Im Zug schneidet man sich nicht die Nägel

Warum du die Öffentlichkeit nicht wie dein Zuhause behandeln solltest.
Von Nada Assaad
Collage: jetzt.de / Fotos: freepik / Tinka24 / photocase.de / unsplash

Ich sitze im Zug, mir gegenüber drei Männer. Die Sitze sind quer angeordnet, das heißt, dass ich meinen Mitfahrern direkt ins Gesicht schauen kann. Seit ungefähr fünf Minuten starre ich einen von ihnen unentwegt an. Mich fasziniert die Seelenruhe, in der er seine Nägel knipst. Die abgetrennten Fingernägel fliegen in alle möglichen Richtungen und auf alle möglichen Kleider. Die Frau zu meiner Linken trifft ein Stück Daumennagel am Knie. Stumm zieht sie ihr Bein zur Seite. Die Frau zu meiner Rechten hingegen ist einem Tobsuchtsanfall nahe. Das merke ich, weil sie die ganze Zeit mit dem Kopf schüttelt und die Luft anhält, um sie mit einem lauten Geräusch wieder rauszulassen. Der Knipser ist davon unbeeindruckt. Vielleicht ist ihm ja nicht bewusst, dass andere Menschen Fingernägel knipsen für etwas Intimes halten. Auf meiner Seite des Abteils scheinen wir uns jedenfalls alle einig, dass wir scheiße finden, was der Typ macht. Nur seine Geschlechtsgenossen zeigen sich von seiner Knipsparade relativ unbeeindruckt.

Obwohl so viele Menschen was dagegen haben, sagt niemand etwas. Das ist ein Phänomen, das  häufiger in der Öffentlichkeit auftritt: Wenn jemand sich danebenbenimmt, schreitet selten einer ein. Das gilt für große Sachen wie Gewalt genauso wie für kleinere „Delikte": Wenn jemand offenkundig in der Nase bohrt oder laut mit der Ex am Telefon streitet, zum Beispiel. Warum? Weil in der Nase bohren und laut telefonieren nicht gesetzlich verboten sind. Theoretisch darf jeder in der Öffentlichkeit tun und lassen was er will, wenn es nicht unter Strafe steht.

Das scheinen viele als Einladung zu verstehen, sich in der Öffentlichkeit so zu benehmen wie zuhause. Manche Dinge, die wir zuhause machen, finden andere in der Öffentlichkeit jedoch nicht so cool. Und da wir in einer sozialen Gemeinschaft leben (wollen), herrscht das unsichtbare Gesetz, dass wir im öffentlichen Raum aufeinander Rücksicht nehmen. Das habe ich intensiv vor Augen geführt bekommen, als ich einmal in der Kölner Innenstadt auf der falschen Straßenseite ging. Natürlich gibt es in der Fußgängerzone keine „richtige“ und keine „falsche“ Seite. Allerdings existiert das magische System, dass die Leute auf der einen Seite stadteinwärts und auf der anderen Seite stadtauswärts laufen. Als ich einmal auf der „falschen“ Seite lief, schrie jemand sofort „FALSCHE SEITE!“ und ich wechselte die Spur. Das hat sich so fest in mein Hirn gebrannt, dass ich angepisst gucke, wenn sich jemand diesem kölschen Gesetz widersetzt. Man findet unsichtbare Abkommen dieser Art in vielen Situationen wieder. Meistens sind es die, in denen unterschiedliche Menschen aufeinandertreffen.

Manche Exemplare unserer Gattung verstehen nicht, dass man gewisse Dinge nur in den heimischen Wänden macht

Rücksicht ist ein wichtiges und schützenswertes Gut, das etablierte Gesellschaften wie die unsere am Leben erhält. Wir lernen bereits als Kinder, was man in der Öffentlichkeit machen darf und wie man fremden Menschen begegnet. Im Normalfall lernen wir auch: Die Öffentlichkeit ist NICHT dein Zuhause. Trotzdem verstehen einige Exemplare unserer Gattung bis heute nicht, dass man folgende Dinge in den heimischen Wänden macht, und NUR da (oder in abgeschlossenen Räumen):

• Laut Telefonieren

Es freut mich für dich, dass du den Job bekommen hast. Ich finde es auch toll, dass du dich getraut hast, dir die Haare abzuschneiden, obwohl du so lange darüber nachgedacht hast. Aber ich muss all diese Dinge nicht wissen. Besonders nicht, wenn ich neben dir im Café oder in der Bahn sitze und dich nicht kenne. Dein Privatleben interessiert im besten Falle wirklich nur den, der am anderen Ende der Leitung ist. Die Dauerbeschallung mit News aus deinem Leben gleicht einem Radiosender, den man nicht mehr ausschalten kann. Es ist Folter. Es nervt.

• Körperhygiene

Mal kurz frisch machen für das Afterwork-Bier? Toll! Dafür gibt es in der Öffentlichkeit zahlreiche Räumlichkeiten, die man dafür aufsuchen kann. In Parfum- oder Deowolken ersticken will hingegen niemand. Generell ist jede Handlung, die mit der Instandhaltung des eigenes Körpers zu tun hat, nichts für die Öffentlichkeit. Wie zum Beispiel Fingernägel knipsen oder Haare bürsten (Ja, auch das!). Nichts ist widerlicher, als ungefragt mit den Körperzellen der Mitmenschen konfrontiert zu werden.

• Frust ablassen

Es gibt verschiedene Wege schlechte Laune loszuwerden: Sport, Serien gucken oder Freunde treffen. Eine unbesetzte Kasse in einem vollen Supermarkt oder ein Vordrängler in der Schlange ist eher weniger dafür geeignet. Trotzdem nutzen manche Menschen solche Situationen aus, um vollkommen auszurasten. Meistens steckt privater Ärger dahinter. Ich finde selten etwas so peinlich wie Menschen, die ihren Frust in der Öffentlichkeit ablassen.

• Stinkende Sachen essen

Eigentlich sollte klar sein, dass intensiv riechende Lebensmittel kein Spaß für jedermann sind. Vielleicht würde man diese Lebensmittel  an einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit sogar gut finden. Aber die Leberwurststulle morgens in der überfüllten Regionalbahn muss genauso wenig sein wie der Döner.

Diese Liste ließe sich endlos fortführen. Leider wird es immer Dinge geben, die Menschen machen, die andere unangenehm finden. Ganz loswerden kann man das nicht. Schließlich können wir uns unsere Mitmenschen nicht aussuchen. Bis zu einem gewissen Grad ist das auch gut so, weil es uns dazu zwingt aus unseren Komfortzonen herauszukommen. Es ist klar, dass die Welt da draußen nicht nur nach unseren Vorstellungen ablaufen kann. In einer Gemeinschaft muss man auch mal die Unzulänglichkeiten des Anderen ertragen. Andersherum haben wir vielleicht Eigenschaften, die andere Menschen stören. Trotzdem täte es einigen Menschen gut, ihre Taten im Sinne der Gemeinschaft zu überdenken. Schließlich muss die Öffentlichkeit ein Ort bleiben, an dem wir uns alle wohlfühlen.

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