„Liebe muss man sich leisten können“

Sameh hat jahrelang für seine Hochzeit gespart. Doch inzwischen hat er den Glauben an die Ehe verloren.
Protokoll von Alexander Gutsfeld
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Illustration: jetzt

Potente Machos und prüde Jungfrauen. Über arabische Männer und Frauen gibt es viele Vorurteile. In der Kolumne „Sex auf Arabisch“ reden sie über Geschlechterrollen, Liebe und Sex – und ihr Verhältnis zu Deutschland.

Sameh, 31, lebt in der ägyptischen Hauptstadt Kairo. Seine Familie hat nur wenig Geld. Mit Anfang 20 nahm er sich vor, genug zu verdienen, um später heiraten zu können. Denn die Kosten für eine Hochzeit sind in Ägypten hoch und müssen fast ausschließlich vom Ehemann bezahlt werden. Weil viele junge Männer dafür zu arm sind, heiraten die Menschen in Ägypten immer später. Sameh hat in den vergangenen Jahren in einem erfolgreichen Start-up gearbeitet und genug Geld für eine Hochzeit verdient. Trotzdem möchte er nicht mehr heiraten. Er erzählt:

„Liebe muss man sich leisten können, ganz besonders in Ägypten. Als ich mich mit Anfang 20 in meine Arbeitgeberin verliebte, konnte ich das nicht. Ich arbeitete als Kellner in einem Café. Meine Chefin war süß, lebte in einem wohlhabenden Stadtteil und kam aus einer reichen Familie. Das alles machte sie unerreichbar für mich. Denn ich hatte damals weder eine eigene Wohnung noch einen richtigen Job. Wer als Mann in Ägypten heiraten möchte, braucht Geld, erst recht wenn die Frau reich ist. Also beschloss ich, Karriere zu machen und erst zu ihr zurückzukehren, wenn ich einen guten Job habe. Heute, zehn Jahre später, habe ich meine beruflichen Ziele erreicht. Aber den Glauben an die Ehe habe ich inzwischen verloren.

„Für meine Eltern war die Welt voller Versuchungen

Meine Eltern hatten nie viel Geld. Was ihnen an Vermögen fehlte, glichen sie mit ihrem muslimischen Glauben und ihrer strengen Sexualmoral aus. Sie machten mir andauernd ein schlechtes Gewissen. Wenn ich ein fremdes Mädchen anschaute, beging ich in ihren Augen eine Sünde. Und wenn ich vor dem Gebet die Hand einer Frau geschüttelt hatte, musste ich mir die Hände waschen. Für meine Eltern war die Welt voller Versuchungen, vor denen sie mich beschützen mussten. Die Ehe war für sie der einzige Ort, an dem man Sex haben kann, ohne sich schuldig zu machen.

Als Teenager hatte ich kaum Kontakt zu Frauen. Als ich 16 war, besuchte meine Familie Verwandte in Oberägypten. Sie hatten eine 14-jährige Tochter. Ihre Mutter wollte uns miteinander verkuppeln. Also setzte sie ihre Tochter auf mich an. Wir gingen zusammen spazieren und verbrachten viel Zeit miteinander. Sie flirtete mit mir und lachte über jeden meiner Witze. Ich war damals so einsam, dass ich ernsthaft darüber nachdachte, mich mit ihr zu verloben. Nicht weil ich verliebt war. Sondern weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass noch andere Möglichkeiten auf mich warteten. Doch meine Mutter war der Meinung, ich sei zu jung für eine Verlobung. Aus diesem Grund diskutierten wir das Thema nie mit meinem Vater. Für eine Verlobung hätte ich seine Zustimmung gebraucht.

„In Wahrheit ist die Ehe für die meisten Menschen nur ein komplizierter Umweg

Nach meinem Schulabschluss verliebte ich mich in meine Chefin. Ohne ihr je meine Liebe gestanden zu haben, schmiedete ich Hochzeitspläne. Doch bevor meine Zukunft beginnen konnte, musste ich für drei Jahre zum Militär. Eines Morgens spazierte ich um sechs Uhr morgens in meiner Uniform zum Truppenstandort. Ein Mann ging an mir vorbei, er war komplett nackt. Zuerst glaubte ich, er sei verrückt. Doch dann verstand ich, dass er viel freier war als ich. Denn die Blicke der Menschen prallten an ihm ab. Er hatte sich entschieden, die gesellschaftlichen Erwartungen zu ignorieren. Ich dagegen musste jeden Tag meine Uniform tragen. An diesem Tag begann ich, die Werte unserer Gesellschaft zu hinterfragen.

Irgendwann stellte ich auch die gängigen Vorstellungen von Liebe und Ehe in Frage. Heute glaube ich, dass sie verdecken sollen, worum es in Beziehungen eigentlich geht: um Sex. Wir alle brauchen ihn, darin unterscheiden wir uns nicht von anderen Tieren. Indem wir unsere Triebe in die Institution Ehe sperren, versuchen wir, sie zu kontrollieren. Sie soll Sex den Anschein von Zivilisiertheit geben. In Wahrheit ist die Ehe für die meisten Menschen aber nur ein komplizierter Umweg, um endlich an Sex zu kommen. Ich habe mich entschieden, keine Umwege mehr zu gehen. Meine bisherigen Freundinnen kamen alles aus Europa, denn für sie ist es normal, auch vor der Ehe Sex zu haben. Ich arbeite inzwischen bei einem erfolgreichen Start-up. Meine Heiratspläne mit meiner ehemaligen Chefin habe ich aufgegeben und akzeptiert, dass sie die romantische Träumerei eines jungen Mannes waren, der sich nach Sex und Liebe sehnte.

Vor fünf Jahren begegnete ich in Kairo einer Deutschen, für die ich meine Skepsis gegenüber der Liebe aufgab. Als wir uns kennenlernten, sagte ich: Ich glaube zwar, dass die Liebe eine Lüge ist – trotzdem bin ich verliebt in dich. Drei Jahre später hätten wir beinahe geheiratet. Nicht weil sich mein Standpunkt gegenüber der Ehe geändert hätte, sondern weil nur eine Heirat mir ermöglicht hätte, bei ihr in Berlin zu leben. Aber sie wollte diesen Schritt nicht gehen. Weil sie nicht in Ägypten leben wollte und ich ohne Hochzeit nicht nach Deutschland ziehen konnte, trennten wir uns. Wie gesagt, Liebe muss man sich leisten können. Auch in Europa.“

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