Weihnachten mit Fremden feiern

Wenn die Familie zu weit weg ist, sucht man sich die Heiligabendgesellschaft übers Internet.
Von Sophie Aschenbrenner

Bildrechte: margie, antifalten, utadohl / photocase.de; Bearbeitung: jetzt

Weihnachten und Familie gehören zusammen, das ist für viele nicht verhandelbar. Und wer einmal mit einer anderen Familie den Weihnachtsabend verbracht hat, vielleicht mit derjenigen des Partners oder der Partnerin, der weiß, wie schnell man an sein Limit kommt. Wie, die machen schon vor dem Essen Bescherung?! Und überhaupt: Was essen die eigentlich? Müsste das nicht festlicher sein oder weniger festlich, ein ordentlicher Braten oder was viel weniger Traditionelles? Wer den Baum schmückt, ob und wann man in die Kirche geht, wie viel getrunken wird: alles ungeschriebenes Gesetz.

Weihnachten ganz ohne Familie zu feiern, das können sich auch deswegen die wenigsten vorstellen. Manche müssen das aber, zum Beispiel, weil sie weit weg von Zuhause leben. Campbell ist 25 und studiert seit vier Jahren in Berlin klassische Musik. Ursprünglich kommt er aus Brisbane in Australien. Einfach mal über Weihnachten nach Hause fliegen, das ist für ihn nicht drin. Dieses Jahr feiert er mit seiner besten Freundin und deren Familie in ihrer bayerischen Heimat. Aber bis dahin hat er schon ganz andere Feierkonstellationen durchlebt, und nicht alle waren schön.

„Eine Familienfeier mit Menschen, die ich nicht kenne“

Das erste Weihnachten in Berlin verbrachte er alleine: kochen, auf dem Sofa rumhängen, entspannen. Dann merkte er: Es geht vielen wie mir. Und begann, Weihnachten mit ganz Fremden und entfernten Bekannten zu verbringen, einmal zum Beispiel nur mit australischen Hornisten. „Die Idee war: Wir kommen alle aus dem gleichen Land und spielen alle das gleiche Instrument. Das müssten ja genug Gemeinsamkeiten sein“, sagt er. Aber: Es passte einfach nicht. „Wir haben nur über das Studium und den Job gesprochen und darüber, wer erfolgreich ist, wer nicht, weil wir sonst keine Verbindungen hatten. Es war so anstrengend.“

Trotz gutem Essen, Rotwein und Kerzen war der Abend alles andere als weihnachtlich. Und Campbell merkte: „Ich habe nicht das Bedürfnis, eine Familienfeier mit Menschen zu verbringen, die ich nicht gut kenne.“ Es fällt ihm insgesamt schwer, sich in Deutschland auf Weihnachten einzustellen, erzählt er, denn in Brisbane sieht das ganz anders aus: 35 Grad, Familienfeier am Pool, Grillparties mit Meeresfrüchten. Plätzchen, Glühwein und Temperaturen um die null Grad sind für ihn eher Stimmungskiller.

Nicht nur Expats stehen an Weihnachten vor dem Problem, nicht automatisch eine Familienfeier zu haben. Die Facebook-Gruppe „Weihnachten (nicht) allein 2018“ hat 2100 Mitglieder. Im vergangenen September waren es noch 80, erzählt Moderatorin Sarah: „Das Interesse ist riesig.“ In der Gruppe vernetzen sich Menschen aus ganz Deutschland, die sich vorstellen können, Weihnachten mit Fremden zu verbringen. Derzeit gibt es etwa 80 Gastgeber, die Fremde zu sich einladen - und deutlich mehr willige Gäste.

Sarah selbst hat damit gute Erfahrungen gemacht. „Vergangenes Jahr habe ich zum ersten Mal mitgemacht“, erzählt sie. Am 26. Dezember lud die 28-Jährige zwei deutlich ältere Frauen zu sich nach Hause ein. Vorher hatten sie nur über Facebook Kontakt, trafen sich nicht, telefonierten nicht einmal. „Und es war so schön“, fasst Sarah zusammen. „Wir waren uns alle drei sehr ähnlich, haben uns super unterhalten, zusammen Kaffee und Kuchen gegessen und später Raclette gemacht.“ Der Unterschied zwischen Sarah und Campbell: Sarah feiert mit ihrer Familie in Belzheim am 24. Dezember auch ein klassisches Familienfest. Sie sagt aber: „Das können nicht alle haben. Und ich will von meinem Glück was abgeben.“

Deshalb moderiert sie auch die Facebook-Gruppe. Denn am Ende geht es ja an Weihnachten vor allem um eins: dass man nicht alleine ist. Ob man dann mit Familie oder Fremden feiert, ist fast schon zweitrangig. 

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