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„In Deutschland ist die Work-Life-Balance besser“

Manideep hat die freie Zeit zwischen Weihnachten und Silvester genossen – in Indien haben Angestellte selten so wenig freie Zeit, hört er von seinen Freunden.
Foto: Prajwal Veeresha Sajjan

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Manideep Allu, 25, kam vor zwei Jahren aus Indien für den Master in  „Chemical and Energy Engineering“ nach Deutschland . Er ist eine der Fachkräfte, die Deutschland so dringend braucht. Wir protokollieren seinen Alltag und wollen wissen: Klappt Integration? In Folge Drei erzählt er von seinen Erfahrungen mit dem deutschen Winter und seinen Plänen für das neue Jahr.

„Ich hasse, dass es hier so schnell dunkel wird. Aber ich liebe Schnee. Meinen ersten habe ich vor zwei Jahren gesehen, als ich hergezogen bin. In meiner Heimat, dem  indischen Staat Andhra Pradesh, kühlt es im Winter nur auf 15 bis 20 Grad Celsius ab.

Ähnlich kalt wie in Deutschland war es übrigens auch in Finnland, wo ich im Dezember mit einer Reisegruppe war, die günstige Trips für Studenten anbietet. Ich war zum Glück vorbereitet, mein Outfit bestand dort aus fünf Schichten: zwei Sweatshirts, eine Thermojacke und zwei Jacken darüber. Von Finnland reisten wir noch nach Schweden und Dänemark. Da fühlte ich die Kälte irgendwann gar nicht mehr. Die Reise hat mir sehr gefallen: neue Freunde, Lagerfeuer, Glühwein. Aber ich muss zugeben: Für mich als Inder gibt es keinen großen kulturellen Unterschied zwischen Deutschland und Skandinavien, da alles in Europa liegt. Was ich dort aber bemerkenswert fand: Es war so kalt, dass sie sogar an den abgelegensten Orten Sand auf die Straßen gestreut haben, damit die Autos nicht wegrutschen.

Sowas interessiert mich, weil ich in meiner Arbeit und im Studium auch über Risikomanagement nachdenke. Übrigens: Mein Vertrag bei dem Automobilzulieferer wurde verlängert! Ich freue mich total. Obwohl mir die freie Zeit zwischen Weihnachten und Silvester gefallen hat. So viel Freizeit gibt es in Indien nicht, zumindest höre ich das immer von meinen berufstätigen Freunden aus Indien. Ich glaube, die Work-Life-Balance in Deutschland ist besser.

Weihnachten habe ich recht allein verbracht. An Heiligabend habe ich morgens für die Uni gelernt. Danach bin ich zum Braunschweiger Dom gegangen, denn Weihnachten ist ein christliches Fest und es ist Tradition, in die Kirche zu gehen – also mache ich das auch. Aber ich hatte Pech: Die Veranstaltung endete gerade, als ich ankam. Als ich Leute gefragt habe, wann die nächste ist, haben sie mir gesagt, dass es noch eine „Andacht“ und einen „Gottesdienst“ geben wird – aber erst am Nachmittag. Also bin ich später nochmal zum Gottesdienst gegangen.

Es war mein erstes Mal in der Kirche, eine ältere Dame hat mir geholfen: Ich wusste nicht, dass ich eine Kerze nehmen soll und dass ich ein Gesangbuch bekomme, das hat sie mir gezeigt. Die meiste Zeit habe ich nichts verstanden, es war wie eine Stunde Deutschunterricht für mich. Deshalb habe ich versucht, einfach das Gleiche zu machen wie alle anderen. Beim Singen versteht man sowieso nicht so genau, welche Worte aus meinem Mund kommen – und als alle aufgestanden sind, bin ich auch aufgestanden. Ehrlich gesagt hat es mir nicht so gut gefallen, aber das liegt daran, dass ich nichts verstanden habe. Am Abend habe ich dann mit ein paar Freunden Billard gespielt. Mit Freunden war ich auch schon in einer Moschee und bei indischen religiösen Festen im Tempel – ich glaube allen Religionen, aber ich glaube nicht an eine Einzelne. Trotzdem finde ich es spannend, mir alles anzuschauen. 

Lena, meine neue deutsche Bekanntschaft, war nicht dabei, denn sie war bei ihrer Familie.  Wir waren vorher aber gemeinsam auf dem Weihnachtsmarkt. Ein paar andere Male war ich mit Freunden dort. Zuerst hole ich mir da Churros, dann laufe ich rum. Danach hole ich mir immer einen Glühwein, das ist ein Muss für mich. Wenn du zum Weihnachtsmarkt gehst, ohne Glühwein zu trinken, hast du einen Fehler gemacht.

Mit Lena läuft es gut, wir sind gute Freunde. Wenn wir beide Zeit haben, gehen wir ins Café oder ins Restaurant. Ich habe eine neutrale Meinung zu Dating hier. Es ist einfach ein bisschen anders als in Indien und daran gewöhne ich mich. In Indien wäre es schon recht verbindlich, wenn man sich als Frau und Mann öfter trifft. Hier ist das anders.

Übrigens habe ich mir für das kommende Jahr vorgenommen, meine Eltern in Indien zu besuchen. Und ein weiterer Plan: Ich will ein Thema für meine Masterarbeit finden.“

Mein bestes Erlebnis der vergangenen sechs Wochen:   

„Bei Minus 25 Grad die Polarlichter in Finnland zu sehen. Sie sind das Schönste, was ich jemals gesehen habe. Ich konnte nicht mehr wegschauen, als sie über mir den dunklen Himmel erleuchteten. Deshalb will ich auf jeden Fall nochmal nach Finnland. Diese eine Reise hat nicht gereicht. Außerdem hatte ich vor kurzem Geburtstag und bin jetzt 25 Jahre alt! Big Boy. Meine Freunde aus Magdeburg haben mich besucht und sie haben japanischen Suntory Toki Whiskey mitgebracht. Endlich mal kein Bier!“

Meine neueste Entdeckung:   

„Fotografie, mein liebstes Hobby, kann mich sogar bei tiefsten Minusgraden aus dem Haus bringen. Auch wenn ich dafür viele Schichten anziehen muss.“

Mein aktuelles Lieblingswort und warum?  

„Es ist nicht mein Lieblingswort – aber ich habe vor kurzem das längste deutsche Wort gelernt: Rindfleischettikierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz. Das ist ein richtiges Wort, der Name von einem Gesetz, das beschlossen werden sollte. Beides sehr deutsch: Gesetze und lange Worte. In Indien kann man nicht einfach Worte erfinden, dabei wäre es sehr schön, wenn das ginge. Aber dafür kann ich das jetzt im Deutschen.“

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