Horror-Date: Wenn man ungewollt zum Seitensprung wird

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Dating-Situation: Hoteltreffen mit Aussicht auf ein schickes Dinner (oder auch nicht) Geschlecht, Alter und Vibe des Dates: männlich, Mitte-Ende 20, wandelnde Red Flag 

Horrorstufe: 8 von 10

Als im Frühjahr 2021 eine meiner Beziehungen endete, war ich emotional am Boden. Die vergangenen viereinhalb Jahre hatte ich mit derselben Person verbracht, ein halbes Jahr davon in einer offenen Beziehung. Nun sah ich meine Zukunftspläne dahinschwinden und stürzte mich, frisch als polyamor geoutet, nicht nur in eine neue Beziehung – sondern auch in die dubiose Online-Dating-Szene. 

Im Juli matchte ich also Jake (Name geändert). Er war Soldat, gerade auf einer Basis in Deutschland stationiert und sah auf seinen Fotos ziemlich gut aus. So gut sogar, dass ich beschämenderweise meine „No Cops, No Military“-Regel aus dem Fenster warf und mich mit ihm auf ein lockeres Treffen verabredete. Jake schlug vor, für ein Wochenende zu mir in die Großstadt zu kommen. Er buchte ein Hotel und lud mich erstmal auf einen Drink ein, bevor wir in die Stadt und durch ein paar Bars ziehen wollten. 

Drinks bedeuteten in diesem Fall: Fanta und Tequila in den Red Cups, die ich aus den typischen amerikanischen Teenie-Filmen kannte. Nicht ganz, was ich erwartet hatte, aber nach einer Langzeitbeziehung wusste ich eben auch nicht so richtig, was mich auf Dates überhaupt erwarten sollte. Wir machten ein wenig Smalltalk über erste Alkohol-Eskapaden, Reisen, Beziehungsformen und Ex-Partner:innen. Es blieb sehr oberflächlich, bis wir auf seine Karriere beim Militär zu sprechen kamen. Ich muss gestehen: Ein Teil von mir hatte gehofft, dass Jake als Büromensch oder Mediziner bei der Army angestellt war, um mein Gewissen zu beruhigen. Dem war natürlich nicht so. Etwa zwei Meter groß und gebaut wie ein Schrank, zeigte er mir fast stolz eine Narbe auf seiner Hand. Granatentraining. In AFGHANISTAN. Spätestens in diesem Moment hätte ich als überzeugte Anti-Imperialist:in meine Sachen packen und gehen sollen.

Es kam jedoch anders: Ich schäme mich sehr, muss aber gestehen, dass wir sehr mittelmäßigen Sex hatten. Sagte nicht einmal jemand, gebrochene Herzen würden Dinge tun, die sie später bereuen? Nein? Naja, ich werde mich weiterhin auf dieser Ausrede ausruhen. Nach dem Sex riet mir irgendein Gefühl, schnell unter die Dusche zu springen und einer Freundin zu texten, die gerade in der Stadt unterwegs war (Danke rückblickend an mein Bauchgefühl, denn diese Verabredung würde ich später noch brauchen).

Mir wurde klar, was hier lief: Jake hatte eine Freundin   

Als ich ins Zimmer zurückkehrte, klingelte Jakes Handy. Ich merkte, wie er sofort unruhig wurde. Jemand mit ein wenig Grips hätte sich an seiner Stelle jetzt wohl eine Ausrede ausgedacht und wäre zum Telefonieren auf den Balkon gegangen. Er jedoch ging tatsächlich, neben mir, nur mit Boxershorts bekleidet, an sein Telefon.  

„Hey Hun, I just got back from the gym, how are you doing?“ – eine fröhliche, weiblich gelesene Stimme tönte aus den Handylautsprechern. Als ich auch noch sein nervöses Grinsen in meine Richtung registrierte, wurde mir klar, was hier lief: Jake hatte eine Freundin, die sich gerade im sonnigen Kalifornien nichtsahnend auf seinen kommenden Besuch freute. Seine Antwort bestätigte meine Befürchtung: „Nothing, I’m just chilling in bed.“

Das es sich um ein fremdes Hotelbett etwa zweieinhalb Stunden von seiner Kaserne entfernt handelte, schien er lieber unerwähnt zu lassen. Das war mein Stichwort. Kopfschüttelnd griff ich nach meinem Shirt und verzog mich ins Bad. Glücklicherweise war meine Freundin noch unterwegs, und nach einem kurzen Telefonat auf Deutsch, das er nicht verstand, war sie bereit, sich mit mir auf einen Cocktail zu treffen. 

Jake hatte sich derweil nicht von der Stelle bewegt und sprach mit seiner Freundin am Telefon – ohne rot zu werden, ohne einen Funken Scham. Er brauchte einen Moment, um zu realisieren, dass ich bereits aufbruchbereit an der Tür stand. Statt sein Telefonat zu beenden, stellte er sein Telefon einfach auf stumm. Wie er das erklären wollte, war mir ein Rätsel, aber in diesem Moment einfach egal. Ich war ja schließlich auf sehr dringend gebrauchte Drinks verabredet.

Er versuchte, mich davon zu überzeugen, dass alles nicht so sei wie es aussah. Seine Freundin und er seien noch nicht lange zusammen, aber er liebe sie sehr und die Entfernung mache ihm zu schaffen. Zu seiner seltsamen Liebeserklärung an die Frau, die er gerade ohne Erklärung am Telefon warten ließ, bekam ich sogar gemeinsame Urlaubsfotos der beiden unter die Nase gehalten. Sie spielte definitiv in einer weit höheren Liga als er. Ich erklärte ihm nur, dass er das Bedürfnis nach einer offenen Beziehung doch lieber mit ihr bequatschen sollte und ich nicht bereit wäre, eine weitere geheime Affäre auf der anderen Seite des Atlantiks zu werden. Als ich ging, konnte ich ihn durch die sich schließende Tür noch etwas von: „Sorry, bad connection …“ faseln hören.

Am nächsten Tag erhielt ich von ihm eine Nachricht als Antwort auf meine Snapchat-Story. Er fragte, warum ich ihn denn nicht zum Cocktail-Trinken mitgenommen hätte. Ich entfernte den Kontakt.

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