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Illustration: Federico Delfrati

Da sind sie wieder, die Schreie aus der Nachbarwohnung. Das Poltern. Und das leise Gefühl: Das ist mehr als ein normaler Streit. Schlägt der Mann von nebenan seine Freundin? Was kann und was sollte ich als Nachbar tun, wenn ich das vermute? Die Polizei rufen, die dann vielleicht zu spät oder auch ganz umsonst kommt? An der Tür klingeln – und dann was genau sagen? Oder einfach abwarten, bis es wieder ruhig wird?  

Laut Statistik des Bundeskriminalamtes wurden 2017 etwa 69.100 Menschen in Deutschland Opfer häuslicher Gewalt. Der Großteil von ihnen, nämlich 81 Prozent, sind Frauen. Sie werden bedroht, geschlagen, vergewaltigt, ermordet. Die Dunkelziffer liegt Schätzungen zufolge deutlich höher. Nach Angaben des Bundesamts für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben wurde jede vierte Frau im Alter von 16 bis 85 Jahren bereits einmal in ihrem Leben von ihrem Lebensgefährten oder Ex-Lebensgefährten misshandelt.  

Dass das dem eigenen Nachbarn tatsächlich passiert, ist also nicht unrealistisch. Dann sollte man auf jeden Fall eingreifen, sagt Sabine Stövesand, Professorin für Soziale Arbeit an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Sie arbeitete lange in einem Frauenhaus und merkte dort: Aufmerksame Nachbarn sind für Opfer häuslicher Gewalt unheimlich wichtig. Deswegen gründete sie „StoP“ – „Stadtteile ohne Partnergewalt“, ein Nachbarschaftsprojekt gegen häusliche Gewalt. „Im Frauenhaus habe ich eine Frau begleitet, die von ihrem Mann schwer misshandelt wurde, sie hatte fünf Kinder. Aber sie ist in die Wohnung zurückgegangen. Weil sie in der Nachbarschaft so viele Menschen hatte, die sie unterstützt haben“, erzählt Stövesand. Die Nachbarn hatten in der Vergangenheit eine Telefonkette organisiert, die aktiviert wurde, wenn die Frau Hilfe brauchte, oder vor der Wohnung Wache gesessen, um dem Mann zu zeigen: Wir sind da. „Diese Geschichte hat mich inspiriert.“  

Wichtig: die Situation unterbrechen

StoP gibt es in fünf verschiedenen Hamburger Vierteln, in Dresden und in Wien. Es wirkt, sagt Stövesand, macht die Menschen sensibler für das Thema häusliche Gewalt. „Es gibt eine große Lücke zwischen den Betroffenen und dem Hilfesystem. Dafür braucht es eine Brücke. Diese Brücke können Nachbarn sein“, sagt Stövesand. Will heißen: Viele Betroffene wissen nicht einmal, dass es Hilfsangebote wie das bundesweite Hilfetelefon und lokale Frauenhäuser gibt. Als Nachbar kann man da helfen.

Aber wie erkennt man so einen konkreten Fall? Was tun, wenn man vermutet, dass der Nachbar nebenan gerade handgreiflich wird? Stövesand sagt: Wichtig ist es vor allem, die Situation zu unterbrechen: „Lieber einmal zu viel die Polizei rufen als einmal zu wenig.“ Alternativ empfiehlt sie, unter einem Vorwand zu klingeln und zum Beispiel nach einem Handyladekabel zu fragen, oder ganz klassisch nach Zucker oder Eiern zum Kuchen backen. Céline Sturm, Referentin für Kriminalprävention von der Opferschutzorganisation Weißer Ring, mahnt aber auch zur Vorsicht: „Wenn man das Gefühl hat, dass der Täter gewalttätig ist, kann es gefährlich sein, allein zu klingeln. Da sollte man immer auf das eigene Bauchgefühl hören und möglichst vermeiden, sich selbst in Gefahr zu bringen.“ Sie sagt: „Immer die Polizei rufen, wenn man vermutet, da passiert gerade eine Straftat.“  

Gute Nachbarschaft kann gute Kriminalprävention sein

„Opfer sind in einer Falle, aus der sie alleine nicht herausfinden“, betont Céline Sturm. „Sie sagen sich: Morgen entschuldigt er sich wieder, später wird er sich anders verhalten, er ist eben eifersüchtig, wir haben doch die Kinder zusammen. Und viele wissen gar nicht, wo sie Hilfe bekommen können.“ Deswegen sei es wichtig, über den eigenen Schatten zu springen, vermeintliche Opfer anzusprechen, zu zeigen: Ich merke etwas. Und ich möchte das nicht zulassen. Wer sich alleine nicht traut, kann sich mit anderen Nachbarn zusammenschließen.  

Hört man nicht regelmäßig einen Streit, merkt aber, dass eine Nachbarin ein blaues Auge oder immer wieder blaue Flecken oder sonstige Verletzungen hat, raten beide Expertinnen dazu, das vermeintliche Opfer alleine anzusprechen und behutsam nachzufragen, ob alles in Ordnung ist. Doch was, wenn dann eine Ausrede kommt? „Wenn man jemanden anspricht und der dann sagt, er sei doch nur die Treppe runtergefallen, und man glaubt das nicht, kann man sagen: ‚Okay, du bist die Treppe runtergefallen. Aber wenn du mal Hilfe brauchst, kannst du zu mir kommen’, oder anbieten, gemeinsam zum Arzt zu gehen“, sagt Sturm. Ist es im Haus sehr anonym, empfiehlt Stövesand, Flyer oder ein Plakat von einem Hilfsangebot wie dem Hilfetelefon im Haus aufzuhängen, oder die Flyer einfach in alle Briefkästen zu werfen. Für das Thema im Haus und unter Nachbarn zu sensibilisieren, sei unheimlich wichtig, sagt Sturm: „Eine gute Nachbarschaft kann bereits gute Kriminalprävention sein.“  

Kurz zusammengefasst – diese Strategien können helfen:

  • (Vermeintliche) Gewaltsituationen unterbrechen, mit einem Vorwand an der Tür klingeln, die Polizei anrufen.
  • Das Opfer alleine ansprechen und deutlich machen, dass man etwas gemerkt hat. Anbieten, gemeinsam zum Arzt zu gehen. Signalisieren, dass man vertrauenswürdig ist.  
  • Auf Hilfsangebote aufmerksam machen, indem man Flyer oder Plakate im Hausflur aufhängt. Alternativ dem vermeintlichen Opfer so einen Flyer in die Hand drücken, mit der Ausrede: „Ich habe von denen heute so viele bekommen. Ich gebe dir auch mal einen.“
  • Insgesamt: aufmerksam sein, Augen und Ohren nicht verschließen, mit anderen Nachbarn sprechen.    

Hier gibt es bundesweit Hilfe:

Das Hilfetelefon des Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben ist täglich 24 Stunden kostenlos erreichbar: 08000 116 016. Bundesweit erreichbar, kostenfrei und anonym ist ebenfalls das Hilfsangebot des Weißen Rings: Täglich von 7 bis 22 Uhr erreichbar: 116 006.

Hier gibt es eine Auflistung anderer Hilfsangebote sowie von Frauenhäusern in ganz Deutschland, hier gibt es Informationen des Weißen Rings.

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