Wie geht Urban Jungle nachhaltig?

So wird das grüne Zuhause auch wirklich „grün“.
Von Katharina Steinhäuser

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke / Fotos: Jannoon028 / Freepik

Zimmerpflanzen gehören mittlerweile in jede gut gestylte Instagram-Wohnung. Unter Hashtags wie #Plantstagram oder #Indoorjungle zeigen Plantfluencer*innen ihre teilweise dreistellige Sammlung grüner Mitbewohnerinnen, filmen sich beim Umtopfen und geben in Pflanzen-Sprechstunden Pflegetipps. Da bekommt man schnell Lust, auch das eigene Wohnzimmer mit Monstera, Calathea oder anderen beliebten, exotisch klingenden Pflanzen zu verschönern. Leider ist dieser vermeintlich „grüne“ Trend oft wenig nachhaltig.

„Zimmerpflanzen als auch Stauden für Balkon und Garten kommen zu etwa 80 Prozent aus dem Ausland. Sie werden zum Beispiel in Afrika, Lateinamerika oder Israel produziert, weil es dort wärmer ist“, erklärt Corinna Hölzel vom BUND. Die Arbeitsbedingungen auf diesen Plantagen beschreibt die Expertin als katastrophal. Die Pflanzen würden häufig mit Pestiziden behandelt, die in Deutschland seit Jahren verboten seien. Diese vergiften vor Ort Mitarbeiter*innen, Böden und Insekten. Die Arbeiter*innen kommen in direkten Kontakt mit den Mitteln, da es an Aufklärung über die Gefahren und Schutzkleidung mangelt. Mögliche Folgen: Vergiftungen, Verätzungen, Missbildungen, Unfruchtbarkeit. Um diese Missstände nicht zu unterstützen rät Corinna Hölzel, sich vor dem Kauf immer über die Herkunft der Pflanzen zu informieren.

„Je exotischer die Pflanze, desto schwerer ist es, sie ohne chemische Dünger oder Pestizide hinzukriegen“

Woher die Pflanzen im Baumarkt oder Gartencenter stammen, ist allerdings gar nicht so leicht herauszufinden. „Die Jungpflanzen kommen aus dem Ausland und werden in Deutschland weiter aufgezogen, daher muss beim Endprodukt keine Kennzeichnung erfolgen“, erklärt Corinna Hölzel. Händler*innen könnten daher oft selbst keine Auskunft darüber geben, woher die verkauften Pflanzen genau stammten. Die Expertin empfiehlt, lieber bei Bio- oder regionalen Gärtnereien zu kaufen, auch wenn man dann auf die ein oder andere Design-Pflanze verzichten müsse.

„Je exotischer und abgefahrener die Pflanze, desto schwerer ist es, sie ohne chemische Dünger oder Pestizide hinzukriegen“, sagt Corinna Hölzel. Stattdessen sollten Pflanzen, wie Grünlilie oder Efeutute, gewählt werden, die robuster sind und daher leichter in Bio-Qualität erzeugt werden können. Orientierung beim Kauf bieten das EU-Bio-Siegel oder Label von Demeter, Naturland und Bioland. Diese stellen sicher, dass beispielsweise keine chemischen Pestizide verwendet wurden. Bei nicht-geschützen Siegeln rät die Expertin zur Vorsicht. Jede*r könne beispielsweise die Kennzeichnung „Bienenfreundlich“ auf seine Pflanzen kleben. Enthielten Balkon- und Gartenpflanzen aber trotzdem Rückstände von Pestiziden, seien sie eher schädlich, statt zu helfen.

 

Adoptieren und tauschen statt kaufen

W ie bei vielen anderen Dingen gilt auch bei Pflanzen: Second-Hand ist besser als neu kaufen, da es Ressourcen spart. Es erfordert allerdings etwas mehr Geduld und Flexibilität, als einfach zum nächstbesten Gartencenter zu fahren. Die Freude über entdeckte Schätze ist dann aber, ähnlich wie bei einem tollen Fund auf dem Flohmarkt, gleich doppelt so groß und schont auch den Geldbeutel. Möglichkeiten gibt es viele. Auf Plattformen wie botanoadopt kann man Pflanzen adoptieren. Hat man schon einen kleinen Urban Jungle zu Hause, kann man mit anderen Pflanzen-Liebhaber*innen auf Instagram tauschen oder Tauschpartys besuchen. Auch Ebay-Kleinanzeigen und andere lokale Apps sind eine praktische Möglichkeit, um übrigen oder zu großgewordenen Zimmerpflanzen eine neue Heimat zu bieten. Wer etwas fortgeschrittener ist, kann eigene Ableger aufziehen und diese im Bekanntenkreis verschenken oder tauschen.

 

Torffreie Erde ist ein Muss

Neben den Pflanzen selbst kann auch die Erde zum Problem bei der Nachhaltigkeit werden. Sie enthält oft Torf, da dieser nährstoffarm ist und sich daher gut düngen lässt. Zudem sind im Torf keine unerwünschten Samen, wodurch kein Unkraut wächst. Klingt erst einmal praktisch, doch Corinna Hölzel erklärt, was daran kritisch ist: „Der Torf stammt häufig aus Mooren in Russland. Diese Moore sind riesige Kohlenstoffspeicher. Durch den Abbau des Torfs geht der gespeicherte Kohlenstoff als klimaschädliches CO² in die Atmosphäre. Gleichzeitig werden Ökosysteme zerstört, die eine Heimat für seltene Tier- und Pflanzenarten darstellen.“ Daher sollte nur torffreie Erde verwendet werden. Eine mögliche Alternative sind Kokosfasern. Doch auch hier rät die Expertin zur Vorsicht. Werde gerodet, um Kokosplantagen anzulegen, sei auch diese Option nicht nachhaltig. Sie empfiehlt stattdessen zum Beispiel Komposterde. Wer keinen eigenen Garten hat kann zum Beispiel bei lokalen Kompostierbetrieben nachfragen.

Upcycling-Töpfe statt billig Plastik

 

Um die eigenen Pflanzen noch besser in Szene zu setzen brauchen sie das entsprechende Outfit. Schnell ist die Versuchung groß, stylische Übertöpfe im Einrichtungshaus oder bei hippen Interior-Design-Shops zu kaufen. Wer auch hier nachhaltig handeln möchte, sollte diesem Impuls widerstehen. Stattdessen lieber in Second-Hand-Läden oder auf Flohmärkten nach süßen Gefäßen Ausschau halten. Auch gewöhnliche Alltagsgegenstände, wie Gummistiefel, Blechdosen oder Plastikflaschen, lassen sich mit etwas Kreativität umfunktionieren. Für die nötige Inspiration einfach mal nach „Upcycling Blumentopf“ googeln. Wer trotzdem lieber neu kaufen will, sollte dies regional tun und auf eine nachhaltige Herstellung achten. Eine erste Anlaufstelle können zum Beispiel kleine Töpfereien oder Korbflechtereien sein.

Bewusstsein für nachhaltige Pflanzen wächst

Wie schon die Avocado oder zuletzt die Bambus-Zahnbürste gezeigt haben, ist nicht alles, was auf Instagram gut aussieht, besonders nachhaltig. Auch bei Dingen, wie Fast-Fashion oder Kaffee-to-go-Bechern, hat sich das inzwischen herumgesprochen. Was Zimmerpflanzen angeht, gibt es noch Nachholbedarf. Corinna Hölzel vom BUND hofft, dass das Bewusstsein für Nachhaltigkeit bei Zimmerpflanzen wächst. Einen leichten Trend kann sie bereits feststellen: Im letzten Jahr und vor allem während der Corona-Einschränkungen hat sie vermehrt Anfragen zum Thema erhalten.

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