Was mir das Herz bricht: Chefs auf der Weihnachtsfeier

... denn an diesem Tag wollen auch sie einfach nur dazugehören.
Von Maike Frye

Illustration: Federico Delfrati

Als Mitarbeiter in einem großen Unternehmen hat man oft eine natürliche Distanz zu seinem Chef. Geschaffen wird diese durch den Umstand, dass er oder sie nun mal der eigene Vorgesetzte ist und meist schon mehr Lebens- und auch Berufserfahrung hat. Schon am ersten Arbeitstag werden die Rollen also eindeutig verteilt. Während sich der Chef zum Beispiel mit „Herr Gottwald“ vorstellt, kennt man von den Kollegen nur die Vornamen und findet das direkt sympathisch. So werden schon bald aus den anfangs noch so fremden Menschen im Büro gute Bekannte, ein Team oder bestenfalls sogar Freunde. Und auch mit dem Chef kommt man gut klar, jedoch heißt er nach wie vor Herr Gottwald, Vorname zwar nicht unbekannt, jedoch stets ungenannt. Er ist die Respektsperson, der man auf dem Flur freundlich zulächelt und bei der man aber hofft, nicht noch ins Büro zitiert zu werden. Denn letztendlich kenne vermutlich nicht nur ich folgende Situation: Kaum taucht auf dem Display die Nummer meines Chefs auf, schnellen die Augenbrauen meiner Kollegen in die Höhe, mir werden vielsagende Blicke zugeworfen und ich frage mich, ob ich vielleicht etwas falsch gemacht habe.

Im Büro des Chefs stellt sich dann aber schnell heraus: Er möchte nur wissen, wie es mir bisher in seinem Unternehmen gefällt, ob ich mich wohlfühle. Ich schäme mich innerlich für meine negativen Vermutungen. Und dann stellt er die Frage aller Fragen: „Kommen Sie denn eigentlich auch zur Weihnachtsfeier?“ Dabei schaut er mich fast wie ein Kind an, das jemanden zu seinem Geburtstag einlädt und innerlich betet, dass das Gegenüber nicht absagt oder etwas Besseres vorhat. Und in diesem Moment wird mir klar: Die Rollenverteilung im Büro ist auch für meinen Chef nicht immer vorteilhaft. Einmal im Jahr möchte er ganz besonders dazugehören: am Tag der Weihnachtsfeier. Diese Erkenntnis, gepaart mit dem flehenden Blick in seinen Augen bricht mir ein bisschen das Herz. Ich erlöse ihn und sage: „Natürlich bin ich dabei, ich freue mich schon.“ Und das ist nicht einmal gelogen. Trotzdem wird die Weihnachtsfeier mein Herz wenige Tage später noch einmal auf eine harte Probe stellen.

Die Taktik: Kräuterschnaps für alle!

Und dann ist es soweit: Die Belegschaft hat sich herausgeputzt und sitzt versammelt im Restaurant, wo bereits der verführerische Duft des Buffets herüberweht. Alle warten nur noch auf den Startschuss. Doch zunächst läute Herr Gottwald, extra herausgeputzt in Jackett mit weihnachtlich-roter Krawatte, den Abend mit der obligatorischen Dankesrede ein. Er lobt überschwänglich die Arbeit der Kollegen und betont noch einmal, wie sehr er sich darauf gefreut hat, diesen Abend nun gemeinsam zu feiern. Nachdem meine Kollegin bereits zum dritten Mal leise bekundet hat, dass sie gleich verhungert, wird endlich das Buffet eröffnet. Und insgeheim tut es mir leid, dass die wohlüberlegte Rede meines Chefs, die er sicherlich fünf Mal daheim vor dem Spiegel geübt hat, von unseren Gedanken an das bevorstehende Essen überlagert wurde.

Nach dem Essen geht es für viele auf einen Absacker an die Bar. Sofort bilden sich die altbekannten Grüppchen, in denen ausgelassen über Privates geplaudert wird. Herr Gottwald hingegen scheint noch nicht so recht zu wissen, zu welchem der Mitarbeiterkreise er sich nun dazugesellen soll. Schließlich besteht für ihn aufgrund der getrennten Räume im Büro keine natürliche Zugehörigkeit zu einer dieser Gruppen. Verflucht sei das Einzelbüro!

Unschlüssig, was nun zu tun ist, genehmigt er sich erstmal einen Drink und überbrückt die Zeit im Gespräch mit dem Barkeeper. Aber der gute Mann muss schließlich auch arbeiten. Um nun in einen der Kreise aufgenommen zu werden, braucht es eine Taktik. Und die scheint Herr Gottwald in diesem Moment gefunden zu haben: Schon balanciert er unbeholfen ein Tablett mit Kräuterschnaps durch den Raum. Bevor er die wertvolle Fracht jedoch auf der Kollegin mit dem weißen Oberteil verschütten kann, übernimmt diese noch gerade rechtzeitig das Tablett. Man prostet sich zu und kommt kurz ins Gespräch. Auch wenn dem Chef sein Schnaps nicht sonderlich zu schmecken scheint, bin ich erleichtert. Für einen Moment ist er integriert. Mein Herz kann wieder ruhiger schlagen

Niemand in diesem Raum nimmt ihn heute als Privatperson wahr

Doch dann dreht der DJ auf und alle haben nun – auch dank zahlreicher weiterer Kräuterschnaps-Runden des Chefs – genug intus, um die Tanzfläche zu stürmen. Herr Gottwald mischt sich ebenfalls unter das feiernde Volk, lockert seine Krawatte und wirft sein Jackett über einen Barhocker. Dann wippt er vor dem DJ-Pult zum Beat ein wenig von einem Bein auf das andere, kreist die Hüfte und nickt mit dem Kopf. Bei den Kollegen sorgt jedoch allein schon die Tatsache, dass ihr Chef überhaupt tanzt, für irritierte Blicke. Zu sehen, wie die Gruppen um ihn herum unauffällig die Position wechseln, um woanders ausgelassener tanzen zu können, bricht mir das Herz. Denn heute Abend möchte der Chef doch so gerne einfach nur einmal Teil der Partygemeinschaft sein. Und dazu zählt nun mal auch das Tanzen. Man sieht seinem Blick förmlich an, dass er sich fragt: „Woran liegt das? Tanze ich so schlecht?“ Insgeheim beantworte ich seine Frage: Nein, das ist es nicht. Das Problem: Niemand in diesem Raum nimmt ihn heute als Privatperson wahr. Stattdessen prangt für alle außer ihn gut sichtbar der Stempel „Chef“ auf seiner Stirn. Und der wird ihm zu Verhängnis.

Gegen ein Uhr nachts leert sich die Tanzfläche zunehmend, das Ende der Feier scheint nah. Plötzlich legt sich eine Hand von hinten auf meine Schulter. Sofort zucke ich zusammen, wirble herum und blicke erschrocken in die Augen meines Chefs, der wohl ebenso überrascht von meiner Reaktion ist: „Oh, tut mir leid, ich wollte Sie nicht erschrecken. Ich wollte nur Bescheid sagen, dass ich jetzt gehe und Ihnen allen noch eine tolle Feier wünsche“, sagt er fast schon schuldbewusst, während er anschließend noch einmal unsicher in die Runde winkt. Seinen Plan, allen verbliebenen Gästen persönlich Tschüss zu sagen, habe mit meinem schockierten Blick wohl unabsichtlich zunichte gemacht. Nachdem alle brav zurückgewunken und Herrn Gottwald noch eine gute Heimfahrt gewünscht haben, fällt die Tür hinter ihm ins Schloss. Und mein Herz verspürt einen letzten Stich. Die Party geht dann natürlich einfach ohne ihn weiter. Sein Fehlen fällt ja auch nicht weiter auf.

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