Kopf oder Bauch – wer fällt die besseren Entscheidungen?

Unsicherheiten, welchen Weg man einschlagen soll, hat jede Person. Entscheidungsfindung kann man aber üben.
Von Johanna Bouchannafa

Illustration: FDE

Als ich gerade mit der Uni fertig war, hatte ich das Gefühl, das genau jetzt der Moment ist, in dem ich mein restliches Leben gestalte. Wie werden meine nächsten Lebensjahre aussehen? Vielleicht ein sicherer Job in irgendeiner Agentur, festangestellt, Kaffee und Obst für alle Mitarbeiter gratis? Oder sollte ich auf Sicherheit pfeifen und auf mein Bauchgefühl hören? Als freie Journalistin arbeiten, Artikel in Cafés schreiben und mir meine Freiheit bewahren?

Mein Kopf hatte eine eindeutige Meinung: Sicherheit geht vor und die laschen Studentenjahre sind jetzt vorbei. Was bedeutet schon vermeintliche Freiheit, wenn man jeden Monat ein Gehalt auf dem Konto hat, dass einem das Überleben sichert? Von diesem Argument lies mein Bauch sich allerdings nicht so einfach überzeugen. Jeden Morgen pünktlich im Büro, die immer gleiche Routine, täglich grüßt das Murmeltier – so ein Leben könnte ich noch früh genug führen. Jetzt noch etwas ausprobieren und riskieren, bevor der Berufsalltag mich komplett in der Hand hat, schien verlockender.

Und während mein Kopf und mein Bauch miteinander rangen, wer nun recht hat, fragte ich mich, auf wen ich hören sollte? Nicht nur in Jobfragen, sondern generell. Auch was Wohnen und Beziehungen angeht. Ist es romantisch oder masochistisch, kurz vor meinem Auslandsaufenthalt eine neue Beziehung anfangen? Und ist es ok, bereits nach ein paar Monaten mit dem neuen Partner zusammenzuziehen?

Wie treffe ich bessere Entscheidungen? Entscheidungen, die mich glücklich machen. Lieber mit dem Bauch oder dem Kopf?

Henning Plessner ist Professor für Sportpsychologie an der Universität Heidelberg und beschäftigt sich unter anderem mit der Frage, wie wir Entscheidungen fällen. Mein Kopf-Bauch-Dilemma nennt Plessner Intuition und Deliberation. Deliberation bedeutet, dass man über eine Entscheidung gründlich nachdenkt und Argumente abwägt. Intuition, das wir eher nach Gefühl entscheiden. „Viele Erfahrungen, die wir täglich machen, werden im Gedächtnis gespeichert, ohne das uns das bewusst ist. Sie können sich aber später in einem Gefühl ausdrücken. Zum Beispiel, dass man eine positivere oder negativere Einstellung gegenüber Dingen hat. Wenn man dieses Gefühl, dessen Ursprung man sich nicht bewusst ist, für Entscheidungen nutzt, dann spricht man von intuitiven Entscheidungen“, erklärt Plessner.

Nur weil ich als Jugendliche oft auf meinen Bauch gehört habe, muss das nicht so bleiben

Unsere bisherigen Erfahrungen sorgen nicht nur dafür, dass wir eine ganz persönliche Intuition entwickeln, sondern beeinflussen auch, ob wir bei Entscheidungen eher auf den Kopf oder den Bauch hören. „Es gibt Menschen, die eher eine Präferenz für Intuition oder Deliberation haben. Die bildet sich wahrscheinlich schon im Kindes- und Jugendalter heraus. Einfach dadurch, dass man mit der einen Entscheidungsstrategie erfolgreicher war.“ Mit unserem Alter wächst aber auch der Anspruch an unsere Entscheidungen. Die eigene Entscheidungsstrategie führt dann nicht immer auch zu den besten Ergebnissen. Nur weil ich als Kind oder Jugendliche gut damit gefahren bin, auf meinen Bauch zu hören, muss das nicht bedeuten, dass ich auch wichtige Jobentscheidungen so treffen sollte. Andererseits sollte man die eigene Intuition auch nicht ignorieren.

Plessner rät, sich dann auf die eigene Intuition zu verlassen, wenn es um Szenarien geht, in denen man sich richtig gut auskennt. Hat man allerdings noch nicht so viele Entscheidungserfahrungen in dem jeweiligen Bereich gemacht, ist der Kopf ein kompetenterer Ansprechpartner. „Gerade bei so etwas wie Job oder Studiengang gibt es ja meistens wenige eigene Erfahrungen – da sollte man lieber viele Informationen einholen und explizit abwägen“. Aber genau so, wie man den Kopf mit Informationen füttern kann, kann man auch der eigenen Intuition Nährstoff für Entscheidungen liefern. Beim Thema Job empfiehlt Plessner deshalb, mit Praktika und ersten Berufserfahrungen ein Gefühl für die Arbeit zu bekommen.

Die wenigsten Entscheidungen sind für die Ewigkeit

Letztendlich sollte man Bauch und Kopf bei Entscheidungsfragen jedoch nicht als Engelchen und Teufelchen sehen, die in jedes Ohr einen anderen Lösungsweg flüstern. Stattdessen können die zwei wunderbar zusammenarbeiten. Wenn das schwerfällt, hat Plessner einen ultimativen Tipp: „Am besten notiert man sich seine spontane Reaktion und fängt dann erst an nachzudenken, was man lieber machen würde. So kann man später abgleichen, ob es überhaupt einen Unterschied zwischen der intuitiven und der deliberativen Entscheidung gibt. Und falls doch, in welche Richtung der Unterschied besteht“.

Denn Kopf und Bauch sind gleichermaßen wichtig, damit wir in allen Lebenslagen Entscheidungen fällen, die uns auch langfristig glücklich machen. Zu verstehen, warum wir in die eine oder andere Richtung tendieren, kann uns außerdem die Angst vor Entscheidungen nehmen. Und die ist doch eigentlich sowieso grundlos. Denn die meisten Entscheidungen sind nicht für die Ewigkeit. Direkt nach dem Studium habe ich auf meinen Bauch gehört und als Freiberuflerin gearbeitet. Langsam scheinen Bauch und Kopf in meinem Fall aber immer öfter einer Meinung zu sein. Eine Festanstellung kann sich inzwischen sogar mein Bauch ganz gut vorstellen.

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