die Kunden bei Laune und das Angebot aktuell zu halten. Stagnation ist Rückschritt. Aber zu viel Fortschritt auch. Jedenfalls in der Art, wie die Streaming-Giganten versuchen, ihn uns aufzudrängen.

Wir befinden uns in einem perversen Wettrennen um möglichst originellen Content. John Landgraf, CEO von FX Networks, einem amerikanischen Pay-TV-Sender, hat Anfang 2016 eine Liste mit den begleitenden Worten „too much television“ vorgestellt, die alle im Jahr 2015 in Amerika gelaufenen Primetime-Serien aufzählt. Diese umfasst allein 412 fiktionale Serien aus Eigenproduktionen. Dazu kommen Dokus, Reality-Shows und und und. Am Ende schlagen mehr als 1400 Primetime-Serien zu Buche. In den vergangenen beiden Jahren sind die Zahlen noch gestiegen. Auf 455 im Jahr 2016 und 487 im Jahr 2017.

Das Fast Food der Millenials

Die Zahl der Möglichkeiten, wie wir unsere knapp bemessene Zeit und Aufmerksamkeit investieren können, steigt ins Unermessliche.

Und dazu noch diese „Übereinstimmungen“, angegeben in Prozent. Jeglicher Vorbehaltlosigkeit und reiner, unbefangener Vorfreude wird man beraubt. Ich habe, wenn auch unterbewusst, schätzungsweise selten auf eine Serie geklickt, die unter 50 Prozent Übereinstimmung hatte. Dem steht der Gedanke im Weg, dass es gerade, in just diesem Moment, noch etwas geben muss, das viel besser meine momentanen Vorlieben auffängt als das, was ich da gerade vorhabe mir anzutun.

Ich hätte nie ein Utopia geschaut, wenn ein aufgeregter Verkäufer mir kurz vorm Kauf noch einen 43-Prozent-Übereinstimmung-Sticker auf die DVD-Hülle gepatscht hätte. Zum Glück hat er das nicht getan.

Bestimmt gibt es zu jeder Zeit irgendwo irgendwas, das einen Tick weit besser auf uns zugeschnitten ist. Aber der Anspruch, genau das auf der Stelle finden zu müssen, der ist neu. So klicken wir Serien weg, denen wir ein paar Minuten statt ein paar Folgen geben, nur um mit den Alternativen auch nicht zufrieden zu sein und uns Altbekanntem zu zuzuwenden. Da bleiben viele neuere Produktionen, die nicht zufällig über ein immenses Werbebudget verfügen, leider außen vor. Die unausweichliche Konsequenz ist dann die vorzeitige Absetzung.

Bei dem ganzen Hin und Her ist Schritt halten schwierig. Da kommt niemand mehr mit. Wie denn auch? Serien dürfen nicht zum Fast Food der Millenials verkommen. Wir müssen sie ausgewählter und bewusster konsumieren. Und nicht so gedankenlos.