Wie Introvertierte in Schule, Uni und Job besser zurechtkommen

Denn: Ruhig ist nicht gleich faul. Das sollten auch die Institutionen lernen.
Von Franziska Setare Koohestani
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Foto: Naomi Suzuki, Unsplash / Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

„Du bist ja eher ein ruhiger Mensch“. Mit diesem Satz begründete eine Lehrerin mal meine schlechte Gesamtnote auf dem Zeugnis. Denn obwohl die schriftlichen Leistungen ziemlich gut waren, hätte ich mich einfach zu selten „mündlich“ im Unterricht beteiligt. Diese Diskrepanz war für mein ultra introvertiertes Teenie-Ich nichts Neues. Großartig aufgerührt hatte es mich bis zu diesem Zeitpunkt nicht. Doch die Begründung meiner Lehrerin traf mich wie ein Tritt in die Magengrube. Weil es die Logik dahinter offenbarte: Ein ruhiger Mensch bringt automatisch schlechte Leistungen. Als wäre diese Verknüpfung selbstverständlich. 

Bei introvertierten Personen können solche Situationen Selbstzweifel auslösen. Ehe man sich’s versieht, erlebt man die eigene Introversion als Makel. In-Sich-Gekehrt-Sein ist in den vielen große Institutionen, die wir im Leben durchlaufen – Schule, Uni, Berufsschule, Ausbildung, Job – auf den ersten Blick nicht gefragt. Überall gehört es selbstverständlich dazu, in großen Gruppen zu diskutieren und dabei am besten noch selbstsicher aufzutreten. Manchmal macht es auf mich den Eindruck, dass die Lauten und Gesellig-Selbstbewussten für ihr Verhalten belohnt werden. Und tatsächlich ist Vieles in unserer westlichen Arbeitswelt für Extrovertierte ausgerichtet: bei Networking und Brainstorming geht es schließlich nicht gerade darum, ruhig und bedächtig zu arbeiten.

Die Introvertiertheit ist keine Schwäche, sondern eine Stärke

Dabei ist das nicht die einzige Sicht auf Introvertiertheit. In Büchern wie „Still. Die Kraft der Introvertierten“ von Susan Cain oder „Die Stärken der Stillen“ von Jennifer B. Kahnweiler wurde bereits propagiert: Die Introvertiertheit ist keine Schwäche, sondern eine Stärke. Während introvertierte Mitarbeiter*innen vielleicht nicht dauernd ihre Ideen spontan in Gruppen-Meetings einbringen, können sie Vorschläge dafür besonders gründlich, konzentriert und zuverlässig bearbeiten. Sie sind vielleicht seltener Networking-Profis, dafür aber häufiger genaue Beobachter*innen.

Trotzdem: Common Sense ist diese Ansicht leider noch nicht – vor allem mit Blick auf besagte Institutionen. Wenn Lehrpersonen und Vorgesetzte Zurückhaltung oder Stillsein sanktionieren und vielleicht sogar eine „gut gemeinte“ Ellenbogen-Mentalität predigen, dann bleibt wenig Platz für all jene, die dieser Norm nicht entsprechen.

Dabei bedeutet Vielfalt im Arbeitsumfeld mehr als Männer, Frauen, Personen mit Migrationshintergrund und so weiter. Es bedeutet nämlich auch, dass Introvertierte und Extrovertierte sich sehr gut ergänzen und produktiv zusammenarbeiten können. Und nicht nur dort harmonieren sie: Viele meiner schönsten Freund- und Partnerschaften habe – und hatte – ich mit Extrovertierten.

„Durchsetzung geht auch, wenn man still ist“

Um das zu verstehen, muss man aber genauer erklären, was es heißt, extrovertiert oder eben: introvertiert zu sein. Sowohl sich selbst, als auch anderen gegenüber. Introvertiert zu sein heißt im Grunde: eher auf das eigene Innenleben gerichtet zu sein. Das bedeutet aber nicht, dass alle Introvertierten schüchtern sind. Wie unterschiedlich das sein kann, zeigt mir zum Beispiel ein Gespräch mit Sarah zu dem Thema. Sie studiert Sonderpädagogik in Köln und bezeichnet sich auf Twitter als „world’s most famous introvert“ – denn dort schreibt sie regelmäßig über das Thema. In einem Chat tausche ich mich mit ihr über unsere Erfahrungen als introvertierte Personen aus. Sie erzählt: „Introvertiert heißt einfach, dass ich meine Energie nicht daraus ziehe, unter Menschen zu sein.” Sarah nennt das den „sozialen Akku”, der in Gesellschaft schneller leergehe und durch das Alleinsein wieder aufgetankt werde: „Das heißt nicht, dass ich nicht kompetent bin oder mich nicht durchsetzen kann. Durchsetzung geht auch, wenn man still ist. Manchmal sogar besser.“

In der Schulzeit hat sie ähnliche Erfahrungen gemacht wie ich. Bei jedem Elternsprechtag wurde gesagt, sie müsse endlich anfangen, ihre mündlichen Noten zu verbessern. „Nur weil man im Unterricht nicht viel redet, heißt das nicht, dass man nicht mitarbeitet, aber so wird es ja leider oft bewertet“, sagt Sarah, die selbst angehende Lehrerin ist: „Aber zwischen Verweigerung und sich nicht melden gibt es halt einen großen Unterschied, der leider viel zu selten gesehen wird. Vor allem wird den stillen Schüler*innen ja so auch suggeriert, dass sie sich anstrengen müssen und extrovertiert und ‚richtig’ werden können. Das finde ich schade.“

Etwas, das mein Introvertierten-Herz bis heute höherschlagen lässt: Vorträge skripten

Dabei stimmt es beispielsweise nicht, dass introvertierte Personen sich niemals an Gruppendiskussionen beteiligen möchten. Es fällt ihnen nur leichter, indem man ihnen längere Bedenkzeit einräumt, sie Wortbeiträge notieren dürfen, bevor sie sprechen. Bis heute hilft mir das Verschriftlichen von Gedanken dabei, mich beim Sprechen in Gruppen sicherer zu fühlen. Im Schulunterricht habe ich mich prinzipiell gern beteiligt, wenn ich Hausaufgaben vorlesen durfte, die ich in meinem eigenen Tempo zu Hause erarbeitet hatte. Im Studium galt dann das Ideal von „frei vorgetragenen“ Referaten nicht mehr. Ich durfte etwas tun, das mein Introvertierten-Herz bis heute höherschlagen lässt: Vorträge skripten. Natürlich sollte man darauf achten, dass der Vortragstext in gesprochener Sprache verfasst wird, also nicht zu verschwurbelt ist. Manchmal hilft das Skripten aber auch einfach nur als mentale Stütze.

Für Sarah ist zum Beispiel Twitter ein Medium, durch das sie sich als Introvertierte besonders gut ausdrücken kann. Denn sie mag es, sich mit Menschen auszutauschen und das funktioniert für sie über das Internet einfach besser: „Ich kann an Kommunikation teilhaben, wenn ICH das will. Wenn ich gerade nicht will, gehe ich nicht online“, erklärt sie. Durch den Online-Austausch mit anderen Introvertierten habe sie außerdem gemerkt, wie normal das ist. 

Wenn man versteht, wie man selbst tickt und wann der eigene „soziale Akku“ leer ist, kann man als introvertierte Person durch kreative Methoden in Schule, Uni, Ausbildung, Job & Co. besser klarkommen. Es würde aber helfen, wenn es die Institutionen selbst es den Introvertierten auch etwas leichter machen würden, sich einzubringen. Zum Beispiel, indem nicht jede*r im gleichen Tempo oder räumlichen und sozialen Umfeld gleich gut arbeiten muss, sondern mehr Platz für unterschiedliche Arbeits- und Kommunikationsweisen ermöglicht wird. Und indem man nicht von vornherein abgeurteilt wird, weil man zurückhaltend und ruhiger ist.

Gelöst habe ich die Situation, durch einen introvertierten Streber-Move

Nach der Situation mit meiner Lehrerin bei der Notenvergabe wurde ich geradezu panisch in ihrem Unterricht. Während ich vorher – zwar schweigsam – aufmerksam teilgenommen hatte, konnte ich mich nun kaum konzentrieren. An mehr mündliche Beteiligung war nicht zu denken. Ich fühlte mich abgestempelt und das machte mich wütend.

Gelöst habe ich die Situation, durch einen introvertierten Streber-Move: als ich das nächste Mal ein Referat halten musste, habe ich stattdessen einen Stop-Motion-Kurzfilm gedreht – mit selbstgebasteltem Material und selbst-eingesprochenem Voice-Over. So blieb es mir erspart, vor der gesamten Klasse live zu sprechen. Obwohl diese Aktion aus einer Blockade und ein bisschen Wut heraus entstanden ist, hatte es etwas Gutes: Ich konnte unter den Bedingungen arbeiten, die meinen Fähigkeiten und meinen Präferenzen entsprechen und meiner Lehrerin damit zeigen: „Ruhige Menschen sind nicht dumm oder faul. Auch sie sollten gefördert und anerkannt werden.“ Sie hat sich später sogar bei mir entschuldigt – und das Film-Referat mit einer Eins bewertet.

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