Nirgends lernt man so gut socializen wie allein auf einer Hochzeit

Weil man ständig wieder von vorne anfangen muss.
Von Nadja Schlüter

„Hallo, darf ich mich zu euch dazustellen...?“

Illustration: Daniela Rudolf / Foto: pxhere

Als ich um vier Uhr morgens ins Bett ging, war ich stolz. Stolz, dass ich so lange durchgehalten hatte, ohne jemanden zu kennen. Stolz, dass ich mich nicht bis zur Besinnungslosigkeit betrunken hatte, um das Maß meiner Schüchternheit durch das Promille-Maß zu ersetzen. Stolz, dass ich etwas geschafft hatte, vor dem ich vorher tatsächlich Angst gehabt hatte (und das glaube ich auch für viele andere keine besonders leichte Aufgabe ist): alleine auf einer Hochzeit zu sein. Das ist nämliche eine soziale Feuerprobe, während der man sich regelmäßig fühlt wie die Neue in der Klasse, die Anschluss sucht. Nach bestehen dieser Probe fühlt man sich so erwachsen wie selten zuvor.

Okay, es müssen ein paar unglückliche Zufälle zusammenkommen, damit man überhaupt alleine auf einer Hochzeit landet. In meinem Fall weilte mein Freund im Ausland und ich durfte zwar eine andere Begleitung mitbringen, die dann aber nur zu den Teilen des Festes anwesend war, die alleine am unproblematischsten sind (Trauung, Kaffee und Kuchen), und verschwand, bevor es ans Eingemachte ging (Abendessen, Party). Außerdem kannte ich keinen der anderen Gäste – die Freundin, die heiratete, liegt mir sehr am Herzen, wir teilen aber keinen gemeinsamen Freundeskreis.

Ich befürchtete darum verschiedene unangenehme Situationen: hochnotpeinliches Alleineherumsitzen und die Deko anstarren. Verklemmte „Hey, darf ich mich zu euch dazustellen“-Anquatscher. Hochzeitsreden voller Insider, denen ich mit angetackertem Lächeln würde lauschen müssen.

Um das zu vermeiden, überlegte ich mir im Voraus ein paar Strategien. Auf jeden Fall eine kleine Handtasche mitnehmen, um zur Not immer interessiert aufs Handy schauen zu können. Kontinuierlich, aber langsam trinken, um immer ein Glas oder eine Flasche zum Festhalten zu haben, ohne nach zwei Stunden stockbesoffen zu sein. Und natürlich: Alles an Offenheit und Selbstbewusstsein, was mir gegeben ist (also nicht so besonders viel), in diesen einen Tag investieren.

Das Problem war nicht, Anschluss zu finden, sondern ihn zu halten

Das Gute an Hochzeiten ist, dass einem fürs Essen meist ein fester Sitzplatz zugewiesen wird. Darum musste ich nicht irgendwo um Dabeisitzerlaubnis fragen. Und weil Essen eine soziale Angelegenheit ist, lief der Teil des Abends ganz gut. Wir stellen uns einander vor, tranken Wein und plauderten. Alle waren sehr nett. Aber ich wusste, dass mir die wirkliche Herausforderung noch bevorstand: die Party. 

Das Problem an der Sache, so stellte sich bald heraus, bestand eigentlich gar nicht darin, Anschluss zu finden. Sondern darin, ihn zu halten. Beziehungsweise immer wieder aufs Neue zu finden. Eine Hochzeitsgesellschaft sieht von oben vermutlich aus wie eine Kolonie aus lauter Einzellern, jedes Grüppchen und jede Clique ist eine solche Zellkolonie. Die wabern den ganzen Abend über durch die Location und ab und zu teilen sie sich, verschmelzen dann aber wieder. Als Einzelperson, die zu keiner Zellkolonie gehört, kann man immer wieder irgendwo andocken – aber geht bei der Zellteilung auch jedes Mal wieder verloren, ebenso wie in Momenten, in denen die Gruppe ruckartig die Richtung wechselt und man dadurch ganz unvermittelt rauspurzelt.

Das spürte ich zum ersten Mal, als das Abendessen langsam zu Ende ging und jemand am Tisch sagte: „Lass uns in die Fotobox gehen!“ Bisher hatte ich einen festen Platz gehabt. An allen Orten jenseits des Tisches gab es aber keine Platzkarten, da war ich wie ein frei schwebendes Teilchen im Weltall. In einem Anflug von Panik, gleich ganz alleine dazusitzen, fragte ich: „Ich auch?“ Natürlich sagte dazu niemand nein. Natürlich war ich mit der Aufforderung aber eigentlich nicht explizit gemeint gewesen. Ich bemühte mich, auf den Fotos freundlich, aber unauffällig auszusehen.

Über den Abend hinweg gab es immer wieder solche Situationen. Auf der Tanzfläche hielt ich mich an die Menschen, die ich mittlerweile am besten kannte, und sie nahmen mich bereitwillig in ihren Kreis auf. Wenn dann ein Song kam, der die Jugendfreunde besonders miteinander verband, war das ein Party-Insider, den ich nicht genauso enthusiastisch mitfeiern konnte, wenn ich nicht die Gruppendynamik crashen wollte. Was tun? Einfach stehenbleiben und warten, bis das nächste Lied kommt? Fühlt sich seltsam an. Zur Bar oder zur Toilette gehen? Birgt das Risiko, hinterher nicht wieder andocken zu können. Am besten also: einfach etwas abseits weiter tanzen und so aussehen, als sei man völlig mit sich im Reinen. Das war nicht leicht, aber irgendwann machbar.

Ich wurde mit der Zeit gut darin, völlig beliebige Dinge zu sagen

Es gab weitere Formen der Zellteilungen. Menschen, die sich gut kennen, verstehen sich beinahe blind. Wenn nur die ersten Töne eines Songs erklangen, der für alle Mitglieder der Zellkolonie ganz selbstverständlich untanzbar war, verschwanden einzelne Teile der Gruppe so schnell und unvermittelt an die Bar oder nach draußen zum Rauchen, dass ich gar nicht schnell genug reagieren konnte. Etwas bedröppelt dackelte ich dann einem Teil hinterher, obwohl ich nicht rauche oder gar nichts trinken wollte. Oder rettete mich ans Handy oder auf die Toilette, wo ich mir mehr Zeit lies, als ich brauchte. Anschließend fing alles wieder von vorne an: langsam an eine Gruppe rantasten. Auf einen günstigen Moment warten, um ins Gespräch einzusteigen. 

Das Gute ist: Ich fand in diese Rolle hinein. Ich lernte über den Abend (und den Alkohol) hinweg, eine Tugend daraus zu machen, immer wieder alleine zu sein. Wenn ich am Handy ausruhte, weil ich mal wieder den Anschluss verloren hatte, und ein freundlicher Mensch im Vorbeigehen fragte, ob alles okay sei, konnte ich ehrlich und guten Gewissens sagen: „Ich ruhe nur aus.“ Wenn ich dann wieder versuchte, mich zu integrieren, quatschte ich irgendwen an der Bar an. Ich wurde gut darin, völlig beliebige Dinge zu sagen („Oh, ganz schön frisch hier draußen“, „Der Song erinnert mich immer an Partys in der Oberstufe“, „Ich will noch Kuchen, gibt es irgendwo noch Kuchen???“). Und das funktionierte. Weil jeder darauf irgendwas antwortete. Ich war extrem erleichtert, dass der einsamen Frau auf der Hochzeit einfach immer und überall geantwortet wurde. 

Am Ende des Abends hatte ich das Gefühl, einen wichtigen Erwachsensein-Test bestan-den zu haben. Denn Hochzeiten sind sehr erwachsene Feste – und alleine hinzugehen ist besonders erwachsen. Alles, was ich auf diesem Fest gelernt habe, werde ich ab sofort bei Meetings und Konferenzen anwenden (oder was man halt sonst so an Erwachsenen-Terminen zu absolvieren hat). Die Hauptsache ist: Einfach immer wieder zurück auf „Start“ gehen, neu Anlauf nehmen und irgendwo andocken. Hochzeiten haben gegenüber anderen Terminen allerdings einen entscheidenden Vorteil: Ab und zu kann man einfach die Menschen umarmen, die man dann zum Glück doch kennt und derentwegen man ja überhaupt da ist: das Brautpaar.

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