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Illustration: Katharina Bitzl

„Du hast so schöne lange Beine“, sagte meine – zugegebenermaßen nicht besonders langbeinige – Klassenkameradin. „Ach, naja, dafür habe ich auch einen ganz langen Oberkörper...“ „Stimmt“, meinte sie und wandte sich, fast erleichtert, wieder ab.

An diese kleine Unterhaltung muss ich jedes Mal denken, wenn mir jemand ein Kompliment macht und mein erster Reflex ist, das Kompliment erstmal zu relativieren oder ihm etwas entgegenzusetzen.

Egal ob es Komplimente zum Aussehen, zum Charakter oder zu Leistungen sind – oft kann ich nicht anders, als sie runterzuspielen, weil es sonst irgendwie unangenehm ist, mich selbst so „im Rampenlicht“ zu wissen. Besonders dann, wenn man ein Kompliment bekommt, mit dem man selbst nicht übereinstimmt, führt das zu einer inneren Unruhe, Verwirrung und dem Drang, dem Gegenüber schnell klar zu machen, dass das gar nicht stimmt. Nicht, dass der einen noch für besser hält, als man eigentlich ist.

Es gilt als unhöflich und arrogant, die eigenen Leistungen gut oder sein Äußeres schön zu finden

Klar, es gibt unangenehme Komplimente, die man gar nicht bekommen möchte. Eine Kollegin sagte, dass es für sie furchtbar sei, wenn ihr beispielsweise eine „unwiderstehliche Wirkung auf Männer“ bescheinigt wird. Dadurch fühle sie sich auf eine sexuelle Ebene reduziert. Natürlich reagiert man auf so etwas eher ablehnend, vor allem, wenn man sich selbst gar nicht so sehen will.

Aber was ist mit Komplimenten, die ehrlich nett gemeint sind und einem eigentlich auch gefallen – wieso will man auch da ständig irgendwas entgegensetzen oder verschämt lächeln?

Vermutlich liegt es daran, dass man von klein auf Dinge wie „Eigenlob stinkt“ eingetrichtert bekommen hat. Es gilt als unhöflich und arrogant, die eigenen Leistungen gut oder sein Äußeres schön zu finden. Wenn man also ein Leben lang Bescheidenheit praktiziert, was passiert dann, wenn jemand anderes einem die Bescheidenheit „nimmt“? Richtig, man weiß nicht, wie man damit umgehen soll. Man freut sich zwar, gleichzeitig weiß man aber, dass es nicht richtig wäre zu sagen: „Ja, danke, sehe ich auch so“. Und dann will man einfach nur noch so schnell wie möglich das Thema wechseln. Unangenehm.

Es gibt verschiedene Methoden, mit einem Kompliment umzugehen, wenn es einem unangenehm ist. Das Problem: Sie alle sind nur die Tür in die nächste blöde Situation.

Also Methode eins: Das Kompliment relativieren. Bringt kurzfristig, dass man der anderen Person gezeigt hat, wie unperfekt man selbst ist. Bringt langfristig: Nix, außer, dass man sich darüber ärgert eine eigene Schwachstelle offen gelegt zu haben.

Mit der ehemaligen Klassenkameradin hatte ich ein eher schwieriges Verhältnis. Dementsprechend perplex war ich, als ausgerechnet sie etwas an mir für gut befand. Im nächsten Moment befürchtete ich aber, dass da Neid aus ihr sprechen könnte. Den wollte ich ihr nehmen, denn ich wollte erstens nicht in einer Komplimente-Bringschuld stehen und zweitens um jeden Preis verhindern, dass sie neidisch war, weil das Ärger bedeutet hätte. Also gab ich ihr lieber etwas „Schlechtes“ an die Hand. So, meinte ich, waren wir wieder in der gewohnten Ausgangslage. Im Nachhinein betrachtet ziemlich doof von mir. War doch schön, dass ausgerechnet sie etwas Nettes zu mir gesagt hatte.

„Findest du echt?“ – die schlechteste aller Antworten auf ein Kompliment

 

Methode zwei. Man antwortet: „Danke, deine man füge hier das angebrachte Gegenkompliment ein aber auch!“ Das ist mir selbst letztens erst auf einer Party zweimal hintereinander passiert: Ich stand neben jemandem, der mir ein Kompliment machte und weil es extrem unangenehm und wohl auch unhöflich gewesen wäre, darauf nichts zu sagen, guckte ich mir schnell noch mal das Outfit des anderen an und gab irgendwas Nettes zurück. Vielleicht kam sich der andere kurz gut vor, weil er ein Kompliment bekommen hatte. Langfristig brachte das aber: niente. Unangenehme Smalltalk-Stille herrschte danach immer noch und außerdem hatte ich ein Kompliment gegeben, das ich überhaupt nicht ernst gemeint habe. Geholfen war also niemandem, weil ich einfach irgendwas zurückgeworfen hatte.

Und jetzt gibt es noch Methode drei: Jemand sagt einem was Nettes und man antwortet mit „Findest du echt?“ Habe ich früher auch öfter mal gemacht, bis es mir (als die Komplimente-Gebende) selbst mal passiert ist. Kein Zweifel, das ist die schlechteste aller Antwortmöglichkeiten. Mit Abstand. Denn selbst, wenn man sich schwer damit tut Komplimente anzunehmen –  sie dann noch in Frage zu stellen ist wirklich nicht im Sinne des Erfinders. Erstens kommt man sich als Komplimente-Geber dabei wahnsinnig bescheuert vor (wofür macht man denn sonst ein Kompliment?) und zweitens zeugt es von geringem Selbstwert. Bei mir kam es im betreffenden Fall so an, als hätte derjenige versucht noch ein Kompliment oben drauf zu bekommen. Fishing for compliments, aus einem Kompliment heraus – super.

Ich denke, jeder weiß, dass keine der drei Optionen wirklich toll ist. Vielleicht ärgert man sich hinterher sogar über die eigene Antwort, aber dann ist es meistens zu spät, um noch was dazu zu sagen. Trotzdem hat jeder schon mal auf eine der Möglichkeiten zurückgegriffen. Das macht überhaupt keinen Spaß, denn eigentlich ist es doch schön, ein Kompliment zu bekommen!

Also: Schluss mit dem Quatsch. Ich plädiere ab sofort für Methode vier: „Danke!“ mit einem ehrlichen, strahlenden Lächeln. Es ist bestimmt manchmal schwierig, dem Impuls zu widerstehen etwas zurückzugeben, aber andererseits darf man sich so für ein paar Sekunden mal ganz ehrlich über sich selbst freuen. Und wenn man das ein bisschen übt, dann ist es auch bald gar nicht mehr so schwer.

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