„Eine Hochzeit zwischen einem Christen und einer Muslimin ist in Ägypten undenkbar“

Mina, 28, ist orthodoxer Christ und Ägypter. Früher wollte er eine Christin und Jungfrau heiraten. Heute lebt er mit seiner nicht religiösen Ehefrau in Berlin.
Protokoll von Alexander Gutsfeld
sex auf arabisch coptic egypt

Illustration: jetzt

Potente Machos und prüde Jungfrauen. Über arabische Männer und Frauen gibt es viele Vorurteile. In der Kolumne „Sex auf arabisch“ reden sie über Geschlechterrollen, Liebe und Sex – und ihr Verhältnis zu Deutschland. 

Mina (Name geändert), 28,  kommt aus Ägypten und ist Kopte. Kopt*innen sind eine christlich-orthodoxe Religionsgemeinschaft in Ägypten. Etwa zehn Prozent der Gesamtbevölkerung dort sind Christ*innen, die meisten davon Kopt*innen. Die Zusammenleben mit den Muslim*innen, die in Ägypten die überwiegende Mehrheit ausmachen, ist zwar weitgehend friedlich, allerdings wird die koptische Gemeinschaft auch oft diskriminiert. Und: In den vergangenen Jahren wurden koptische Kirchen immer wieder zum Ziel von Anschlägen. Außerdem verbietet  das ägyptische Gesetz eine Ehe zwischen einem christlichen Mann und einer muslimischen Frau. Eine Hochzeit zwischen einem muslimischen Mann und einer Christin ist dagegen erlaubt – auch, weil dann die Kinder in dem Fall automatisch Muslim*innen werden. Früher dachte Mina, dass seine zukünftige Ehefrau sowohl Christin als auch Jungfrau sein müsse. Heute lebt er mit seiner deutschen Ehefrau in Berlin. 

„Dass meine Frau nicht gläubig ist und bei unserer Hochzeit damals keine Jungfrau mehr war, wäre für mich früher ein Tabu gewesen. Während meines Studiums habe  ich angefangen, meine Überzeugungen zum Thema Enthaltsamkeit zu hinterfragen. Ich habe neue Ideen und Freunde kennengelernt. Darunter sind etwa Frauen gewesen, die nicht an Gott glaubten, oder welche, die mir erzählten, wie sehr sie unter dem Druck litten, keinen Sex vor der Ehe haben zu dürfen. Als ich dann vor drei Jahren meine deutsche Frau in Ägypten kennengelernt habe, fand ich es toll, wie unabhängig und frei sie war. Und mir war damals schon klar, dass es egal ist, mit wie vielen Männern sie vor mir geschlafen hatte.

Die ideale Ehefrau muss für die meisten Kopten nicht nur Jungfrau, sondern auch Christin sein

Ich hatte meinen ersten Sex, als ich 17 Jahre alt war. Zwar sollte man in Ägypten auch als Mann keinen Sex vor der Ehe haben, trotzdem nutzen die meisten Männer jede Gelegenheit dazu. Nach dem Sex hatte ich ein schlechtes Gewissen – aber vor allem habe ich mir Gedanken um die Frau gemacht, mit der ich geschlafen hatte. Ich habe sie damals innerlich verurteilt, weil sie als unverheiratete Frau keine Jungfrau mehr war. Ich bin mir sicher gewesen, dass ich nie mit ihr zusammen sein könnte, geschweige denn mit ihr verheiratet. Sie war ja nicht halal, also nicht sauber. Heute weiß ich, dass meine Gedanken falsch waren. Aber so denken viele ägyptischen Männer über Frauen. Und die meisten Männer, die vor der Ehe Sex mit einer Frau haben, heiraten diese am Ende nicht.

Die ideale Ehefrau muss für die meisten Kopten aber eben nicht nur Jungfrau, sondern auch Christin sein. Zwar ist es das Normalste auf der Welt, dass Muslime und Christen miteinander befreundet sind. Aber eine Beziehung oder gar eine Heirat zwischen einem Kopten und einer Muslimin scheint nicht nur undenkbar – es ist nach dem ägyptischen Gesetz sogar verboten. Trotzdem habe ich mit 19 Jahren eine Muslimin geküsst. Danach haben wir uns noch ein paar Mal heimlich getroffen. Weder ihre noch meine Familie durften etwas davon erfahren. Es hätte passieren können, dass unsere Familien nicht mehr mit uns reden, oder sogar gewalttätig würden. Es gibt auch Familien, die in diesem Fall die Polizei rufen. Dann würde man zwar eher nicht ins Gefängnis kommen, aber es kann passieren, dass Medien darüber berichten. Aus diesen Gründen ist für uns immer klar gewesen: Wir können nicht zusammen sein. Irgendwann haben wir aufgehört, uns zu sehen. Kurze Zeit später hat sie sich mit einem muslimischen Mann verlobt.

Wenig später habe ich mich in eine Frau verliebt – und diesmal war sie sowohl Christin als auch Jungfrau. In den zweieinhalb Jahren unserer Beziehung haben wir uns kein einziges Mal geküsst, obwohl ich es versucht habe. Doch als ich mich zu meiner ehemaligen Freundin gebeugt habe, ist  sie mir ausgewichen und hat das Gesicht verzogen . Dann hat sie mich gefragt, ob alles okay sei. Ich sagte: „Ja. Und bei dir?“ – „Alles okay.“ Daraufhin hat sie nur gelächelt und das Thema gewechselt. Es war für mich damals ganz normal, dass wir zweieinhalb Jahre nur Händchen gehalten haben, schließlich waren wir noch nicht verheiratet. Das wollten wir ändern, sobald wir unser Studium beendet und einen guten Job angefangen hatten. Eine Hochzeit ist nicht nur ein Symbol für ein solides, erfolgreiches Leben. Sondern auch der gesellschaftlich akzeptierte Weg zu Sex. Aber  am Ende haben wir uns getrennt, bevor wir unser Studium beendet hatten.

Nach meiner ersten richtigen Beziehung hat sich meine Haltung gegenüber Sex und der Ehe langsam verändert. Das war nach der ägyptischen Revolution 2011, die für viele junge Menschen auch eine geistige Befreiung gewesen ist. Vieler meiner Freundinnen und Freunde haben den Glauben abgelegt und sind Atheisten geworden, viele Frauen haben schon damals für Gleichberechtigung gekämpft. Da habe ich angefangen zu verstehen, dass es nicht fair ist, dass ich anders als meine Freundinnen Sex vor der Ehe haben kann, ohne Angst haben zu müssen, dass ich deswegen niemanden zum Heiraten finde. Und das nur, weil ich einen Penis habe. Heute bin ich nicht mehr besonders gläubig und finde, dass es einen Mann nichts angeht, ob eine Frau vor der Ehe Sex hat oder nicht. Viele meiner alten Freunde und Familienmitglieder denken aber anders. Ich akzeptiere das, weil ich weiß, dass sie wegen ihres Umfelds und ihrer Familie so denken. 

Ich habe sofort an ihr gemocht, was mich früher an anderen Frauen abgeschreckt hatte: Dass sie so stark und unabhängig wirkt

Meine Einstellung zu Liebe und Sex hat sich auch durch meine deutsche Ehefrau verändert. Ich habe sie auf Tinder kennengelernt, als sie gerade in Ägypten Urlaub gemacht hat. Ich war damals beim Militär, also konnten wir uns nicht treffen. Wir haben uns ein Jahr lang nur hin und her geschrieben. Ich habe sofort an ihr gemocht, was mich früher an anderen Frauen abgeschreckt hatte: Dass sie so stark und unabhängig wirkt. Dass sie schon so viel erlebt hatte. Schließlich ist sie nach Kairo geflogen, um dort für zwei Wochen Urlaub zu machen, ich  habe sie vom Flughafen abgeholt. In der Zeit danach haben wir viel Zeit miteinander verbracht, uns geküsst und miteinander geschlafen. Als ich sie dann meinen Eltern vorstellt habe, haben sie sie zum Glück akzeptiert. Trotzdem haben sie ihr am Anfang viele Fragen gestellt. Woher kommst du? Was machen deine Eltern? Willst du mal heiraten? Weil sie eine Europäerin ist, hat es dieses Kreuzverhör gebraucht, aber jetzt trauen sie ihr.

Heute leben wir zusammen in Berlin. Damit ich ein Visum bekommen konnte, heirateten wir in Deutschland. Meine Hochzeit ist ganz anders gewesen, als ich sie mir früher vorgestellt hatte: In Ägypten kommen normalerweise 300 bis 400 Gäste. Zu unserer sind dagegen nur die engsten Freunde eingeladen gewesen. Obwohl ich diesen Tag sehr genossen habe, wollen wir eines Tages noch einmal in Ägypten heiraten. Vor der Hochzeit sagte mir meine Ehefrau, dass sie keine teuren Hochzeitsgeschenke von mir möchte. In Deutschland heiraten Menschen, weil sie sich lieben, nicht, weil sie genug Geld dafür haben. Auch in Ägypten gibt es Paare, die heiraten wollen, obwohl der Mann kein Geld hat. Aber meistens verhindert die Familie dann die Hochzeit.

Mir fiel es lange schwer, in Deutschland Fuß zu fassen. Der Kulturschock war einfach zu groß. Laut reden ist hier zum Beispiel verpönt. In Berlin werde ich böse angeschaut, wenn ich in der U-Bahn laut mit einem Freund telefoniere. Neben der Ruhe ist den Menschen auch ihre Freiheit heilig. Das führt auch in meiner Ehe zu Missverständnissen. Meine Frau ist gerne alleine unterwegs. Wenn ich sie dann frage, wo sie gerade ist und was sie macht, reagiert sie manchmal genervt. In Ägypten ist es normal, Menschen, die man liebt, mehrmals am Tag zu fragen, was sie gerade unternehmen. Meine Frau dagegen fühlte sich durch die vielen Nachfragen eingeengt und dachte, dass ich sie kontrollieren möchte. Aber wir haben miteinander geredet und das geklärt. Zum Glück sind wir beide offen und tolerant – und verstehen, wenn der andere mal etwas nicht versteht.“

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