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Wir sollten viel öfter ohne Anlass schenken

Weil es so viel schöner ist, wenn es zwanglos und völlig überraschend passiert.
Von Lara Thiede
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    Illustration: Katharina Bitzl

Letztens sprach ich mit einer Freundin darüber, dass einige Menschen leicht und andere schwer zu beschenken seien. Sie sagte: „Für Sarah finde ich immer was! Aber dann war ich über Weihnachten und Ostern nicht hier und an ihrem Geburtstag auch nicht. Ich hatte also gar keine Gelegenheit, das dieses Jahr unter Beweis zu stellen.“ 

Meine Freundin ist sicher nicht die einzige Person in diesem Land, die Geschenke nur dann besorgt, wenn ein Feiertag sie quasi dazu verpflichtet. Oder die das Präsent vielleicht vorher kauft – es dann aber so lange zurückhält, bis der nächste Anlass die Übergabe rechtfertigt. 

Warum zur Hölle macht man das so? Wie sind wir dahin gekommen, dass wir uns an jedem Mutter-, Vater- und Geburtstag, zu Weihnachten, Ostern und der Konfirmation mit Geschenken überhäufen, an anderen Tagen aber gar nicht erst daran denken, einer Freundin ein schönes Paar Ohrringe mitzubringen?

Für mich ist schenken eine der wichtigsten Formen, Liebe auszudrücken. Denn man verdinglicht dadurch die Gedanken, die man sich über und für andere macht. Der Gegenstand soll sagen: „Diese Sache war so schön, dass ich sie dir, du ebenso schöner Mensch, unbedingt mitbringen musste.“ Ich schenke deshalb immer dann, wenn ich etwas finde, das so gut zu einer Person passt, dass ich mir wünschte, sie hätte es. Das kostet dann natürlich entweder Geld oder Zeit oder Mühe oder alles zusammen. Aber es fühlt sich trotzdem immer und immer wieder gut an, spontan etwas für andere zu investieren.

Das konventionelle Schenken zu verschiedensten Anlässen verfehlt seinen Sinn – und stresst 

Auf jeden Fall besser, als wenn ich aus purem Pflichtgefühl vier Stunden durch die Innenstadt hetze, nur weil mir der Kalender sagt, dass gerade wieder Schenkezeit ist. Das konventionelle Schenken zu verschiedensten Anlässen verfehlt vollständig seinen eigentlichen Sinn – und stresst. 

Erst einmal mich als Schenkerin. Denn zum Geburtstag meiner Schwester muss das Präsent erstens pünktlich ankommen und zweitens was Besonderes sein. Klar, ich habe ja auch viel Konkurrenz: Alle engeren Bezugspersonen haben zumindest eine Kleinigkeit besorgt, einen Gutschein geschrieben, den Wunschzettel abgearbeitet. Deshalb muss ich notgedrungen auch vorher mit zwanzig anderen Geburtstagsgästen abklären, was denn nun unter all den Wünschen überhaupt noch offen ist. 1500 Gruppennachrichten auf meinem Handy, nur weil plötzlich der gesamte Freundes- und Familienkreis gleichzeitig Geschenke besorgen muss.

Und darin liegt dann auch der Stress für meine Schwester, die Beschenkte: Sie hat Geburtstag. Sie weiß, dass sie Geschenke bekommen wird. Sie will jedenfalls hoffen, dass das so ist – und malt sich unweigerlich die tollsten Überraschungen aus: Hofft, dass Tim noch weiß, welche Lampe sie letztens so schön fand, und Mama, dass sie gerne mal wieder mit ihr ins Ballett würde. Eigentlich wäre sie aber lieber anspruchslos. Denn aus Erfahrung weiß sie: Die Erwartungen werden nicht erfüllt. Weil unter dem Druck, das perfekte Geschenk zu finden, natürlich wieder keiner an die kleinen unausgesprochenen Wünsche gedacht hat. Mama schenkt ihr Geld und Tim übergibt ihr mal wieder ein Buch – wo er doch weiß, dass sie gerade keine Zeit zum Lesen hat. 

Es liegt einfach plötzlich vor einem, das Ding-gewordene Liebesgeständnis

Auf solche Enttäuschungen will man nicht pampig reagieren, aber so richtig authentisch dankbar kann man am Ende eben doch nicht sein. Eine Umarmung hilft, den prüfenden Blick des Schenkers von der Mimik des enttäuschten Beschenkten abzuwenden. Und dann ist auch schon das nächste Päckchen dran. Schenken und Beschenktwerden zu Anlässen wird so zu einem wahren Kraftakt. Und selbst, wenn jeder Gast alles richtig machen sollte, jedes Geschenk ein Knaller ist: Am Geburtstag weiß man grundsätzlich alles weniger zu schätzen. Denn an einem solchen Anlass ist das Beschenktwerden Formalität, ganz normal, alles nicht so besonders. 


Und das ist der Vorteil am anlasslosen Schenken: Schon alleine der Akt an sich ist etwas Besonderes. Nichts, aber auch rein gar nichts, könnte diese Schenkung zu einer Enttäuschung werden lassen. Womit man nicht gerechnet hat, hat schließlich keine Erwartungen aufkeimen lassen. 

Es liegt einfach plötzlich vor einem, das Ding-gewordene Liebesgeständnis. Ob es nun wirklich zu einem passt oder nicht, ob es nun schon wieder ein Buch ist oder in der völlig falschen Farbe gewählt wurde – das alles zählt nicht. Jede Kritik am Gegenstand prallt an ihm ab. Denn was hier wirklich zählt, ist nicht das Geschenk selbst, sondern die Geste. Sie zeugt nicht von Anstand, sie zeugt davon, dass ein anderer Mensch wirklich, wirklich stolz auf einen ist oder in einen verliebt oder einfach sehr glücklich, dass man befreundet ist.

Ich lege meiner Schwester also einfach mal so, an einem beliebigen Tag, eine Schatulle vor die Nase. Darin ist ein Ring, den sie sich lange gewünscht hatte. Statt mit Verlegenheit und gespielter Freude, reagiert meine Schwester mit dem aufrichtigen Ausruf: „Für mich? Aber womit hab ich denn das nun wieder verdient?“

Und ich kann antworten: „Einfach, weil du ein so toller Mensch bist und ich an dich denken musste.“ Und sie wird mir das wirklich glauben und sich noch lange daran freuen. Denn warum sonst hätte ich sie beschenken sollen? Es gab doch gar keinen Anlass.

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