„Es kann eine Bürde sein, so viel zu verstehen“

Sydney ist hochbegabt und spricht mehr Sprachen als andere Menschen Länder besucht haben.
Foto: privat

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

Sydney Noemi Stein ist 21 Jahre alt und macht momentan ihren Bachelor in Regionalstudien Asien/Afrika in Berlin. Was sie besonders macht? Sie ist hochbegabt und spricht insgesamt 15 Sprachen, darunter Arabisch, Chinesisch und Japanisch. Im Zoom-Interview verrät sie, wie sie so viele Sprachen gelernt hat, auf welcher Sprache sie träumt und ob das Fluch oder Segen ist.

jetzt: Sydney, du sprichst 15 Sprachen. Kannst du aus dem Stand aufzählen, welche das sind?

Sydney: Tatsächlich habe ich mir eine Liste vorbereitet, damit ich nichts vergesse. Ich spreche Deutsch als Muttersprache. Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Indonesisch, Chinesisch und Isländisch spreche ich fließend. Mein Norwegisch, Schwedisch, Niederländisch, Hindi, Urdu, Arabisch, Japanisch sind auch sehr gut. Ich habe neulich erst angefangen mit drei neuen Sprachen: Erstens mit Tok Pisin, das wird hauptsächlich in Papua-Neuguinea gesprochen, zweitens mit Tahitianisch und drittens mit Tetun Dili, was die Amtssprache von Ost-Timor ist. Zudem beherrsche ich auch etwas Polnisch und Koreanisch. Ich habe außerdem noch vor, Vietnamesisch und Türkisch zu lernen.

Wonach entscheidest du, welche Sprachen du lernen willst?

Ich interessiere mich für Sprachen aus Ländern und Kulturen, die ich spannend finde. Mit acht Jahren habe ich beispielsweise einen Japanisch-Kurs für Kinder besucht, weil mich Ostasien sehr interessiert hat. Als ich zehn war, habe ich mir meine aller erste Fremdsprache beigebracht, nämlich Griechisch. Der Beweggrund dahinter waren meine Percy Jackson Bücher, in denen es viel um griechische Mythologie geht. Mit 13 Jahren habe ich mir Isländisch beigebracht. Die Insel hat mich einfach fasziniert.

Was ist dein Lieblingswort aus allen Sprachen?

Mein Lieblingswort ist das Wort für Klavier auf Tok Pisin. „Big bokis em i gat waitpela tit em i gat blakpela tit sapos yu paitim tit em i singaut tumas“ heißt so viel wie: Große Box, die weiße und schwarze Zähne hat, gegen die man kämpfen muss und die viel zu viel singt. Bis heute hört man dieses Wort noch im Hochland Papua-Neuguineas, wo Leute teilweise kein Klavier kennen und sich mit dieser Umschreibung behelfen.

„Ich sehe gesprochene Sprache vor meinem inneren Auge, so als würde eine Schreibmaschine mitschreiben“

Und welche Sprache findest du insgesamt am Schönsten? 

Meine Lieblingssprache ist definitiv brasilianisches Portugiesisch, da ich den Klang sehr mag. Gefolgt von Persisch, was ich jedoch nicht sprechen kann. Es klingt für mich wie süßes Vogelgezwitscher.  

Dass du noch kein Persisch sprichst, sollte für dich ja kein unlösbares Problem sein …

Ja, das stimmt. Tatsächlich kann ich mir Dinge sehr schnell aus dem Kontext erschließen, da es mir aufgrund meiner Hochbegabung und Ticker-Tape-Synästhesie sehr leichtfällt.

Ticker-Tape-Synästhesie – was ist das genau?

Ich habe erst vor ein paar Wochen durch Zufall gelernt, dass es dafür einen Namen gibt und es etwas Besonderes ist. Die Synästhesie wurde mir zwar nicht diagnostiziert, doch trifft die Beschreibung perfekt auf mich zu: Ich sehe gesprochene Sprache vor meinem inneren Auge, so als würde eine Schreibmaschine alles mitschreiben. Deshalb fällt es mir auch so leicht, neue Sprachen zu lernen. Vorher habe ich Synästhesie mit Menschen assoziiert, die Farben schmecken können und nie gedacht, dass ich das haben könnte. Jedoch gibt es verschiedene Arten der Synästhesie. Die Ticker-Tape-Synästhesie ist nur nicht ganz so bekannt.

Welche Fremdsprachen lernt man als Deutsche wohl am schnellsten?

Am leichtesten waren zumindest für mich die germanischen Sprachen. Niederländisch habe ich innerhalb von acht Monaten gelernt. Ich hatte ein Niederländisch-Lehrbuch, welches ich innerhalb eines Tages durchgelernt habe. Ich musste nur schauen, was die Unterschiede zur deutschen Sprache sind und habe mir diese gemerkt. Damit komme ich in Amsterdam sehr gut zurecht.

„An meinem Tiefpunkt habe ich mich mit 25 Sprachen gleichzeitig beschäftigt, da ich mich so da reingesteigert habe“

Und welche Sprache ist besonders schwer zu lernen?

Definitiv Chinesisch. Viele denken, die Schriftzeichen seien an der chinesischen Sprache das schwerste, jedoch sind die mir aufgrund meiner Ticker-Tape-Synästhesie besonders leichtgefallen. Was mir sehr schwer fällt, sind die Töne – da gehe ich oft nach Gefühl.

Wie kam es dazu, dass du so viele verschiedene Sprachen gelernt hast?

Aus einem Gefühl der Einsamkeit heraus. Ich habe in meinem dörflichen Umfeld keinen Anschluss gefunden, wollte lieber mehr über verschiedene Kulturen lernen. Ich hatte keine Freunde und wurde gemobbt. Die Sprachen waren für mich ein Rückzugsort. An meinem Tiefpunkt habe ich mich mit 25 Sprachen gleichzeitig beschäftigt, da ich mich so da reingesteigert habe.

Wie bringst du dir Sprachen bei? Hast du Geheimtipps, wie man sie schnell lernt?

Sprachen lernt man am besten vor Ort. Da das nicht immer möglich ist, versuche ich dieses sprachliche Umfeld zu simulieren. Beispielsweise lasse ich beim Chinesisch lernen chinesische Nachrichten im Hintergrund laufen. Eine Zeitlang habe ich jeden Morgen japanische Nachrichten gelesen. Genauso ist es sehr hilfreich auf der jeweiligen Sprache fernzusehen oder Musik zu hören. Selbst wenn man nicht genau versteht, was gesagt wird, lernt man die Melodie oder auch Mimik und Gestik dieser Sprachen, die ja auch ein wichtiger Teil davon sind.

Gab es schon mal Fälle, in denen Menschen auf einer anderen Sprache über dich gelästert haben und du sie verstanden hast?

Ja, schon sehr oft. Meistens kommt sowas auf Arabisch oder Chinesisch vor. Das liegt wahrscheinlich daran, dass Menschen von mir nicht erwarten, diese Sprachen verstehen zu können. Manchmal wäre es mir aber lieber, ich würde ein paar Sachen gar nicht verstehen, vor allem bei verletzenden Aussagen. Überhaupt überfordert mich meine Ticker-Tape-Synästhesie auch oft. Vor allem wenn ich im Ausland bin, spreche ich mit meinen Eltern Deutsch, verstehe aber gleichzeitig die Einheimischen um mich herum und bin somit umgeben von Sprachen, die mein Kopf konstant übersetzt. Es kann eine Bürde sein, so viel zu verstehen.

Vermutlich beneiden dich gleichzeitig sehr viele Menschen darum, so viele Sprachen zu sprechen. Was überwiegt denn: Das Positive oder das Negative daran? 

Ich bin fast täglich dankbar dafür. Bei einem einfachen Spaziergang durch Berlin kann ich bereits viele meiner Sprachen anwenden. Zudem gehe ich morgens sehr gerne arabisch frühstücken und bestelle dort auf arabisch. Das freut die Bedienung und ich kriege manchmal sogar eine kostenlose Falafel. Ähnlich verläuft es auch, wenn ich mit meinen Freundinnen chinesisch oder indonesisch essen gehe. Der Grund, weshalb ich diese Sprachen lerne, ist dabei natürlich nicht das kostenlose Essen. Ich liebe es einfach, mit Leuten in Kontakt zu treten und ich merke auch, dass viele Menschen in Deutschland, die Deutsch nicht beherrschen, erst mal sehr gehemmt sind, überhaupt zu sprechen. Wenn sie jedoch merken, dass ich ihre Sprache spreche, freuen sie sich meist sehr und erzählen mir sehr viel über ihre Kultur.

„Ich bin diese anstrengende Person, die mit einem Akzent aus dem Urlaub nach Hause kommt“

Kommt du nicht manchmal durcheinander bei den vielen Sprachen? Man kennt ja das Klischee von Lisa, 23, die nach ein paar Monaten in Australien nur noch Denglisch spricht zum Beispiel. 

Dadurch, dass ich mich so schnell in Sprachen einfinde, fällt es mir auch sehr schwer wieder rauszukommen. Ich bin dann tatsächlich diese anstrengende Person, die eine Woche im Urlaub war und dann mit einem Akzent nach Hause kommt. Ich habe auch bei jeder Sprache eine andere Stimme oder Attitüde. Ich kann deshalb zwischen den Sprachen nicht so schnell wechseln. Es kommt deshalb auch mal dazu, dass ich nach dem Hindi Urdu Unterricht auch im Indonesisch-Kurs noch auf Fragen in Hindi Urdu antworte.

Auf welcher Sprache träumst du?

Das klingt vielleicht verrückt, aber ich träume auf verschiedenen Sprachen mit Untertiteln. Es kommt immer darauf an, welcher Sprache ich zu dem Zeitpunkt ausgesetzt bin. Wenn ich beispielsweise vorher einen chinesischen Film schaue, dann träume ich auch auf Chinesisch und habe unten eine Untertitel-Leiste laufen. Als ich drei Monate in Argentinien gelebt habe, habe ich auf Spanisch geträumt und gedacht. In Deutschland träume ich meistens auf Deutsch oder Englisch. Letzten Freitag hatte ich aber beispielsweise eine japanische Vorlesung und habe dann auf Japanisch geträumt. 

Wenn du einer Person eine neue Fremdsprache empfehlen könntest, welche wäre das?

Chinesisch oder Arabisch. Diese Sprachen ebnen einem den Zugang zu einem sehr großen Kulturraum. Man lernt mit nur einer Sprache sehr viele verschiedene Kulturen kennen. Deshalb bin ich auch eine große Verfechterin davon, Chinesisch an Gymnasien und Oberschulen einzuführen. Die Zeiten in denen wir nur Englisch und Französisch lernen, sollten überholt sein. Es wird Zeit für andere Sprachen!

  • teilen
  • schließen