Peggy tätowiert kostenlos Menschen, die sich selbst Verletzungen zugefügt haben

Die 26-Jährige sagt: Die Narben bedeckt zu sehen, hilft vielen Menschen sehr.
Von Sophie Aschenbrenner

Peggy in ihrem Studio „Stichgebiet“ in Leipzig.

Foto: Sophie Aschenbrenner

Gerötet, vernarbt und voll schmerzender Erinnerungen: Miriam weiß noch genau, wie ihre Arme vor ein paar Jahren aussahen. Mit 15 begann die heute 33-Jährige, sich selbst zu verletzen – sie wurde von ihren Eltern sowohl seelisch als auch körperlich missbraucht. Jeder Blick auf diese Narben war eine Erinnerung an damals, erzählt die Leipzigerin. Das ist heute anders. Statt von Narben sind Miriams Arme mittlerweile größtenteils von Tattoos bedeckt – eine Erleichterung für sie. „Es ist einfacher, ein Tattoo zu erklären als Narben zu erklären“, sagt Miriam. Immer wieder wurde sie auf die Narben angesprochen, auch von Fremden. „Ich möchte nicht mit allen Menschen darüber sprechen, da bin ich immer extrem in Erklärungsnot.“

Genau hier setzt die 26-jährige Tätowiererin Peggy aus Leipzig an. Sie hat selbst Erfahrungen mit selbstverletzendem Verhalten und Depressionen, weiß genau, wie sich das anfühlt. Sie möchte helfen und fand ihren eigenen Weg, sich sozial zu engagieren: In ihrem kleinen Tattoo-Studio in der Leipziger Südvorstadt bietet sie Opfern von Gewalt kostenlose Tattoos an. In Zusammenarbeit mit dem Leipziger Verein „Frauen für Frauen“ hängte sie vor zwei Jahren Plakate von ihrer Aktion auf, bald kamen die ersten Interessentinnen. Heute gibt es eine lange Warteliste, Frauen und auch Männer reisen aus ganz Deutschland zu Peggy, um sich ihre Narben von einem Tattoo bedecken zu lassen. Drei bis vier dieser kostenlosen Tattoos schafft die 26-Jährige pro Monat, insgesamt sind es schon etwa 70 Stück. Getragen wird das Angebot von den Kunden, die für ganz normale Tattoos zu Peggy kommen. „Ohne sie könnte ich keine Tattoos gegen Gewalt anbieten“, meint die 26-Jährige. 

Viele entschuldigen sich für das, was sie erlebt haben

„Ich habe die total naive Vorstellung, dass ich diese schreckliche Welt dadurch ein bisschen besser machen kann“, sagt Peggy. Sie sitzt mit Mütze und bunt gefärbten Haaren hinter dem Tresen ihres Studios, es heißt Stichgebiet, das Symbol ist eine kleine, freundlich lächelnde Biene. An den Wänden hängen Zeichnungen und Tattoo-Entwürfe, in der Ecke steht ein großes Aquarium. 

Was die Tätowiererin besonders mitnimmt: „Sehr schlimm ist, wenn junge Mädchen zu mir kommen, die einen Körper haben, der von oben bis unten zerschnitten ist. Ich frage mich: Was muss da vorgefallen sein, wenn ein 16-jähriges Mädchen ihren Körper völlig zerstört hat – einfach aus Schmerz?“, sagt Peggy. Wegschauen fällt ihr schwer, und sie weiß: Viele der Menschen, die sie tätowiert hat, wird sie nie vergessen. Manche wollen nicht über ihre Narben sprechen, andere haben das Bedürfnis, alles zu erzählen. Immer wieder muss sie auch Anfragen zurückweisen – wenn die Narben noch nicht richtig verheilt sind, zum Beispiel, oder die Person in therapeutischer Behandlung ist. „Viele entschuldigen sich dafür, dass sie erlebt haben, was sie erlebt haben, und fühlen sich verpflichtet, mir zu erzählen, was passiert ist.“ Die meisten hätten große Probleme, die eigenen Narben zu zeigen. Umso wichtiger sei es, selbstverletzendes Verhalten nicht totzuschweigen. Peggy findet: Das Thema sollte auch in der Öffentlichkeit breiter diskutiert werden, wir sollten alle sensibler werden.

Miriam ist froh, ihre Narben nicht mehr jeden Tag zu sehen.

Foto: Privat

Für die meisten ihrer Kundinnen und Kunden sind die Tattoos eine wirkliche Hilfe, auch für Miriam. „Ich habe durch die Narben immer und immer wieder daran gedacht, dass ich mir das angetan habe. Das Tattoo dagegen ist ein schönes Motiv, und ich freue mich, wenn ich es anschaue“, erzählt sie. Um die Narben unter den Tattoos zu erkennen, muss man richtig hinschauen. „Da muss ich mich selber aktiv daran erinnern.“ Nicht jede Narbe kann über-tätowiert werden, manchmal ist das Gewebe zu empfindlich, manchmal würde die Tattoo-Farbe nicht halten und zu sehr verlaufen. Außer Peggy gibt es in Deutschland nicht viele Tätowiererinnen und Tätowierer, die sich auch auf Narben-Tattoos spezialisiert haben. Die 26-Jährige wünscht sich manchmal, es wären mehr, denn sie ist sich sicher: Es lohnt sich.  

Ein Tattoo schützt vor abwertenden Blicken 

Manche ihrer Kundinnen und Kunden haben beim Anblick des frischen Tattoos Tränen in den Augen, anderen merkt Peggy die Emotionen nicht an. Die meisten aber melden sich danach noch einmal: Sie schicken Dankeskarten oder sogar kleine Geschenke. „Wichtig ist, dass die Menschen wegen der Narben nicht mehr verurteilt oder angestarrt werden. Viele fühlen sich abgewertet, werden immer wieder unsensibel auf die Narben angesprochen. Ein Tattoo schützt davor“, ist sich Peggy sicher.

Auch das erste Tattoo, das sich Leipzigerin selbst stechen ließ, sollte etwas bedecken: Die große Narbe an ihrem Rücken stammt von einer Operation. „Damals wollte ich noch Floristin werden. Deswegen habe ich mir Blumen stechen lassen“, erzählt Peggy. Heute sind die Narben-Tattoos ihr eigener Weg, sich sozial zu engagieren. 

Irgendwann im Lauf des Gesprächs holt die Tätowiererin noch eine Karte aus einer Ecke ihres Studios, die auf einen Blick zusammenfasst, was ihre Arbeit vielen Menschen bedeutet. Eine Kundin hat sie ihr vor einiger Zeit geschenkt, Peggy will sie noch rahmen und aufhängen. Die Karte ist selbstgebastelt, eine zarte Blume ist darauf gezeichnet, und dazu das Zitat: „The world gives so much pain – and here you are, making gold out of it.“

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