Stalking ist nicht romantisch

Trotzdem wird das in Filmen immer wieder so dargestellt. Wir müssen genauer hinschauen. Eine neue Folge von „The Female Gaze“.
Von Nhi Le
the female gaze stalking

In Filmen wie „Verrückt nach Mary“ und „Twilight“ wird Stalking romantisiert. Nhi Le findet, das muss aufhören.

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke; Foto: 20th Century Fox / dpa, Filmverleih

In „The Female Gaze“ kommentiert und analysiert Nhi Le Filme, Serien und andere medien- und popkulturelle Phänomene aus feministischer und anti-rassistischer Sicht. Mit einer Expertise aus Wissenschaft und Subreddit-Abos hinterfragt sie alle zwei Wochen gängige Narrative und Darstellungen aus der Medienwelt. „The Female Gaze“ setzt dem traditionellen Blick auf Medienkultur etwas entgegen.

Ab und zu twittern Männer, dass sie im Alltag immer wieder die gleiche schöne Frau sehen und total von ihr angetan sind. Das Folgende entnehme ich echten Tweets: Manchmal beobachten sie sie, um später so tun zu können, als hätten sie gleiche Interessen. Manchmal fahren sie ihnen hinterher, um nach einem Date zu fragen. Manchmal versuchen sie, den Arbeitsplatz der Frau ausfindig zu machen – um sie dann dort besuchen zu können. Ich kann nicht beurteilen, ob es sich um reale Vorfälle oder doch nur eine Fantasie à la Ausdenktwitter handelt. Fakt ist, dass diese Tweets immer eine Menge Zuspruch bekommen und von vielen als romantisch verstanden werden. „Sehr cool, Liebe will riskiert sein!“, „Genial, wie aufregend“ oder „Toll, dachte sowas gibt es nur im Film“ – Solche Kommentare stehen unter einem Tweet, in dem der Verfasser behauptet, lange eine Frau und ihren Musikgeschmack beobachtet zu haben, um sie auf das „richtige“ Konzert bitten zu können. Ich finde diese Szenarien nicht süß, sondern gruselig.

Sie sind beispielhaft dafür, wie sehr übergriffiges Verhalten von Männern gegenüber Frauen in unserer Gesellschaft verharmlost und romantisiert wird. Der Ursprung dieser Romantisierung liegt meiner Meinung nach unter anderem darin, dass „Hartnäckigkeit“ beim Dating in Rom-Coms und Liebesfilmen fast immer als etwas Positives dargestellt wird. Die Liste an Beispielen ist lang, einige besonders bekannte Filme sind  „Tatsächlich … Liebe“, „Verrückt nach Mary“ oder „Wie ein einziger Tag“. Gezeigt werden Männer, die ihren nichtsahnenden oder ablehnenden Crush beobachten und verfolgen.

Statt die manipulativen Handlungen der Männer zu problematisieren, werden sie als romantische Unbeirrte dargestellt

Bei „Tatsächlich … Liebe“ ist Mark heimlich in Juliet, die Frau seines besten Freundes, verliebt. Das Geheimnis wird gelüftet, als sich Juliet das von Mark angefertigte Video ihrer Hochzeit anschaut. Sie stellt fest, dass es nur aus Nahaufnahmen ihres Gesichtes besteht. Das findet sie offenbar nicht verstörend, sondern am Ende irgendwie süß. In „Wie ein einziger Tag“ droht Hauptfigur Noah, sich von einem Riesenrad fallen zu lassen, wenn Allie, die ihn vorher abgewiesen hatte, nicht mit ihm ausginge. Extrem unter Druck gesetzt, lässt sie sich letztlich auf ihn ein. Im Verlaufe des Filmes kommen die beiden zusammen. In „Verrückt nach Mary“ wird die Protagonistin von vier verschiedenen Männern verfolgt, teils über Jahre hinweg – drei werden als wahnsinnig oder unsympathisch geframt, einer wird letztlich jedoch für seine Hartnäckigkeit belohnt und „erobert“ sie.

Statt die manipulativen Handlungen der Männer zu problematisieren, werden die Männer aber nicht abgestraft, sondern als romantische Unbeirrte dargestellt, die am Ende Erfolg mit ihren Avancen haben. Vermittelt wird: Wer nur lang genug dranbleibt, wird für seine Hartnäckigkeit belohnt. Was in der Karriere vielleicht wirklich förderlich ist, ist auf zwischenmenschlicher Ebene aber toxisch. Denn an einem „Nein“ sollte man nicht rütteln. Es bedeutet Ablehnung und nicht etwa: „Nein, aber überzeug mich doch“ oder „Ja, aber ich kann es nicht ausdrücken“. Die meisten Menschen wollen, nachdem sie abgelehnt haben, einfach ihre Ruhe und ganz sicher nicht erobert werden.

Die Gefahr von medialer Stalking-Verharmlosung ist auch wissenschaftlich belegt. Eine 2018 veröffentlichte Studie der Forscherin Julia Lippmann der University of Michigan hat die Effekte medialer Darstellung von Stalking untersucht. Eine erste Gruppe schaute Stalking-romantisierende und eine zweite Gruppe eher Stalking-problematisierende Filme. Das Experiment bewies, dass überwiegend jene, die die positiven Darstellungen für realistisch hielten, Stalking befürworteten. Sie hielten „Stalking Myths“ wie „Stalking ist eine Form von Liebe“ für richtig.

Die Beziehung zwischen Bella und Edward in der Twilight-Saga baut auf toxischem Verhalten auf

Tatsächlich sind es aber nicht nur Rom-Coms, die Stalking und Übergriffigkeit verharmlosen. Die Beziehung zwischen Bella und Edward in der Twilight-Saga, einer Fantasy-Reihe, baut beispielsweise ebenfalls auf toxischem Verhalten auf. Auch wenn Bella ebenso Interesse an Vampir Edward hat, so gibt es keine Entschuldigung dafür, wie er ihr zu Beginn der Filme an Orte folgt, sie im Schlaf beobachtet und im Laufe der Filme aus Eifersucht und Besitzanspruch von Familie und Freund*innen abschirmt.

Als die Twilight-Saga erschien, war ich Teenagerin und großer Fan. Ich dachte, dass derartig aufmerksames, fast schon obsessives Verhalten ja nur das Ausmaß der Liebe und Zuneigung zeigen würde. Dabei ist emotionale Manipulation und Kontrolle nie romantisch. Mein Verständnis von Romantik änderte sich schnell, nachdem ich realisierte, wie toxisch in Komplimente gewebte Schuldzuweisungen sind. Ich erlebte, wie Typen ihre Unsicherheiten und Eifersucht auf ihre Partnerinnen projizierten. Doch statt an sich zu arbeiten, kompensierten sie ihre Übergriffigkeit mit Beleidigungen, Vorwürfen und Kontrollsucht. Ich merkte, dass dieses Verhalten emotional missbräuchlich war und nichts mit Liebe zu tun hat.

Der eklatanteste Fall von filmischer Stalking-Verharmlosung kam mir kürzlich unter, als ich einen Science-Fiction Film geschaut habe. Als Fan von Space-Movies wie „Interstellar“ und „Arrival“ wollte ich „Passenger“ eine Chance gebe. Im Trailer sah es so aus, als würden die zwei Protagonist*innen unter mysteriösen Umständen aus ihrem zeitüberbrückenden Kälteschlaf auf einem Transport-Raumschiff aufwachen. Tatsächlich ist aber folgendes passiert: Der zu früh aufgewachte Protagonist hatte sich in die schlafende Protagonistin verliebt und sich in selbstsüchtigster Manier dazu entschieden, die Frau ebenso frühzeitig aufzuwecken. Er verheimlicht es ihr, sie verlieben sich, sie findet es raus, ist eine Weile lang sauer, nur um dann doch wieder mit ihm zusammenzukommen und sich ein möglichst schönes Leben auf dem Raumschiff zu machen – Übergriffigkeit im Weltall!

Auch Frauen können toxisch oder Stalkerinnen sein, das passiert auch im Film

Aber es sind ja nicht immer nur die Männer. Auch Frauen können toxisch oder Stalkerinnen sein, das passiert auch im Film: zum Beispiel in „Schlaflos in Seattle“, wo sich Annie in dem im Radio zu hörenden Sam verliebt. Im Laufe des Filmes fliegt Annie unter dem Vorwand eine Recherche durchführen zu wollen, an Sams Wohnort. Sie will ihm nah sein und taucht sogar vor seinem Haus auf.

Übergriffigkeit ist geschlechtsunabhängig. Wer deshalb aber „argumentieren“ will, dass der Fokus auf meist männliche Übergriffigkeit unhaltbar ist, ignoriert nicht nur die popkulturelle Verharmlosung von männlichem Verhalten, sondern auch gesellschaftliche Machtverhältnisse. Frauen werden deutlich öfter von Männern gestalkt als andersherum, sie werden Opfer von Gewalt in der Beziehung und viel zu oft sogar getötet.

Ich finde, dass wir die Gefahr der partnerschaftlichen Übergriffigkeit und des Stalkings ernster nehmen müssen. Da hilft es nicht, wenn Rom-Coms, also das Genre, das Liebe darstellt, aber auch andere Filme, Serien und überhaupt popkulturelle Produkte, toxisches Verhalten als Romantik darstellen. Zwischenmenschliche Beziehungen funktionieren am besten auf Augenhöhe. Sie sollten auf Einvernehmlichkeit und Respekt, nicht auf Manipulation und Druck aufbauen.

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