[object Object]

Illustration: jetzt

Dating-Situation: Treffen bei ihm daheim

Geschlecht und Alter des Dates: männlich, 38 Jahre

Horror-Stufe: 5 von 10

Ich hatte Max (Name geändert) am Wochenende beim Weggehen kennengelernt. Er war auf den ersten Eindruck sympathisch und zudem ganz gut aussehend. Das beste war jedoch, dass er sich nicht, wie die meisten anderen Männer, davon abschrecken ließ, dass ich ein fünfjähriges Kind habe.

Er lud mich zu sich nach Hause ein. In „Vorbereitung“ auf unser Treffen sah ich mir sein Facebook Profil an. Ich stellte fest, dass er sehr viele semi-professionelle Modelfotos hatte, die man super für eine Bewerbungsmappe als Bachelor-Kandidat hätte nutzen können. Da mir solche selbstdarstellerischen Ambitionen sehr fremd sind, war ich schon etwas verschreckt. Trotzdem ging ich zu ihm.

Als ich seine Wohnung betrat, war ich erstmal komplett von seinem Eingangsbereich erschlagen. An einer Wand hingen mindestens zwanzig „Modelbilder“ von ihm. Bei der Führung durch seine Wohnung fiel mir auf, dass zwei Zimmer leer standen, woraufhin er meinte, dass das eine für meinen Sohn sei und das andere für unser gemeinsames Kind. Als wir mit der Führung fertig waren, erklärte er, dass er noch kurz ein paar Dinge in seinem Schlafzimmer aufräumen müsse. Nachdem er 30 Minuten lang Wäsche zusammen gelegt hatte, holte er einen Fusselrasierer und fing an, seine Matratze zu rasieren. Ich fragte irritiert was er da tue, er erwiderte, dass er es für mich später perfekt haben wolle. Da er sich nicht davon abhalten ließ und wir bereits Essen bestellt hatten, schaute ich ihm also noch eine Weile dabei zu, wie er seine Matratze entfusselte und mir dabei immer wieder laszive Blicke alla „ich beiße mir auf die Unterlippe“ zuwarf.

Das Ganze wurde noch unerträglicher, weil er ohne Unterbrechung davon erzählte, dass er bald 100.000 Euro im Jahr verdienen würde und seine Fotos ohne seine Erlaubnis unglaublich oft für Tinder-Profile genutzt würden, weil er so gut aussähe. Außerdem berichtete er stolz von seinem letzten Tinder-Date. Die Frau sei etwas kräftiger gewesen als auf ihren Bildern, darum habe er das Date sofort mit den Worten „einen guten Charakter kann man nicht f***“ beendet. Da mich sein Monolog völlig sprachlos machte, stellte er fest, dass ich ja nicht besonders viel zu erzählen hätte. Woraus er schloss, dass ich nicht besonders interessant sei, was allerdings egal sei, da er mich schön fände. Endlich kam unsere Pizza.

Leider brach der Monolog nicht ab. Er eröffnete mir, dass er eine Zeit lang im Heim gelebt habe, da seine alleinerziehende Mutter überfordert gewesen sei. Er war der Meinung, dass junge Eltern, inklusive mir (ich habe meinen Sohn mit 22 Jahren bekommen) nicht in der Lage seien, Kinder zu erziehen. Zudem war er überzeugt davon, dass mein Kind mein Leben versaut habe, weil ich nach der Geburt mein Psychologiestudium abgebrochen hatte. Er stellte fest, dass wir in einer verkommen Gesellschaft lebten, da Kinder ohne ein Gefühl für Anstand erzogen werden würden. Ich denke, es kommt an dieser Stelle nicht als große Überraschung, dass er auch eine gewisse Affinität für Parolen der AfD hatte. Als ich nachhakte, ob diese „Verkommenheit“ auch auf ihn zuträfe, erwiderte er, dass er sich selbst erzogen habe – und zwar besser als es je jemand anderes hätte machen können – indem er viele Bücher über Psychologie gelesen und sehr viel Selbstreflexion betrieben habe. Er offenbarte mir, dass er hochbegabt sei, was aber immer verkannt worden sei. Deshalb sei es selbstverständlich, dass seine Kinder auch einmal hochbegabt sein würden. Das wolle er fördern, indem sie nicht Fernsehen dürften, bis sie zehn Jahre alt seien, und sollten sie deswegen einmal geärgert werden, würde er die Kinder und deren Eltern verprügeln.

Während er seine Pizza mit Schinken vom billigsten Take-away der Gegend verschlang, bemängelte er, dass mein Kind schon mal bei McDonald's gewesen war (darüber hatten wir kurz gesprochen), wo dort doch die Qualität des Fleisches so schlecht sei. Trotz seiner offensichtlichen Vorliebe für Billigfleisch und der Tatsache, dass er sehr viel Wert auf mindestens drei Billigflug-Fernreisen im Jahr legte, kritisierte er alle Menschen, die nicht einen radikal nachhaltigen Lebensstil führten.

Abschließend kann ich sagen, dass ich so viel reflektiertes und intelligentes Gerede nicht ein zweites Mal ertragen hätte.

Dieser Text stammt von einer jetzt-Leserin. Sie hat darum gebeten, anonym bleiben zu dürfen, ihr Name ist der Redaktion aber bekannt.

Mehr Horror: