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Foto: Raechel Romero/Unsplash; Bearbeitung: jetzt

Lina* betrachtet sich im Spiegel, einmal von jeder Seite. Sie trägt ein grünes Kleid mit Fransen und glitzernden Pailletten an den Seiten. „Ich habe so lange nach so einem Kleid gesucht!“, sagt Lina und strahlt. Vor dem Spiegel tanzt sie wie eine Primaballerina. Dann dreht sie sich um: „Und?“ Nervös rutsche ich auf meiner Bank hin und her. Ich finde, dass Lina aussieht wie ein in die Jahre gekommener Disco-Pfau. „Äh, ich weiß nicht so recht...“, sage ich. Linas Lächeln verschwindet, aus ihren Augen spricht pure Enttäuschung. 

Wenn ich den Hauch einer Kritik an ihren Outfits äußere, nimmt Lina das persönlich. Sie ist dann verletzt und schwierig davon zu überzeugen, dass wir einfach nur einen unterschiedlichen Modegeschmack haben. „Also Fransen sind nicht so mein Ding, aber das Grün ist cool!“, schiebe ich schnell hinterher. Grün ist tatsächlich meine Lieblingsfarbe. „Es gefällt Dir?“, fragt sie. „Ja“, lüge ich. „Super, dann nehme ich's!“, sagt Lina und verschwindet wieder in der Umkleidekabine. Ich spüre einen Stich in meiner Brust.

Wenn ich darüber nachdenke, fühle ich mich schlecht. Weil Lina und ich uns so gut verstehen, habe ich das Gefühl auf allen Ebenen ehrlich zu ihr sein zu müssen. In meiner Vorstellung basieren Freundschaften immer auf Loyalität und Vertrauen. Vertrauen bedeutet für mich auch, dass der andere immer ehrlich zu mir ist. 80 Prozent der Deutschen sehen das auch so. Trotzdem zeigen Studien, dass wir generell öfters flunkern, als uns das bewusst ist.

Erstaunlich viele meiner Freunde sagen, dass sie schon mal einen Freund belogen haben

Ich frage in meinem Freundeskreis nach: „Habt ihr schon mal einen Freund belogen?“ Erstaunlich viele antworten direkt mit einem „Ja“. Ein Freund überlegt etwas länger, als der Rest. Er meint, er würde nicht lügen, aber viel verschweigen. Dinge „bewusst nicht äußern“, was im Duden als Erklärung für verschweigen steht, hält er nicht für lügen. Wer nichts sagt, kann auch nicht lügen, so sein Gedankengang.

Ganz so einfach ist das jedoch nicht. Denn Verschweigen und Lügen haben dasselbe Ziel: Die Wahrheit verschleiern. Der amerikanischen Psychologen Robert Feldman etwa sagt, dass etwas Verschweigen auch als Lüge zähle. Eine amerikanische Studie zeigte vor zwei Jahren, dass Menschen viel mehr verschweigen, als aktiv zu lügen, weil sie das für moralisch akzeptierter halten. 

So viel Lug und Trug, das klingt gar nicht mal so gut. Ich frage mich: Nähern wir uns dem Verfall der Sitten? „Nein“, sagt dazu Dr. Wolfgang Krüger, Psychotherapeut und Buchautor aus Berlin. „Im Alltag lügen wir oft, auch in Freundschaften. Das ist normal.“ Meistens, so Krüger, lügen wir aus Empathie oder Höflichkeit. 

Neulich habe ich eine Whatsapp-Nachricht von meiner Freundin Alex bekommen. Sie fragte, ob ich morgen mit ihr brunchen gehe. „Sorry, meine Eltern kommen zu Besuch, aber nächstes Mal gerne!“, tippte ich in mein Handy. Am nächsten Tag hatte ich frei. Allerdings hatte ich mich seit Wochen darauf gefreut, wieder mal einen ganzen Samstag nichts zu tun. Da war ich weder empathisch, noch höflich.

Der Grad der Lüge richtet sich nach der Intensität der Freundschaft

Der Grund meiner Notlüge war, so Krüger, ein ebenfalls häufiger: nämlich Faulheit. Und auch den lässt er ohne Bedenken gelten. „Wenn wir mal keine Lust auf eine Verabredung haben und uns eine Ausrede einfallen lassen, ist das noch nicht schlimm“, sagt er. Dabei richte sich der Grad der Lüge nach der Intensität der Freundschaft. Zu flüchtigen Bekanntschaften sind wir weniger ehrlich, als zu langjährigen Freunden. „Wir haben nur sehr wenig Freunde, zu denen wir immer ehrlich sind.“ Drei gute „Herzensfreundschaften“ habe ein Mensch durchschnittlich in seinem Leben, sagt Krüger.

Krügers amerikanischer Kollege Feldman ist sogar der Meinung, dass manche Menschen angelogen werden wollen. Wenn wir beispielsweise jemanden nach einem Rat bei einem Outfit fragen, wollen wir meistens lieber hören, dass wir gut aussehen, als ehrliche Kritik erhalten. Feldman findet das in Ordnung, schließlich seien kleine Lügen der „Schmierstoff einer Kommunikation“. Auch in engen Verhältnissen wie Freundschaften oder Beziehungen sei lügen in bestimmten Situationen erlaubt. Problematisch wird es bei notorischen Lügnern. Das „pathologische Lügen“, wie beim Münchhausensyndrom, muss medizinisch behandelt werden. 

Die wichtigste Frage habe ich Wolfgang Krüger aber noch gar nicht gestellt: War mein Verhalten gegenüber Lina also richtig oder nicht? „Bei guten Freundschaften sollte man versuchen, ehrlich zu sein. Man kann Meinungen konstruktiv äußern, bevor man zur Notlüge greift“, sagt er. Er rät außerdem, Kritik möglichst in einem anderen Kompliment unterzubringen. Anstatt Einzelheiten des Outfits zu loben, hätte ich Lina sagen können, dass ich das Kleid nicht gut finde, weil es ihre schöne Figur nicht so gut hervorhebt, wie andere Kleider. Ich frage mich, ob das nicht auch wieder gelogen ist? Komplizierte Sache, dieses Ehrlich-und-nicht-verletzend-Sein. Trotzdem nehme ich mir in Zukunft vor, ehrlicher zu Lina zu sein. 

Zwei Wochen später sitzen Lina und ich in meinem Wohnzimmer und planen meinen Geburtstag. Ich möchte eine Motto-Party im Gatsby-Stil schmeißen, alle sollen schick gekleidet kommen. Als ich Lina von meinen Dresscode-Vorstellungen erzähle, sagt sie: „Prima, dann kann ich ja mein neues grünes Kleid anziehen!“ Ich beiße mir auf die Unterlippe und überlege, was ich jetzt sagen soll. Ich höre mich „Mach das, das steht Dir prima!“ sagen. Mit großen Augen schaut mich Lina an und strahlt. Aber beim nächsten Mal sage ich wirklich die Wahrheit.  

*Die Namen der Freundinnen der Autorin in diesem Text wurden geändert.

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