„Es müssen sich an Weihnachten nicht alle besonders mögen“

Ein Familientherapeut verrät, wie man den Feiertagsterror übersteht.
Interview von Mercedes Lauenstein

Illustration: Federico Delfrati

Egal, wie oft man Weihnachten schon gefeiert hat: jedes Jahr ist es aufs Neue schwierig, mit den Herausforderungen eines großen Familientreffens umzugehen. Björn Enno Hermans, Familientherapeut aus Essen, erklärt, worauf es bei Feiertagen ohne Dramen ankommt.

jetzt: Welche drei Grundsätze würden Sie als Familientherapeut jedem Familienmitglied zu Weihnachten vorab mitgeben?

Björn Enno Hermans: Erstens: Das Fest nicht mit Erwartungen überfrachten. Tolle Familienbegegnungen kann man auch an jedem anderen Tag im Jahr haben, es müssen sich an Weihnachten nicht alle besonders mögen. Zweitens: Man sollte sich immer fragen, ob nicht auch alles eine Nummer einfacher geht. So wenig Zusatzstress wie möglich veranstalten. Keine tollen Rezepte kochen, die man noch nie ausprobiert hat oder ähnlich gutgemeinte Aktionen. Viel wichtiger ist die Frage: Was tut den Beteiligten wirklich gut, jenseits aller festgefahrenen Erwartungen? Drittens: Keine Grundsatzdiskussionen oder konfliktreichen Klärungsgespräche auf die Weihnachtsfeiertage verlegen, nur weil da endlich mal wieder alle an einem Tisch sitzen. Für Problemgespräche verabredet man sich lieber an anderen Tagen.

Gerade in Patchwork- oder Scheidungsfamilien ist es besonders schwer, es allen Beteiligten recht zu machen. Irgendjemand fühlt sich immer zu kurz gekommen. Was hilft?

Man sollte es mit der ausgleichenden Gerechtigkeit zumindest mal versuchen. Am einfachsten ist es, man wechselt sich im Jahresturnus ab: Ein Jahr Weihnachten bei der Mutter, ein Jahr beim Vater. So bleibt es überschaubar. Die Weihnachtszeit eines einzigen Jahres ist zu kurz, um allen Bedürfnissen gerecht zu werden. Was auch mittlerweile recht viele Familien machen und wirklich gut funktioniert ist, sich bewusst von der Idee zu lösen, dass Heiligabend und die zwei Weihnachtsfeiertage die besonders hochwertigen Feiertage sind. In diesen Familien werden einfach der vierte Advent und die Tage und Wochenende nach Weihnachten gleichwertig in die Verteilung miteinbezogen.

Meine Beobachtung ist: Je älter man wird, desto eher möchte man auch mal Weihnachten mit anderen Menschen als der eigenen Familie feiern. Wie macht man das, ohne sich mit einem schlechten Gewissen zu plagen oder andere zu verletzen?

Das ist ein kompliziertes Thema. Ein schlechte Gewissen ist ja kaum zu vermeiden, wenn ich der Erwartung einer anderen Person nicht nachkomme und damit negative Emotionen bei dieser Person auslöse. Trotzdem kann die Lösung nie sein, Dinge zu tun, mit denen es mir nicht gut geht. Ich muss mich ehrlich fragen, welches Bedürfnis ich habe und dieses so transparent wie möglich kommunizieren.

Wie könnte das aussehen?

Ich kann zum Beispiel sagen: Ich nehme wahr, dass ihr mich bei dem Familientreffen dabei haben wollt. Es ist nicht meine Absicht euch zu kränken, aber ich kann euch diesen Wunsch nicht erfüllen, weil ich mich damit nicht wohl fühle. Wenn bei den anderen daraufhin negative Affekte entstehen, sie also enttäuscht sind, traurig, wütend, dann muss ich damit erstmal leben. Ich kann das Erleben der anderen nicht steuern und dafür auch keine Verantwortung übernehmen. Das liegt außerhalb meines Kontrollbereichs.

Also muss ich nie mehr mit zum Besuch bei der nervigen Tante? Natürlich kann man sich auch mal zu Gefallen hinreißen lassen, wenn sie einem nicht wehtun. Oder eine Alternative vorschlagen und diejenige Person, die man bei einem Familientreffen wirklich sehen will, mal gesondert treffen. Aber etwas zu tun, bei dem es einem schlecht geht, nur um jemanden glücklich zu machen, sollte man nie.

Gute Kommunikation ist also alles.

Alle Menschen haben das Bedürfnis, gesehen und wertgeschätzt zu werden. Zu Streit- und Wutausbrüchen kommt es immer dann, wenn dieses Bedürfnis untergraben wird und jemand das Gefühl hat: meine gute Absicht wird nicht erkannt. Deshalb ist es wichtig, dass die eigenen Botschaften keine Abwertungen enthalten und man vor jedem Wutausbruch erstmal bis zehn zählt und sich klar macht, welche positive Absicht hinter dieser Sache stecken könnte, die man gerade als Angriff empfunden hat. Es ist nur wichtig, dass man sich treu bleibt. Wir müssen sagen, was wir wollen. Aber wir sollten es mit der nötigen Offenheit und dem nötigen Respekt tun.

Passend dazu: Wie kommuniziere ich mein Missfallen an einem liebevoll ausgewählten Geschenk? Und andersherum: Wie gehe ich damit um, wenn jemandem mein mühevoll ausgesuchtes Geschenk nicht gefällt?

Es ist wichtig, sich über die Bedeutung des Geschenks und die eigene Beziehung zu der schenkenden oder beschenkten Person klar zu werden. Ist das Tante Erna, zu der ich keine Beziehung habe, die aber eine rührige alte Dame um die 80 ist, wird die sowieso nie mitkriegen, ob ich das Geschenk verwende oder weitergebe. Handelt es sich aber um eine nahestehende Person, kann man sich mit angemessenem Einfühlungsvermögen ehrlich bedanken für die Mühe hinter dem Geschenk. Und trotzdem mit aller Höflichkeit klar machen, dass man sich freuen würde, wenn man es gegen etwas Nützlicheres umtauschen dürfte. Das gleiche gilt auch andersherum.

Nur, weil man erwachsen ist, heißt das nicht, dass man seine Familienprobleme immer selbst in den Griff kriegen muss

Welche mentale Feiertagsroutine können Sie empfehlen, um der Enge der Festtage zu entfliehen?

Wer weiß, dass ihm an den Feiertagen gern mal alles zu viel wird, sollte sich vorher konkrete Zeitfenster einplanen, die er mit Dingen füllt, die ihn entspannen und eine Art Belohnung darstellen. Und sei es nur nachmittags mal allein und in Ruhe fernzusehen oder eine Stunde Sport zu machen.

Und was tröstet, wenn wirklich alles schief geht und man kurz vor Silvester völlig zerstritten auf der Straße steht und gar nicht weiß, wie man die Disharmonien jemals wieder ins Lot bringen soll?

Man versucht natürlich immer, die Konflikte innerhalb der Familie zu klären. Aber manchmal geht es halt nicht mehr. Und dann ist die Familientherapie eine gute Chance, Licht ins Dunkel zu bringen. Das Angebot ist wirklich groß, es gibt deutschlandweit kostenlose Beratungsstellen. Und ehrlich gesagt ist es gar nicht so selten, dass gerade jene Familien Hilfe suchen, deren Kinder längst erwachsen und aus dem Haus sind. Meine letzten beiden Fallanfragen zum Beispiel: bei der einen Familie kamen Eltern zu mir, die unglücklich über das Verhältnis zu ihrer erwachsenen Tochter waren. Bei der anderen Familie kamen zwei Töchter Ende 20, Schwestern, die gesagt haben: wir möchten ein besseres Verhältnis zu unseren Eltern. Nur, weil man erwachsen ist, heißt das nicht, dass man seine Familienprobleme immer selbst in den Griff kriegen muss.

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