sozialphobie angesprochen werden cover
Illustration: jetzt

Lebensaufgabe Sozialkompetenz! So wichtig wie Wasser und Brot, so kompliziert wie eine Operation am offenen Herzen. In der Serie "Hilfe, Menschen!" berichten wir  von unseren Sozialphobien. Heute: die Anquatscher. 

Spät am Abend vor dem Nürnberger Hauptbahnhof. Die Straßenbahn fällt aus, Menschen schieben sich in den Ersatzbus. Neben mir steht ein älterer Mann, er wirkt ziemlich verlebt und ist sicher nicht mehr ganz nüchtern. „Hält der auch am Aufseßplatz?“, lallt er in meine Richtung. „Ja“, antworte ich knapp und schaue sofort wieder aus dem Fenster. Fang jetzt bitte kein Gespräch an, denke ich noch. Schon höre ich ihn schimpfen: „Ich finde, es ist eine Frechheit, dass die Straßenbahn nicht fährt. Scheiße ist sowas!“ Seine Stimme wird immer lauter, er ist jetzt auch in der letzten Sitzreihe gut hörbar. Er spuckt etwas während er spricht. 

Schlagartig wird mir warm und ich hole tief Luft. Er starrt mich abwartend an. „Da ist ein Unfall auf den Schienen, deshalb kann die Bahn nicht fahren. Ist doch nicht so schlimm“, sage ich leise. Dumm von mir. Denn mit meiner leichtsinnigen Antwort habe ich mich soeben als würdige Gesprächspartnerin qualifiziert, zudem kann er mit meiner diplomatischen Haltung wenig anfangen. Schimpftiraden auf das Nürnberger Verkehrsnetz und auf das Leben an sich folgen – zwischendurch guckt er mich immer wieder an und hält kurz inne. 

Für alle anderen scheint der Betrunkene eine willkommene Abwechslung auf der öden Busfahrt zu sein. Sie tuscheln, lachen und recken ihre Hälse, um bessere Sicht auf unsere gut ausgeleuchtete Bühne zu bekommen. Sicher denken sie, dass wir uns kennen. So wie der Mann mich ansieht, würde sogar ich glauben, dass wir zwei zusammen gehören. Peinlich. Mein Kopf glüht, meine Finger schwitzen. Ich will hier weg. Endlich stoppt der Bus und ich springe raus.  Zwei Stationen zu früh, aber das spielt keine Rolle.

Ich halte mich für durchaus schlagfertig, bin relativ gut in belanglosem Smalltalk und eigentlich nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen. Doch sobald Fremde mich in öffentlichen Verkehrsmitteln ansprechen, erstarre ich. Denn dies ist eine Situation, aus der es kaum ein oder sogar gar kein Entkommen gibt. In Bus, Tram und U-Bahn kann man wenigstens noch früher aussteigen und auf die nächste Fahrgelegenheit warten. Schwieriger ist das im Zug (Pro-Tipp: Aussteigen vortäuschen und in den nächsten Waggon wieder einsteigen). Unmöglich ist es beim Flug.

Besonders unangenehm an diesen erzwungenen Gesprächen finde ich die Tatsache, dass etliche fremde Mitfahrer mithören können. Sie alle merken, wie erfolglos meine Abblock-Versuche sind und wie ich mich um jede Antwort winde. Hinzu kommt, dass der Begriff Privatsphäre den meisten Anquatschern ein absolutes Fremdwort ist. Je intimer ihre eigenen Geschichten und Fragen sind, desto zufriedener scheinen sie mit dem Dialog zu sein. Für mich hingegen heißt es: je intimer, desto peinlicher. 

  

Mein Unbehagen geht sogar so weit, dass ich mich schäme, wenn Fremde von anderen Fremden angesprochen werden. Vor Kurzem in der Straßenbahn: „Entschuldige, jetzt muss ich dich aber mal fragen. Ich rätsle schon die ganze Zeit“, höre ich jemanden sagen. Eine junge Frau mit knallgrünen Haaren spricht gerade eine Mitfahrerin an. „Was ist das für eine komische Tasche, die du da hast?“, fragt sie. Sofort setze ich stellvertretend für die Angesprochene einen genervten Gesichtsausdruck auf. Sie selbst schaut sich kurz hilfesuchend um und läuft rot an. Sie ist eher so der Typ graue Maus und somit das absolute Gegenteil ihrer neuen Gesprächspartnerin. Die Arme, denke ich.

Ich nehme mir fest vor, dem nächsten Ansprech-Versuch eine Chance zu geben

Es scheint, als hätten sämtliche Mitfahrer einen Radar, der automatisch ortet, wo sich gerade jemand unwohl fühlt. Denn schlagartig ist es im Umkreis von vier Metern totenstill und alle blicken zu der jungen Frau. Fehlen eigentlich nur noch die Scheinwerfer und das Grillenzirpen. Alle wollen es wissen: Was ist das für eine komische Tasche? Leise erklärt sie, dass sie die Tasche extra für ihr Gesetzbuch gehäkelt hat, da es in keinen Rucksack passt. „Oh, Jura! Das ist ja interessant. In welchem Semester bist du?“, ruft die Grünhaarige. Die graue Maus ist verloren. Um die Situation für sie nicht noch schlimmer zu machen, starre ich angestrengt aus dem Fenster. Doch zu meiner Überraschung scheint sie das Gespräch gar nicht unangenehm zu finden. Begeistert erzählt sie der Grünhaarigen von ihrem Studium. Bis sie aussteigen, unterhalten die beiden sich fröhlich. Jetzt schäme ich mich noch mehr, aber nicht mehr fremd – sondern weil ich es selbst so hasse, angesprochen zu werden. Ich nehme mir fest vor, dem nächsten Ansprech-Versuch eine Chance zu geben.

Einen Tag später sitze ich auf einem Vierer-Platz im Zug. Mir gegenüber sitzen eine junge Frau und eine etwa 45-Jährige, die hektisch Candy Crush spielt. Ich blättere mich zum fünften Mal in diesem Monat durch die Zeitschrift der Bahn. „Du hast ja tolle Fingernägel!“, ruft die Ältere plötzlich. Ich schrecke auf. Wurde ich gerade angesprochen? Aufatmen, es geht um die langen, glitzernden Gel-Nägel meiner Mitfahrerin. „Du hast aber auch sehr schöne Nägel!“, sagt sie zu mir, wie eine Mutter, die ihren Töchter zeigen will, dass sie beide gleich gern hat. Ich denke an meinen Vorsatz – dieses Mal lasse ich mich darauf ein! Ich bedanke mich und zusammen loben wir noch eine Zeit lang die künstlichen Fingernägel der anderen Frau, die ich in Wahrheit ganz furchtbar hässlich finde. Wow, denke ich. Ich unterhalte mich mit zwei Fremden in der Bahn, das ganze Abteil hört zu und trotzdem fühle ich mich wohl.

„Nächster Halt: Frankfurt Hauptbahnhof“, tönt es aus dem Lautsprecher. Während ich meinen Kram zusammenpacke, fragt die Candy-Crush-Frau: „Wohin fährst du eigentlich?“ Jetzt wird es privat. Stark bleiben. „Nach Hause, zu meinem Freund“, sage ich. Ein Lächeln macht sich auf ihrem Gesicht breit. Sie hebt ihre Hand und bedeutet mir dasselbe zu tun. „Gott segne euch!“, sagt sie, während sie ihre Handinnenfläche gegen meine presst. In diesem Moment nehme ich mir vor, künftig wieder alle Ansprechversuche abzublocken. Man weiß eben nie, was man bekommt. 

Mehr Alltagsgruselmomente: