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Die Angst vor der unangenehmen Stille

Ob es der Dönerverkäufer oder der Handwerker ist: Manche Menschen wollen schweigen, aber ich überschütte sie mit distanzloser Herzlichkeit.
Von Sina Pousset
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    Illustration: Daniela Rudolf

„Und, was machen Sie am Wochenende?“ Meine Frage trifft auf kalte Stille. Der Mann, der gerade auf dem Küchenboden robbend meine Waschmaschine anschließt, wirft mir einen irritierten Schulterblick zu. „Äh“, sagt er. „Weiß ich noch nicht.“ Ich will gerade die nächste Frage stellen, da tut mir der Mann auf einmal leid. Er will einfach nur seine Arbeit machen. Aber ich kann es nicht lassen, ihn vollzulabern. 

Sie alle sind meine Opfer: der Paketbote, der Mensch hinter der Theke, die Apothekerin, der Installateur, der Lieferdienst. Fremde. Menschen, die vertraglich dazu verpflichtet sind, mit mir kurzzeitig in Kontakt zu treten. Mit solchen Dienstleistern hat man in der Regel Minimalkontakt, für den drei Worte reichen würden: Hallo-Danke-Tschüss. Aber genau das kann ich nicht. Ich habe eine Kurzinteraktionsphobie.

Was für sie tägliche Arbeitsroutine ist, die gut ohne Gespräch auskommt, ist für mich eine peinliche Situation. Ich habe den Drang, nett zu sein. Etwas zu sagen. Das liegt vermutlich daran, dass ich es respektlos finde, einen anderen Menschen, der gerade etwas für mich tut, so wenig zu beachten. Ich will nicht überheblich wirken. Wie jemand aus einer längst vergangenen Zeit, der Handwerker wie Dienstboten von oben herab behandelt. Weil es aber wenig Tiefgründiges gibt, das man in solchen Situationen besprechen kann, ist das Ergebnis eine verbale Diarrhöe, die nicht nur meinem Gegenüber unangenehm ist.

Wie kann es sein, dass ich eine Präsentation vor einem Raum von Erwachsenen halten kann, mich aber ein Apothekenbesuch überfordert?

Gestern zum Beispiel: Ich lief spätabends von einem Theaterbesuch nach Hause und mein grummelnder Magen schrie nach Döner. Kurz vor meinem Lieblingsstand, als es schon nach Fleisch und Zwiebeln duftete, passierte es: Ich stellte mich vor das Verkaufsfenster und grinste freundlich. Während der zwei Minuten, die ich unter dem Desinteresse des Verkäufers auf meinen Döner wartete, sagte ich Sätze wie: „Na, nicht viel los heute?“ „Das sind ja Riesen-Zwiebeln.“ „Riecht ja immer so lecker bei Ihnen.“ Er aber schaufelte schweigend mein Fleisch ins Brot. Gut möglich, dass mein Dönermann dachte, ich sei hoffnungslos in ihn verliebt.

Aber die Alternative fände ich schlimmer: Hallo-Danke-Tschüss. Mit dieser Distanziertheit komme ich nicht klar. Wenn mir eine Frau an der Hotelrezeption meine Zimmernummer nennt, will ich ihr tief in die Augen schauen und rufen: „Mann, Frau Heise, wie geht‘s dir heute wirklich?“ Statt distanziert-nett zu sein, bin ich distanzlos-herzlich.

Ich bin selbst wütend, dass mich solche Alltagsinteraktionen aus dem Konzept bringen. Wie kann es sein, dass ich eine Präsentation vor einem Raum von Erwachsenen halten kann, mich aber ein Apothekenbesuch überfordert? Eigentlich wurde ich ganz anständig sozialisiert. Ich weiß, wie man Besteck halten muss und in der Schule hat sich niemand von mir weggesetzt.

Das Problem liegt – wie so oft – in der Kindheit begraben: Ich bin in einer kleinen Stadt im Süden von Deutschland aufgewachsen, in einem Stadtteil, in dem sich alle Nachbarn mit Namen kannten. Auf der Straße grüßten wir uns nicht nur, wir redeten. Meine Mutter stammt aus einem Dorf, in dem es normal ist, mit dem Schreiner erst mal einen Tee zu trinken und sich zehn Minuten lang über Familie und rheumatische Knie auszutauschen, bevor man sagt, was man eigentlich gesägt haben will. Ich habe den Sprung von Kleinstadt-Freundlichkeit zu Großstadt-Effizienz nicht geschafft. 

 

Aber vielleicht ist das gar nicht erstrebenswert. Vor ein paar Jahren war ich zum ersten Mal in England. Ich war entzückt. An Londoner Kiosken, Tanken und Ticketschaltern hielten die Leute Smalltalk über alles von Wetter bis zu Politik. Jeder hier schien genau zu wissen, wie man distanziert-nett und herzlich zugleich ist. Und vor allem: wann man damit aufhören sollte. Genau das weiß ich nicht. Als mich mein Dönermann schließlich doch mal fragte, wie es mir gehe, war ich so entzückt, dass ich mich über mein kaltwerdendes Fleisch hinweg mit ihm unterhielt, bis sich hinter uns eine Schlange formte. Da verstand ich zum ersten Mal: Ich bin kein Soziopath. Mein Land und ich können einfach nicht gut smalltalken. Aber das können wir ja zum Glück üben.

 

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