„Seid ihr nicht noch viel zu jung dafür?"

Sich fest an jemanden zu binden in den wilden Zwanzigern? Für viele ein No-Go.
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Mit 18 machen viele Menschen gerade ihren Führerschein. Ziehen in die erste WG. Oder gehen auf Weltreise. Aber heiraten? Das ist für die meisten 18-Jährigen sehr weit weg.  Auch Dominic hielt davon nicht besonders viel. Bis er Donja auf einem Rave kennenlernte. Und sich sofort verliebte. Damals war er 18, sie 21. Bereits nach drei Wochen voller gemeinsamer, langer Partynächte kamen Donja und Dominic zusammen. Nach nur sechs Monaten Beziehung machte Dominic ihr einen Antrag. In einem Kölner Club, früher ein alter Schrottplatz, inzwischen ein Kulturgebäude. Etwas ungewöhnlich ist aber nicht nur der Antragsort, sondern auch die Tatsache an sich.

Denn wer heute heiratet, ist laut Statistischem Bundesamt durchschnittlich um die 30 bis 35 Jahre alt. Nicht nur heiraten viele Menschen damit später als die Generation ihrer Eltern, insgesamt wagen sie auch immer seltener den Schritt in die Ehe. Seit 1950 hat sich die Zahl der jährlichen Eheschließungen in Deutschland halbiert. Aber es gibt immer wieder junge Paare, die diesem Trend trotzen. Dominic und Donja etwa, die sich bereits mit 20 und 22 das Ja-Wort gaben. Weil Donja Afghanin ist, Dominic aber Deutscher, hielten sie ihre Beziehung von Beginn an vor Donjas Familie geheim. Eine Ehe war ihnen aber so wichtig, dass sie im Geheimen von Köln nach Wien umzogen, um dort heimlich zu heiraten. Und um ihre Liebe auszuleben.

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Als Dominic Donja kennenlernte, habe ihn die Liebe wie einen Blitz getroffen.

Foto: privat

„Ich dachte mir immer: Heiraten, macht das überhaupt Sinn?“, sagt Dominic heute. „Wenn du einen Menschen wirklich liebst, dann kannst du ihm die Sicherheit auch anders geben. Du musst nicht auf Papier draufschreiben, wir sind jetzt verheiratet.“ Seine Einstellung hat sich mit der Liebe zu Donja schlagartig geändert. Er sagt, durch die Ehe wolle er der Welt zeigen: Wir gehören zusammen. Nicht nur jetzt, sondern auch noch viele Jahre in der Zukunft. Und länger warten wollte er auch nicht: „Ich habe gespürt, dass das Leben mir gerade diese Person gibt. Und ich werde nicht sagen, joa, passt mir aber gerade nicht, ich bin ganz schön jung”, sagt Dominic. 

Ihre Heirat war ein Liebesbeweis – aber brauchte es das?

„Die Ehe ist noch immer eine wichtige Beziehungsform“, sagt die Soziologin Jacqueline Klesse. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungsprojekt „Der Ernst der Ehe“ der Universität Siegen. Sie untersucht, wie sich gesellschaftliche Wandlungsprozesse und rechtliche Konsequenzen bei Eheschließungen - wie zum Beispiel das Ehegattensplitting – auf die Deutung der Ehe selbst auswirken. 

„Was sich vielleicht verändert hat, ist die Bedeutung, die man einer Ehe zuschreibt. Man heiratet nicht mehr, um zusammen zu leben und Kinder zu bekommen oder um in eine gemeinsame Wohnung zu ziehen. Da ist es kein Muss mehr.“ Dreiviertel der unter 30-Jährigen empfinden die Liebe als den besten Grund, „ja“ zu sagen. Bei älteren Paaren spielen dagegen auch Gründe wie Steuerersparnisse eine größere Rolle. Zwar sind auch Dominic und Donja zusammengezogen und haben ein Kind bekommen. Doch ihre Heirat selbst war nicht mehr und nicht weniger als: ein Liebesbeweis. 

Aber Jacqueline Klesse hat auch beobachtet, dass besonders für junge Paare häufig auch noch andere Gründe wichtig sind. Zum Beispiel religiöse:  „Die Paare wollten nicht zusammenziehen, bevor sie nicht auch verheiratet sind“, sagt Klesse. Ähnlich war es auch bei Karolina und William, beide 22. Sie verlobten sich nach einem halben Jahr Beziehung, damals waren sie erst 18 Jahre alt – und noch in der zwölften Klasse des Gymnasiums. Zwar betonen beide, dass sie in erster Linie aus Liebe geheiratet haben. Aber: „Wir sind in katholisch-christlichen Familien aufgewachsen“, sagt Karolina. William fügt hinzu: „Wenn man in so einer Familie ist, ergreift man eher die Chance, früher rauszukommen. Man will nicht gejudged werden.“ Heute wohnt das Studentenpaar gemeinsam in dem Haus von Williams Großmutter. 

„Wir waren Außenseiter, etwas Besonderes im negativen Sinne", sagt sie

Hatten Karolina und William Angst, von ihren Eltern verurteilt zu werden, wenn sie nicht heiraten, war die Reaktion ihrer Freund:innen genau umgekehrt. Ob sich die beiden denn sicher seien mit der Verlobung? Ob sie dafür nicht noch zu jung seien? Gängige Klischees begegneten dem Paar immer wieder. „Wir waren Außenseiter, etwas Besonderes im negativen Sinne“, sagt Karolina. „Man musste fast schon argumentieren, warum es eine gute Entscheidung war zu heiraten“, bestätigt William. Ihre Freund:innen können es bis heute nicht nachvollziehen. William sieht es aber so: Wer sich wirklich liebt, der verschiebt seine Heirat nicht nur des Alters willen nach hinten –  sondern misstraut seiner Beziehung insgeheim. 

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Ob sie an der Ehe auch etwas nervt? „Jeder denkt, er muss zu Grillpartys immer beide von uns einladen", sagen Karolina und William.

Foto: Karol Sekowski

Wer mit Anfang 30 heiratet, der muss sich hingegen selten rechtfertigen. Als „Schlussstein-Ehe“ bezeichnet das Andrew Cherlin, Soziologe an der Johns Hopkins University, in der New York Times. „Früher war die Heirat der erste Schritt ins Erwachsenenalter. Jetzt ist es oft der letzte." Auch Jacqueline Klesse sagt: „Paare wollen oft erst eine finanzielle Sicherheit haben, um sich ein großes Fest leisten zu können und möchten schon im Beruf stehen.“ 

Das betrifft auch Paare, die schon mit Anfang 20 heiraten. Wie Julia und Michael. „Wir haben uns über Instagram kennengelernt“, sagt Julia. Für sie spielt das Alter bei einer Ehe keine Rolle. Die Hauptsache sei nur, dass man sich reif und bereit für sie fühle. Und: „Für uns war es einfach immer wichtig, dass wir im Leben stehen, dass wir eine Ausbildung haben, einen Job, eine Wohnung, ein geregeltes Einkommen.“ Die Liste war irgendwann abgehakt, nach drei Jahren Beziehung folgten die Heirat, dann das erste Kind, die Kleinfamilie war komplett. Was hat sich verändert seit der Ehe? „Ich fühle mich meinem Mann jetzt noch viel mehr verbunden als davor”, sagt Julia. 

Ein Ehevertrag ist heute nicht mehr automatisch eine Misstrauensbekundung

Doch was passiert, wenn das Gefühl der Verbundenheit plötzlich verfliegt? Darüber, ob sich Paare, die jung heiraten, auch früher scheiden lassen, ist bisher recht wenig bekannt. Klar ist aber: Eine Scheidung ist heute gesellschaftlich akzeptierter als früher, das sagt auch Jacqueline Klesse. „In der Individualisierungstheorie würde man sagen, dass Paare mehr auf sich hören und sich von traditionellen Vorgaben lösen.“ Zumindest wenn es nach der Statistik geht, denn immerhin jedes dritte verheiratete Paar lässt sich wieder scheiden. Im Jahr 2019 heiratete bei knapp einem Drittel der Ehen zwischen Mann und Frau mindestens einer der Eheleute nicht zum ersten Mal. 

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Anfangs wollte Julia ihren zukünftigen Ehemann nicht kennenlernen – sein Instagram-Profil gefiel ihr nicht.

Foto: privat

Selbst ein Ehevertrag ist deshalb kein Fauxpas mehr oder automatisch eine Misstrauensbekundung. Wer im Falle einer Trennung was bekommt, darüber sprechen auch Julia und Michael. „Du weißt nie, wie es endet. Es war uns wichtig, alles im Voraus zu regeln, damit es später nicht zu Streitigkeiten kommt“, sagt Julia. 

Sich fest an jemanden zu binden in den wilden Zwanzigern – für viele ist es ein absolutes No-Go. Man will ja nichts verpassen. Doch für Menschen wie Dominic hat sich im Vergleich zu seinem früheren Lebensstil nicht viel verändert. Auf Partys und in Clubs geht er noch immer. Nur legt er sich nach dem Feiern eben nicht mehr in ein leeres Bett, sondern zu Donja und seinem Kind. „Ich komme morgens nach Hause, wenn die beiden gerade aufwachen, und das ist das Schönste überhaupt“, sagt Dominic. Ihre Liebe fand sogar ein zweites Happy End: Auch Donjas Familie hat Dominic mittlerweile akzeptiert. Eines Morgens, zwei Monate nach ihrem Umzug nach Wien, stand Donjas Vater unangekündigt mit einem Strauß Blumen in der Hand vor der Haustür. Er wollte den beiden gratulieren.

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