sozialphobie blickkontakt cover
Illustration: Daniela Rudolf

Lebensaufgabe Sozialkompetenz! So wichtig wie Wasser und Brot, so kompliziert wie eine Operation am offenen Herzen. In der Serie "Hilfe, Menschen!" berichten wir ab sofort von unseren Sozialphobien. Heute: Wenn sich Blickachsen kreuzen.

Es gehört zu den Dingen, die man einfach weiß, simple U-Bahn-Etikette: keine laute Musik, alten Menschen den Sitzplatz anbieten und, am wichtigsten, um jeden Preis Blickkontakt vermeiden! Denn kaum etwas ist unangenehmer als dieser eine Moment, in dem es dann doch passiert. Die Augen treffen sich, schnell schaue ich wieder weg, aber zu spät: Der andere hat es bemerkt und denkt jetzt womöglich, dass ich ihn kurz zuvor beobachtet habe – egal ob ich das wirklich getan oder einfach nur ins Leere gestarrt habe.

Ich will es eigentlich gar nicht, aber ich muss sofort wieder hinschauen, um zu kontrollieren, ob der andere sich nicht beobachtet fühlt. Und natürlich, wie jedes Mal – wirklich jedes Mal! – schaut der andere dann auch wieder her und schon habe ich das Dilemma.

Nirgendwo ist man sicher vor den Augen der anderen

Egal wie schnell ich wieder den Blick senke, der Schaden ist nicht mehr zu beheben. Ich bin dazu verdammt, die restliche Fahrtzeit in das graue Nichts des U-Bahntunnels zu starren. Jede andere Richtung ist kritisch, da ich so den gleichen Vorfall gleich noch mal provozieren könnte. Blöderweise spiegelt sich nun das Gesicht des Blickkontakts von eben noch im Fenster und somit zähle ich die Sekunden bis endlich einer von uns beiden aussteigt.

Diese Gefahr droht einem aber nicht nur in U-Bahnen, sondern an allen öffentlichen und halböffentlichen Plätzen: in Aufzügen, in Wartezimmern – nirgendwo ist man sicher vor den plötzlich auftauchenden Augen einer fremden Person.

Aber warum ist der spontane Blickkontakt mit fremden Menschen nur so schmerzhaft und peinlich?

 

Vielleicht, weil der Augenkontakt mit einem Menschen etwas sehr Intimes ist. Ich stelle damit eine Verbindung und Nähe zu einer Person her und signalisiere ihr: Ich widme dir gerade meine ganze Aufmerksamkeit. Blöd nur, wenn man das gar nicht will und alles nur ein Zufall ist. Dann wird der Blickkontakt schnell zu etwas Verwirrendem, das uns aus den eigenen Gedanken reißt oder noch schlimmer: Man empfindet es als ein Eindringen in die eigene Privatsphäre. Was starrt dieser Mensch mich eigentlich so an? Was will diese Person von mir? Bis hinzu: Oh Mann, hab ich schon wieder Zahnpasta im Gesicht?

 

Man kann ja schlecht sagen: „Entschuldigen Sie, bitte, ich wollte Sie gar nicht anschauen“

 

Von klein auf kriegen wir anerzogen: „Starr nicht so! Das ist unhöflich!“ Dabei ist es ja nicht einmal bewusstes Starren. Trotzdem ist es so unangenehm, als wäre man jemanden mit voller Wucht auf den Fuß getreten. Nur kann man hier schlecht sagen: „Entschuldigen Sie, bitte! Das war ein Versehen. Ich wollte Sie gar nicht anschauen.“

 

Dass das ein ziemlich deutsches Problem ist, wurde mir zum ersten Mal bewusst, als ich nach dem Abitur in Chile war. Jeden Morgen nahm ich 40 Minuten lang den Bus zu meiner Arbeitsstelle und es war ganz normal, dass Menschen mich pausenlos ansahen – oder eben anstarrten. Auch wenn sich die Augen kurz trafen, wich niemand meinem Blick aus. Viel mehr freuten sich viele über den kurzen Kontakt und lächelten mir zu. Es war also niemals unhöflich, sondern viel mehr ein Zeichen von Interesse. Und dabei sehr befreiend, jedem Menschen ohne Angst ins Gesicht schauen zu können.

Als ich wieder in Deutschland war und munter durch die U-Bahn schaute, traf ich erneut auf viele irritierte Gesichter. Also passte ich mich wieder an und starre seitdem auf mein Handy. Falls mein Blick doch einmal unbeabsichtigt den eines anderen Menschen trifft, schaue ich reflexartig weg.

 

Wieso können wir es hier nicht einfach wie in Chile handhaben? Wieso muss mir ein so kurzer Augenkontakt noch Stunden später unangenehm nachhängen, weil ich mir Gedanken darüber mache, was dieser Mensch in oder an mir gesehen hat? Schließlich habe ich nicht wirklich mein Innerstes preisgegeben oder das einer anderen Person gesucht. Und es kann doch auch ganz nett sein: Wie diese Situationen, in denen man versucht, einander auszuweichen und am Ende lachend umeinander tänzelt. Vielleicht versuche ich nächstes Mal doch, zu lächeln.  Auch auf die Gefahr hin, mein Gegenüber damit restlos zu irritieren.

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